Linde Gase statt Gabelstapler

Eine Aufteilung des Wiesbadener Gasespezialisten und Anlagenbauers Linde im Fall einer Übernahme seines britischen Konkurrenten BOC scheint immer wahrscheinlicher. Ein Verkauf der Gabelstaplersparte könnte drei bis vier Milliarden Euro bringen.

Wiesbaden - Um die mindestens elf Milliarden Euro teure BOC-Übernahme zu finanzieren, werde Linde  seine Gabelstapler-Sparte verkaufen, schrieb das "Handelsblatt" unter Berufung auf Bankenkreise. Auch viele Analysten erwarten einen solchen Schritt, der weltweit 19.000 Mitarbeiter beträfe und den Mischkonzerns tief verändern würde. Doch der finanzielle Kraftakt werde sich lohnen, urteilt die Hypo-Vereinsbank: "Die Aussichten des neuen Unternehmens wären sehr gut."

"Absolute Priorität" für den Geschäftsbereich Gase und Anlagenbau hatte Linde-Chef Wolfgang Reitzle 2003 kurz nach seinem Amtsantritt seine Strategie umrissen. Denn mit Wasserstoff, Sauerstoff, medizinischen Gasen sowie den zugehörigen Produktionsanlagen erzielt der Konzern mehr Umsatz, höhere Wachstumsraten und bessere Renditen als auf dem hart umkämpften Gabelstapler-Markt.

Das hatten schon Reitzles Vorgänger erkannt, die 1999 für 3,4 Milliarden Euro den schwedischen Gase-Konkurrenten AGA aufkauften und die Gewichte im Unternehmen entscheidend verschoben. Linde verdoppelte damals seinen Weltmarktanteil auf 10 Prozent.

Asien und der pazifische Raum blieben allerdings ein "weißer Fleck" auf der Karte, wie die Landesbank Rheinland-Pfalz notiert. Die im Gasegeschäft etwa gleich starke BOC würde diese Lücke füllen und überdies mit ihren Spezialprodukten für die Elektronik-Industrie die Angebotspalette abrunden. "Die Puzzle-Teile passen sehr gut zusammen", sagt auch Erhard Schmitt von Helaba-Trust. Linde würde damit voraussichtlich den Marktführer Air Liquide  überholen, der vor sechs Jahren selbst erfolglos nach BOC  gegriffen hatte.

Sorgen machen manchen Analysten aber die Kosten. Schließlich hat Linde die AGA-Übernahme finanziell gerade erst verdaut und noch immer rund zwei Milliarden Euro Schulden. Ein Verkauf der auf drei bis vier Milliarden Euro taxierten Gabelstapler-Sparte würde da schon helfen.

Der Rest des Unternehmens würde davon auch auf andere Weise profitieren, denn bislang litt die Linde-Aktie unter der bei Anlegern ungeliebten Mischstruktur des Konzerns. Und schließlich scheint der Zeitpunkt günstig, denn nach Ansicht von Analysten gibt es ausreichend Investoren auf der Suche nach Anlagemöglichkeiten.

Ins Gabelstapler-Geschäft war Linde erst Ende der 60er Jahre eingestiegen, erarbeitete sich aber bald eine führende Stellung. Hauptstandorte in Deutschland sind Aschaffenburg - wo Linde zuvor Dieselmotoren und Traktoren herstellte - und Hamburg mit der Marke "Still".

Der im Geschäftsbericht unter "Material Handling" firmierenden Sparte hat Reitzle wegen des hohen Kostendrucks in den vergangenen Jahren ein Rationalisierungsprogramm verordnet. Die 7000 Beschäftigten in Deutschland mussten Standortsicherung im vergangenen Jahr mit Einschnitten erkaufen. Das operative Ergebnis wuchs in den ersten neun Monaten um 14,7 Prozent auf 125 Millionen Euro.

Bei einem Verkauf verlöre Linde auf einen Schlag fast die Hälfte seiner weltweit 42.000 Mitarbeiter und ein gutes Drittel seines Umsatzes. BOC mit seinen 30.000 Beschäftigten würde das aber mehr als ausgleichen. Das britische Unternehmen wollte sich am Donnerstag nicht äußern. Auch Linde lehnte eine Stellungnahme zu den Spekulationen um den Verkauf der Gabelstapler-Sparte ab.

Wolfgang Harms, dpa

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