Verdi-Streik Gut gebrüllt, Bsirske

Lautstark bekräftigt Verdi-Chef Frank Bsirske auf einer Kundgebung in Hamburg den Kampfeswillen seiner Gewerkschaft. Die Kriegskassen seien prall gefüllt und der Streik könne notfalls noch mehrere Wochen dauern. Bsirske hat Grund, laut zu sein: Verdi hat mehr zu verlieren als den aktuellen Arbeitskampf.

Hamburg - Es geht um viel. Es geht um mehr als 18 Minuten. Deshalb sind auch viele gekommen. Rund 4000 Beschäftigte im öffentlichen Dienst aus Hamburg und Schleswig-Holstein begrüßen in der Hamburger Messehalle 4 mit roten Verdi-Rasseln, Trillerpfeifen und tosendem Applaus ihren Anführer, Verdi-Chef Frank Bsirske.

Er ist ihr Sprachrohr. Er soll ihren Unmut über die von den Kommunen geplante Arbeitszeitverlängerung von 38,5 auf 40 Stunden die Woche ohne Lohnausgleich kundtun und erklären, dass sich der Streik nicht gegen die Bürger, sondern gegen die Vorgehensweise der Arbeitgeber richtet.

"Das sind doch nur 18 Minuten am Tag - als ob es darauf ankomme", wiegeln die Arbeitgeber ab. Bsirske und den tausenden von Arbeitsverweigerern, die sich seit dem 6. Februar deswegen im Streik befinden, kommt es aber darauf an. "Die Arbeitszeitverlängerung kostet Arbeitsplätze. Sie reduziert die Chancen für junge Menschen auf Ausbildungsplätze oder gar eine Übernahme nach der Lehre", empört sich der Verdi-Chef lautstark. Die Menge johlt ebenso geräuschvoll zurück.

Bsirske will neue Mitglieder werben

Bsirske, der Politikwissenschaftler aus Niedersachsen, gefällt sich sichtlich in der Rolle des Anführers. Mit bebender Stimme ermutigt er die unter ihm stehenden Streikenden zum Durchhalten und macht ihnen klar, wie wichtig der Arbeitskampf und die Institution Gewerkschaft sind - ohne Gewerkschaft kein Streik, ohne Gewerkschaft keine Tarifverhandlungen, ohne Gewerkschaft keine Möglichkeit, sich auch mal mit harten Bandagen zu wehren. Der Auftritt ist auch eine gute Möglichkeit, neue Mitglieder zu werben: Bsirske und Verdi müssen als gefühlte Sieger aus dem Arbeitskampf hervorgehen, um den Mitgliederschwund zu stoppen.

Auch andere Organisationen nutzen die Gunst der Stunde. Kaum aus der U-Bahn ausgestiegen, empfängt ein Vertreter der Linkspartei die Protestler und drückt ihnen ein Flugblatt in die Hand. "Wir solidarisieren uns mit den Streikenden gegen die Erhöhung der Arbeitszeit", ist auf dem Zettel zu lesen - Wahlkampf auf andere Art.

Flugblätter gegen Bezahlung

Flugblätter gegen Bezahlung

Gleich dahinter hat sich die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD) in Stellung gebracht. Auch deren Mitglieder winken mit DIN-A4-Zetteln, auf denen die Partei ihre Meinung zum Arbeitskampf deutlich macht. Die Genossen ärgern sich vor allem über die Ein-Euro-Jobber, die als Streikbrecher missbraucht würden, und über die Polizei, die in Osnabrück gegen die Protestler eingesetzt wurde.

Schließlich gehöre die Polizei doch selbst zu den Streikenden.

Das kritisiert auch die Spartakist-Arbeiterpartei Deutschland, die sich direkt vor den Türen der Messehalle aufgestellt hat. Deren Vertreter spricht sich deshalb gleich dafür aus, dass die Polizisten aus der Gewerkschaft ausgeschlossen werden sollten. Ein Flugblatt hat er allerdings nur gegen Bezahlung anzubieten - schließlich müsse man selbst ja auch für den Druck bezahlen.

Wer sich durch die verschiedenen Parteirichtungen durchgekämpft und die Türen des Messehallen-Vorraums hinter sich geschlossen hat, geht geradewegs auf eine Riege freundlicher Verdi-Helfer zu, die das Streikgeld erfassen. Jeder Mitarbeiter, der die Arbeit niedergelegt hat, bekommt abhängig von seinem Gehalt und seiner Familiensituation pro Tag eine Entschädigung. Dafür muss er allerdings an jedem Streiktag ein Auszahlungsformular ausfüllen und unterschreiben - auch Verdi ist nicht vor Bürokratie geschützt.

Wer schlau ist, sorgt vor

Bereits hier in dem voll gequalmten Vorraum sind die Rasseln und Trillerpfeifen der Beschäftigten nicht zu überhören. In der Messehalle selbst herrscht ohrenbetäubender Lärm. Streikerfahrene haben vorgesorgt: Ohropax oder Watte schützen das Trommelfell.

Die donnernde Stimme von Verdi-Chef Bsirske ist dann nur noch in angenehmer Zimmerlautstärke zu hören. "Wenn die Arbeitszeit verlängert wird, sind bundesweit 200.000 Arbeitplätze in Gefahr", rechnet der Verdi-Chef gerade vor.

Die Streikenden schenken ihm wütend Beifall. Die Gewerkschaft hat ihre Mitglieder gut ausgestattet. Überall in der tosenden Menge werden rot-weiße Verdi-Fahnen geschwungen, aber auch grüne Flaggen der Polizei und orangefarbene Overalls der Stadtreinigung blitzen in der Halle auf.

"Wir können uns den Streik leisten"

"Wir können uns den Streik leisten"

Bsirske spricht den Beschäftigten aus der Seele. Eine streikende Lehrerin für Gemeinschaftskunde und Französisch hat es an der eigenen Schule erlebt, dass ihre Altersteilzeitvereinbarung nicht wie besprochen zu Gunsten einer neuen Stelle verwendet wurde. "Die Stunden, die ich weniger arbeite, hält nun ein Referendar und kein voll ausgebildeter Lehrer", berichtet sie.

Dass Arbeitsplätze aus Kostengründen gestrichen werden, will der Verdi-Chef künftig verhindern. Dafür kämpft er mit allen Mitteln. "Wenn die Arbeitgeber bei ihrer starren Haltung bleiben, dann steigt die Zahl der Streikenden, Tag für Tag", warnt Bsirske die Kommunen. Die Streikkasse der Gewerkschaft sei voll genug, "um drei Streiks dieser Größenordnung mehrere Wochen lang gleichzeitig zu finanzieren".

Bsirske macht Mut zum Durchhalten, und er schafft klare Fronten: "Allein die Arbeitgeber sind für die Länge des Streiks verantwortlich", schreit der Gewerkschaftsführer zum Abschluss seinen Kollegen zu.

Wer glaubt, dass die Stimme des Verdi-Chefs nach über 50 Minuten Redezeit leiser ist als am Anfang, wird eines Besseren belehrt. Bsirske redet sich zum Schluss noch einmal richtig in Fahrt.

Der Verdi-Vormann wird seine robusten Stimmbänder noch brauchen. Es geht nicht nur um eine erfolgreiche Tarifrunde, sondern auch um die Zukunft der Gewerkschaft. Denn ein erfolgreicher Arbeitskampf könnte für Verdi frischen Wind und dringend benötigte neue Mitglieder bringen. Nach mehreren Jahren Tristesse will Bsirske mit seiner Lautstärke auch zeigen: Wir lassen uns nicht alles gefallen. Wir sind noch da.