AEG-Krise "Die minimale Restchance nutzen"

Wenn einer der größten Arbeitgeber der Stadt abwandern will, kommt auf den Bürgermeister ein schwerer Job zu: Was tut Nürnbergs OB Ulrich Maly, um das AEG-Werk zu retten? Im Interview mit manager-magazin.de beschreibt Maly, wie die Politik versucht, den unternehmerischen Entschluss ins Wanken zu bringen.
Von Christian Buchholz

mm.de: Der schwedische Mutterkonzern von AEG, Electrolux, will das Stammwerk des Traditionskonzerns in Nürnberg schließen, 1700 Arbeitsplätze stehen auf der Kippe. Wann zeichnete sich für Sie ab, dass der Fortbestand des Werks gefährdet sein könnte?

Maly: Schon seit geraumer Zeit zeigt sich, dass Deutschland als Produktionsstandort für weiße Ware leider Probleme bekommen könnte. AEG hatte damit schon vor der Übernahme durch DaimlerChrysler, Ende der 90er Jahre, zu kämpfen. Dass der derzeitige Eigner der Marke eine Schließung plant, zeichnete sich im vergangenen Sommer ab.

mm.de: Sie besuchten damals mit einer Delegation, der auch der damalige Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement angehörte, das Electrolux-Management in Schweden. Was wollten Sie erreichen?

Maly: Wir wollten die kleine Chance nutzen, die Entscheidung umzubiegen. Es ging darum, nicht die Bedingungen für die Schließung, sondern die für die Aufrechterhaltung des Standorts zu untersuchen.

mm.de: Unternehmer lassen sich von Politikern allerdings gemeinhin ungern strategische Tipps geben.

Maly: Wo denken Sie hin? Es ging darum, ob man mit wirtschaftspolitischen Maßnahmen etwas für den Fortbestand des Unternehmens tun könnte. Die Antwort fiel so aus, dass einem einmal mehr die Ohnmacht des Politikers bei Themen wie diesem deutlich wurde. Die Mittel, die einem zur Verfügung stehen, sind nicht nur begrenzt, sondern auch grenzwertig: Es geht um Hilfe, nicht um staatliche Subventionen, die wären EU-beihilferechtlich auch nicht erlaubt.

mm.de: Aber es gab ein konkretes Angebot an Electrolux?

"Ohnehin nur Maßnahmen von homöophatischem Ausmaß"

Maly: Wir sprachen über das Thema Forschungsförderung - allerdings nicht allzu lang.

mm.de: Hat Electrolux in der Vergangenheit Subventionen für AEG in Nürnberg erhalten?

Maly: Nein. Die kommunalen Möglichkeiten beschränken sich übrigens ohnehin auf Maßnahmen von homöophatischem Ausmaß. Was wir tun konnten, war, die Verkehrsführung um das innerstädtisch gelegene Werk zu verändern.

mm.de: Wie schalten Sie sich persönlich in die Problematik ein, nun, wo das Kind offensichtlich in den Brunnen gefallen ist?

Maly: Es geht darum, die Auflösung der Arbeitsverhältnisse möglichst sozialverträglich zu gestalten. Darum bemühe ich mich, die Arbeitgeberseite und die IG Metall Nürnberg zusammenzubringen. Wobei ich übrigens nicht unerwähnt lassen möchte, dass die Gewerkschaft sich vor nicht allzu langer Zeit bei einem ähnlichen Fall ordentlich bewegt hat: Als es um den Fortbestand des Trafo-Werks von Siemens in Nürnberg ging, einigte man sich auf eine Senkung der Lohnkosten um 20 Prozent, die von den Mitarbeitern geschultert wurde. Diese Lösung hat bis heute Bestand, das Trafo-Werk überlebte. Ähnliches ist auch Electrolux angeboten worden - ohne Ergebnis.

mm.de: Bei den Verhandlungen dürfte es aber schlicht um die Frage gehen, wie viel Geld sich der Konzern die Schließung kosten lässt.

Maly: Nun, eine minimale Restchance für den Fortbestand des AEG-Werks gibt es noch. Aber für den Fall der Schließung fordere ich, dass der Konzern seine gesellschaftliche Verantwortung wahrnimmt.

mm.de: Also möglichst hohe Abfindungen zahlt?

"Die Wallenbergs sind sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung sehr wohl bewusst"

Maly: Nein, damit ist es nicht getan. Diese Summen sind weitgehend durch Gerichtsurteile und vergleichbare Fälle vorgegeben. Wir wollen wissen, wie viel der Konzern bereit ist, für weitere soziale Maßnahmen aufzuwenden. Konkret denke ich dabei an die Finanzierung von Beschäftigungsgesellschaften. Dafür muss ein ordentlicher Millionenbetrag auf den Tisch. Die Frage danach hat die Gewerkschaft gestellt, nun warten wir mit Spannung auf die Antwort aus Schweden.
mm.de: Heißt das, wie die Antwort ausfällt, ist noch völlig offen?

Maly: Wir denken schon, dass etwas angeboten werden muss, das über dem Normalmaß liegt. Unter anderem, weil der Electrolux-CEO Hans Stråberg noch vor wenigen Tagen vor laufenden TV-Kameras erklärte, das Werk Nürnberg arbeite "noch profitabel". Warum schließt man es dann? Es gebe Überkapazitäten, heißt es. Aber bei einem so wenig zyklischen Geschäft wie dem mit Waschmaschinen und Geschirrspülern müsste man darauf doch unternehmerisch reagieren können. Dieses Risiko sollte kalkulierbar sein. Zumal der Bedarf weltweit mit dem fortscheitenden Wohlstand in China, Indien und Osteuropa steigen wird.

mm.de: Gestern gab es ein Gespräch, vermittelt von Ministerpräsident Edmund Stoiber zwischen Stråberg und der IG Metall. Der Gewerkschafter Jürgen Wechsler sagte heute, "nach meinem Eindruck steht er [Stråberg] gewaltig unter Druck". Diesen Druck habe der Electrolux-Hauptaktionär, die mächtige Familiendynastie Wallenberg, ausgelöst.

Maly: Das ist nicht unplausibel. Die Wallenbergs haben in der Vergangenheit häufig bewiesen, dass sie sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung sehr wohl bewusst sind. Allerdings ist noch nicht geklärt, ob das Wort der Familie so viel Gewicht hat, dass der Vorstandschef sein immer wieder bekräftigtes Vorhaben fallen lässt.

Immerhin, gerade gestern bekam ich aus dem Electrolux-Management einen Anruf von jemandem, der zuvor wochenlang nicht erreichbar war. Es ist eindeutig Bewegung in die Angelegenheit gekommen. Die Pläne von Electrolux müssen am Donnerstag um 17 Uhr auf dem Tisch liegen, so ist es auch mit der Gewerkschaft vereinbart.

mm.de: Erwarten Sie Schützenhilfe von der Bundesregierung?

Maly: Losgelöst von dem konkreten Fall muss auf höherer Ebene auch mal darüber nachgedacht werden, ob es wirklich sinnvoll ist, dass Unternehmen ihre Ausgaben für die Schließung von Produktionsstätten in Deutschland steuerlich geltend machen können. Dies führt neben anderen Faktoren dazu, dass es laut einer Studie der Europäischen Metallgewerkschaft nirgendwo in Europa so billig ist, eine Firma zu schließen, wie in Deutschland. Das muss sich ändern.

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