Siemens-HV Der Mann der Ausrufezeichen

Seine erste Hauptversammlung stellte Klaus Kleinfeld gleich vor eine schwere Probe: Der Siemens-Chef musste sich harscher Kritik stellen. Leichter tat sich sein Vorgänger Heinrich von Pierer, der seinen 65. Geburtstag feierte. Ihm schwappte eine Welle nostalgischer Sympathie entgegen.

München - Er ist ein gefragter Mann. Wenn Klaus Kleinfeld durch die Münchener Olympiahalle schreitet, lächeln und nicken ihm viele Menschen entgegen. Der Siemens-Chef  nickt und lächelt zurück. Und er ist immer noch mit Händeschütteln beschäftigt, als die Hauptversammlung schon längst hätte losgehen sollen. Steckt in dem Mann mit der rosaroten Krawatte, der so freundlich lacht, wirklich ein derart harter Sanierer, wie viele Siemensianer befürchten?

Schon vor dem Halleneingang verteilt der "Verein von Belegschaftsaktionären" knallgelbe Flugblätter - ein offener Brandbrief an Kleinfeld. "Sie haben sich leider voll auf einen Shareholder-Value-Kurs festgelegt", werfen sie ihm darin vor. "Die Belegschaft darf nicht zum Spielball unternehmerischer Fehlentscheidungen und Ihrer Renditeziele für 2007 werden."

Besonders kritisieren die Belegschaftsaktionäre den Verkauf des Mobilfunkgeschäfts im vergangenen Jahr - ihrer Ansicht nach die Folge von Marketingfehlern, einem "überzogenen Sparkurs" und einer "dilettantischen Kooperationspolitik". Auch der Sanierungskurs beim IT-Dienstleister SBS "lässt jede klare Strategie vermissen und Schlimmes befürchten", heißt es auf dem Flugblatt. Daher stellte der Verein den Antrag, den Vorstand nicht zu entlasten.

Geburtstagskind stärkt Kleinfeld den Rücken

Nun haben solche Anträge zwar allenfalls symbolischen Charakter. Doch sie sind ein Spiegelbild des Unternehmensklimas. Kleinfelds Vorgänger Heinrich von Pierer sagte man zuletzt nach, er beobachte den forschen Kurs seines Nachfolgers nicht ohne Sorge.

Heute feiert von Pierer - inzwischen Aufsichtsratschef - seinen 65. Geburtstag. Und er stärkt Kleinfeld demonstrativ den Rücken: Er freue sich, dass sein Nachfolger Kontinuität und Wandel des Weltkonzerns vorantreibe, "wie wir das erwartet haben".

Die Grundsatzentscheidung, das Handy-Geschäft abzustoßen, sei bereits im Herbst 2004 gefallen. Damals war von Pierer noch Vorstandschef. "Unter den gegebenen Umständen", betont der Chefkontrolleur, "konnte nur dieser Weg beschritten werden."

Wie ein nervöser Teenager

Wie ein nervöser Teenager

Klaus Kleinfeld spricht nicht so geschliffen wie sein Vorgänger. Der Siemens-Chef wippt hin und her, blickt häufig aufs Manuskript. Seine Ausführungen bereichert der 48-Jährige mit "Ähs" oder Füllwörtern - wenn er zum Beispiel ankündigt, Siemens werde seine Präsenz "ebent halt" in Wachstumsmärkten verstärken. Bereits zu Beginn der Rede gratuliert Kleinfeld seinem Ziehvater: "Genießen Sie die Atmosphäre, so eine Geburtstagsparty hat man selten."

Kleinfeld wirkt mit seiner phasenweise flapsigen Rhetorik wie ein etwas nervöser Teenager. Dennoch macht er einen wachen und selbstbewussten Eindruck. Bisher habe er bei Siemens "eine spannende und erlebnisreiche Zeit" erlebt, sagt er.

Bereits jetzt seien mittelfristige Wachstumsziele erreicht und das Ergebnis stabilisiert worden. Siemens habe seine Bereiche - 'mal abgesehen von SBS und der Kommunikationssparte - bereits auf den richtigen Weg gebracht, das Portfolio gestärkt, Investitionen erhöht und sogar die weltweite Zahl der Mitarbeiter gesteigert.

Hinter jedem dieser Sätze steht im Manuskript ein fettgedrucktes Ausrufezeichen.

