Stahlbranche Warum Mittal jetzt zum Angriff bläst

Überrascht stellen Industriepolitiker in Spanien, Frankreich, Belgien und Luxemburg fest, dass ihr "Euro-Champion" Arcelor sich kaum gegen die Attacke des indischen Weltmarktführers wehren kann. Doch auch Mittal Steel hat Schwächen – Firmenchef Lakshmi Mittal will seinen Konzern mit Hilfe von Arcelor auf Vordermann bringen.

Luxemburg/Paris - Mit ungeheurer Wucht wirbelt Lakshmi Mittal die Weltstahlmärkte durcheinander. Mehr als 20 Stahlkonzerne kaufte der Inder binnen fünf Jahren zu. Aus unangreifbarer Position attackiert der elegante Weltbürger jetzt den Umsatzprimus Arcelor.

Der von London aus regierte Stahlgigant nutzt nach Ansicht von Pariser Analysten die Gunst der Stunde, um sich einen Rivalen einzuverleiben, der ihm bei einer Konjunkturwende schnell sehr gefährlich werden könnte. Denn Arcelor  arbeitet viel produktiver als Mittal , hat modernere Werke, langfristigere Lieferbeziehungen und das höherwertige Produktangebot.

Siegerlächeln: Lakshmi Mittal nach der Ersteigerung eines 93-Prozent-Anteils an der ukrainischen Stahlfabrik Kryvorizhstal in Kiew

Siegerlächeln: Lakshmi Mittal nach der Ersteigerung eines 93-Prozent-Anteils an der ukrainischen Stahlfabrik Kryvorizhstal in Kiew

Foto: DPA
Das teuerste Haus der Welt: Mittal residiert unter anderem in diesem Palast mit zwölf Schlafzimmern im Londoner Viertel Kensington. Kaufpreis: über 100 Millionen Euro.

Das teuerste Haus der Welt: Mittal residiert unter anderem in diesem Palast mit zwölf Schlafzimmern im Londoner Viertel Kensington. Kaufpreis: über 100 Millionen Euro.

Foto: DPA
Übernahmeziel: Ein Stahlwerk von Arcelor im französischen Hayange

Übernahmeziel: Ein Stahlwerk von Arcelor im französischen Hayange

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Glückwunsch vom Präsidenten: Mittal mit dem ukrainischen Staatschef Viktor Juschenko

Glückwunsch vom Präsidenten: Mittal mit dem ukrainischen Staatschef Viktor Juschenko

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Mittals Welt
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Während Arcelor 2004 mit 94.000 Mitarbeitern 30 Milliarden Euro Umsatz erzielte, kam Mittal mit 164.000 Mitarbeitern nur auf 25,6 Milliarden Euro Umsatz.

Arcelor hat Hausaufgaben schon erledigt - Mittal vor Herausforderungen

Mittal hat sich viele, weltweit weit verstreute Werke zusammengekauft. Dem Konzern stehen an Standorten in der Ukraine, Kasachstan oder den USA Umstrukturierungen noch bevor, die die drei Arcelor-Vorgängerfirmen mit Hilfe vieler Steuermittel in den 80er und 90er Jahren bereits hinter sich gebracht haben.

Je Tonne Stahl arbeitet Arcelor um 30 Prozent rentabler als Mittal. 80 000 Stellen, so wird von Arcelor kolportiert, müsse Mittal abbauen. Auch bei Zukunftsprodukten sehe es mau aus, denn der Inder investiere mit 17 Euro je Tonne Stahl nur halb so viel in die Entwicklung wie Arcelor.

China-Boom brachte Mittal an die Spitze

Derzeit ist Mittal allerdings von Arcelor kaum zu schlagen. Der Weltkonzern wies 2004 mit 27,7 Prozent eine fast dreimal so hohe operative Marge auf wie Arcelor und hat eine prall - mit Aktien - gefüllt Kriegskasse. Grund dafür ist der China-Boom: Die Chinesen haben ihre Stahlnachfrage seit 2001 verdoppelt und damit die Preise in die Höhe katapultiert. Gleichzeitig wurde Eisenerz knapp und teuer.

Beides half Mittal: Sein Konzern mit Sitz in Rotterdam verkauft viel Stahl auf dem Spotmarkt und profitierte damit voll vom Preistrend, während der Luxemburger Rivale Arcelor nicht aus den Jahresverträgen mit seinen Kunden heraus kann.

Außerdem bezieht Mittal die Hälfte des Erzes aus eigenen Minen und blieb weitgehend vom Kostendruck der Zulieferer verschont; Arcelor muss dagegen sein Eisenerz teuer zukaufen.

Mittal kann schnell in Bedrängnis kommen

Weltmarktführer anfällig bei Preiseinbruch

Doch diese Vorteile können im sehr zyklischen Stahlmarkt schnell in Nachteile umschlagen, wenn die Preise wieder einbrechen. Seit 2004 hat sich die Tonne heiß gerollter Bleche schon von 600 auf 450 Dollar verbilligt. Das ist immer noch teuer; doch was ist, wenn das Pendel weiter nach unten ausschlägt? Arcelor würde mehr vom Verfall der Erzpreise profitieren als Mittal und könnte seine Produktpreise erheblich stabiler halten. Der Weltkonzern des Inders, der angeblich bereits vor dem Chinaboom am Rande der Pleite gewesen sein soll, käme dann unter Druck.

Dies könnte nach Einschätzung der Analysten der Pariser Crédit Agricole auch der Grund sein, warum Mittal jetzt zum Angriff bläst.

Arcelor: Zum Gegenangebot keine Chance

Mittal würde mit Arcelor nicht nur seine Marktmacht gegen die mächtigen drei Rohstoffkonzerne ausbauen, die den Weltmarkt unter sich aufteilen, sondern die künftigen Ergebnisse stabilisieren.

Die Gelegenheit ist günstig: Arcelor hat keine Chance, mit einem Gegenangebot die indische Dynastie anzugreifen. Mittal Steel ist ein Familienkonzern; Arcelor gehört dagegen einer Vielzahl von Kleinaktionären und Fonds. Größte Anteilseigner sind Luxemburg mit 5,6 Prozent und die belgische Region Wallonien mit 3,2 Prozent.

Frankreich und Spanien sind gar nicht mehr im Kapital vertreten. Den Regierungen sind im freien Markt weitgehend die Hände gebunden. Ein Fusionsverbot wegen zu großer Marktmacht gilt als ausgeschlossen, weil die Stahlindustrie viel zersplitterter ist als die Rohstoffanbieter und die Stahlgroßkunden.

Nach einer Übernahme bliebe Lakshmi Mittal unumschränkter Herr an Bord: Dank einer klugen Mischung aus Bar- und Aktienangebot sowie Vorzugsstimmrechten hielte der drittreichste Mensch der Welt 64 Prozent der Stimmrechte im neuen Konglomerat mit 320 000 Mitarbeitern, das gut ein Zehntel des Weltmarktes beherrschen würde.

Er könnte dann Arcelors Kapital, Marktstellung und Kenntnisse nutzen, um seinen alten Konzern auf Vordermann zu bringen.

Von Hans-Hermann Nikolei, dpa

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