Wirtschaftsentwicklung Belgrad, der Boom und die Kriegsverbrecher

In Serbien wächst die Wirtschaft kräftig - doch der Unsicherheitsfaktor bleibt hoch. Solange der mutmaßliche Kriegsverbrecher Ratko Mladic nicht ausgeliefert wird, werden Investoren weiterhin einen Bogen um das Balkanland machen.
Von unserem Mitarbeiter

Belgrad - Gemessen an den horrenden Wohnungspreisen, ist Belgrad längst im Westen angekommen. Mit rund 2000 Euro pro Quadratmeter kann sich der Belgrader Immmobilienmarkt schon jetzt mit jeder westlichen Stadt messen. Wie sich die Bevölkerung bei einem monatlichen Durchschnittseinkommen von 250 Euro dies leisten können soll, ist allerdings unklar.

Belgrad boomt, so scheint es zumindest oberflächlich. Nach Angaben des Wiener Instituts für internationale Wirtschaftsvergleiche wuchs die serbische Wirtschaft im vergangenen Jahr um stolze 6,5 Prozent. Für 2006 werden immerhin 4 Prozent erwartet. Doch politische Unsicherheiten und vielfältige Korruptionsskandale scheinen einem substanziellen Boom in Serbien noch immer entgegenzustehen.

Noch sind westliche Investoren in Serbien nur mit der Lupe zu finden, mit Ausnahme der Banken. Im Bankensektor tummelt sich bereits alles, was in Osteuropa Rang und Namen hat: Allen voran die Österreicher, gefolgt von Italienern, Griechen, Deutschen - und Slowenen. Banken und Investmentfonds aus der Republik zwischen Alpen und Adria sind verstärkt auf der Pirsch nach Übernahmeobjekten in den ehemaligen Bruderrepubliken. Die Banken setzen voll auf den realwirtschaftlichen Aufschwung, ohne den auch sie auf Dauer nicht überleben können. Noch reiten sie auf der Welle eines Konsumbooms, der nach Jahren der Sanktionen und Entbehrungen in der Bevölkerung ausgebrochen ist.

Henkel zählte zu den ersten Investoren

Aus der produzierenden Wirtschaft haben bislang nur wenige Unternehmen den Weg in das Herz des Balkans gefunden. So zählen US-Steel mit den 2003 gekauften Stahlwerken in Smederovo und Sabac und der US-Dosenproduzent Ball Packaging mit einer 2004 auf der grünen Wiese neu gebauten Fabrik weiterhin zu den größten ausländischen Investoren. Der dänische Bierriese Carlsberg mischt seit 2003 mit eigenen Brauereien den serbischen Biermarkt auf.

Aus Deutschland hat sich besonders der Haushaltsmittelproduzent Henkel früh vorgewagt. Im Jahr 2002 kaufte er die Mehrheit am Wettbewerber Merima in Krusevac.

Unauffindbare "Kriegshelden"

Die Regierung hofft, mit weiteren Privatisierungen frisches Kapital ins Land zu locken. So interessieren sich derzeit beispielsweise westliche Bergbaufirmen für die heruntergewirtschafteten Buntmetallminen im Land. Doch wirtschaftliche und politische Unwägbarkeiten halten noch viele Unternehmen vom Serbien-Engagement ab. Das größte Problem: Weder die politische Klasse, noch die Bevölkerung scheinen sich wirklich entschieden zu haben, ob sie zu Europa gehören wollen. Der Mord am westlich orientierten Präsidenten Zoran Djindjic im Jahr 2003 bedeutete eine deutliche Abkehr von den Werten des Westens.

Markthändler verkaufen Mladic- und Karadzic-Bildchen

Der elementare Prüfstein ist momentan die Auslieferung der mutmaßlichen Kriegsverbrecher Radovan Karadzic und Ratko Mladic an das Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag. Sollten die beiden Militärführer, die den Bosnien-Krieg organisierten und für das Massaker von Srebrenica im Juli 1995 verantwortlich gemacht werden, nicht bis Ende Februar ausgeliefert sein, droht das ohnehin frostige Verhältnis zu Brüssel auf den elementaren Nullpunkt abzusinken. Die einem Mitgliedschaftsantrag vorausgehenden Stabilisation and Association Agreements würden dann in weite Ferne rücken. Mladic- und Karadzic-Bildchen werden noch immer auf Flohmärkten verkauft und ein Konterfei von Slobodan "Slobo" Milosevic ziert eine Fassade unweit des Prestigehotels Alexander im Zentrum von Belgrad. Doch angeblich sind die beiden "Kriegshelden" weiterhin unauffindbar. Meldungen von einer angeblichen Festnahme Mladics, die Mitte dieser Woche kursierten, erwiesen sich als verfrüht.

Nach Presseberichten hat Mladic jedoch Laufburschen, die jeden Monat seine Pension von der staatlichen Rentenkasse abholen und seine Schergen sollen Verteidigungsminister Zoran Stankovic jahrelang bespitzelt haben. Der Minister verband nun sein politisches Schicksal mit der Auslieferung Mladics. Dass Kroatien im vergangenen Jahr den mutmaßlichen Kriegsverbrecher Ante Gotovina ausgeliefert hat, erhöht den Druck auf Serbien nun noch zusätzlich.

Die Statusverhandlungen über das Kosovo und das bevorstehende Referendum zur Unabhängigkeit Montenegros tun das ihrige, um die Unsicherheit zu verschärfen. Kaum ein politischer Beobachter rechnet damit, dass die abtrünnigen Landstriche bei Serbien verbleiben können.

Gefährliche Brücken aus der Politik in die Wirtschaft

Die Unsicherheit nährt sich nicht aus der Frage des Ausgangs der Sezessionsbestrebungen, sondern aus der Frage nach der Reaktion des serbischen Stolzes. Wenn der Verlust von Kosovo und Montenegro die Minderheitsregierung von Vojislav Kostunica aus dem Amt hebeln und die Ultranationalisten an die Macht spülte, sagen viele Experten düstere Aussichten für eine schnelle wirtschaftliche Entwicklung voraus. Mit einem erneuten Waffengang im Amselfeld wird zwar kaum gerechnet, auf dem Balkan ist jedoch nichts unmöglich.

Auch die grassierende Korruption und Rechtsunsicherheit lässt viele westliche Investoren Pläne für Geschäftsgründungen in Serbien zweimal überdenken. Mit dem Namen Bogoljub Karic verbinden sich ungute Eindrücke über einen Selfmade-Geschäftsmann, der nach dem Berlusconi-Modell die politische Bühne mit einer eigenen neuen Partei betreten hat, um sein mit umstrittenen Methoden aufgebautes Geschäftsimperium zu schützen. Zurzeit ist er gerade flüchtig, in Belgrad soll ihm der Prozess gemacht werden.

Dabei hat Serbien weiterhin eine wirtschaftliche Schlüsselrolle für den gesamten Balkan. Mit 7,5 Millionen Einwohnern bietet das Land den größten einzelnen Markt im westlichen Balkan und könnte zu einer guten Produktionsbasis für die gesamte Region werden - jedenfalls wenn die Planungen für die Freihandelszone im Vorhof Europas aufgehen, die derzeit von der EU propagiert werden. Günstige Löhne, niedrige Steuern und eine gut ausgebildete Bevölkerung bilden dafür günstige Voraussetzungen. Und politisch stabiler kann der Balkan nur werden, wenn das verletzliche Wirtschaftssystem schärfere Konturen gewinnt.