Bei der Strategie bleibt Kleinfeld vage

Fragen bleiben dennoch offen. Einmal mehr spricht Kleinfeld über seine Lieblingsthemen: Überalterung der Gesellschaft und Urbanisierung - die aktuellen "Megatrends". Man arbeite bei Siemens ständig an der Frage, "wie wir diese Trends für uns nutzen können." Viel konkreter wird Kleinfeld nicht.

Stattdessen peppt er seine insgesamt rund 60-minütige Rede mit kurzen Werbefilmchen auf. Einer davon zeigt die Innovation des automatischen Einparkens: Der Wagen scannt einen freien Parkplatz und lenkt sich selbst in die Nische. Indessen rührt der Fahrer keinen Finger und beobachtet erstaunt, wie sich das Lenkrad von selbst bewegt.

Die Aktionäre klatschen begeistert. Doch den Anlegervertretern reichen solche vagen Zukunftsvisionen nicht. Henning Gebhardt von der Fondsgesellschaft DWS kann mit dem Begriff "Fit4More", der für Kleinfelds Optimierungsprogramm steht, nichts anfangen: "Diese Wörter haben für uns einen positiver Klang", erklärt Gebhardt, "aber was steckt dahinter? Das können wir bisher wirklich nicht erkennen."

Kleinfeld steht vor dem Problem, dass er sich zum Arbeitnehmerschreck entwickelt hat, aber gleichzeitig auch die Finanzmärkte noch nicht so recht überzeugen konnte. Wenn Kleinfeld erklärt, Siemens wolle sich mit "Fit4More" für die Zukunft fit machen und "ebent halt" mehr erreichen, ist das vielen zu schwammig.

Rendite ist die Messlatte

"Wir werden Sie an den Renditezielen messen"

Fondsmanager Gebhardt kritisiert, die Siemens-Aktie habe im vergangenen Jahr "relativ unbefriedigend performed". Er fordert, das Unternehmen solle seinen Fokus stärker auf bestimmte Wachstumsbereiche konzentrieren. Unprofitable Gebiete wie die Kommunikationssparte, so Gebhardt, sollten abgestoßen werden.

Und obwohl die Dividende in diesem Jahr mit 1,35 Euro um 10 Cent höher liegt als 2005, sind auch die Aktionärsschützer unzufrieden. Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW) betonte, die Dividendenerhöhung sei "nur ein Trostpflaster". Sie erinnert Kleinfeld daran, er habe sein persönliches Schicksal an die ehrgeizigen Renditeziele für 2007 geknüpft: "Daran werden wir Sie messen."

Leichter als Kleinfeld, der einiges an Kritik einstecken muss, fällt Heinrich von Pierer seine Rolle als Geburtstagskind und Aufsichtsratschef. Jovial nickt der 65-Jährige den klatschenden Aktionären zu und badet sich in der Sympathie und Bedeutung, die dem Ex-Weltkonzernchef immer noch zukommt: "Es ist schon ein besonderes Gefühl", sagt von Pierer, "wenn man 850.000 Einladungen zum Geburtstag verschicken kann."

Heinrich von Pierer nimmt Abschied

Mancher Arbeitnehmer sähe ihn wohl lieber einen Meter weiter rechts sitzen - auf dem Platz des Vorstandschefs, den er Anfang 2005 für Kleinfeld geräumt hat. Man achtete ihn als Diplomaten, als Konsensmenschen und Beinahe-Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten. Von 1992 an hatte er den Konzern geleitet. Unter seiner Ägide wuchs der Umsatz von 35 auf 75 Milliarden Euro. Als ein Rechtsanwalt und Aktionärsvertreter sich erfrecht, dem weisen älteren Herrn den Geburtstagsgruß zu verweigern, erntet er erboste Pfiffe.

In Vergessenheit ist inzwischen geraten, dass sich bereits unter von Pierers Ägide die Unternehmenskultur änderte - weniger solidarische Familie, mehr Leistung. Oder dass die ehrgeizigen, viel bescholtenen Gewinnziele bereits im Jahr 2000 vom damaligen Siemens-Chef ausgerufen wurden. Der kleine, aber entscheidende Unterschied: Nachfolger Kleinfeld will sie nun tatsächlich umsetzen. Unbedingt. Ausrufezeichen.

Von Pierer wirkte gemütlicher. Verwendete der gebürtige Erlanger 'mal englische Wörter, konnte er seinen deutschen Akzent kaum verbergen. Kleinfeld dagegen spricht ein zackiges Amerikanisch. Er hat jahrelang das US-Geschäft des Konzerns geführt und sieht sich nun mit dem Image des kompromisslosen Sanierers konfrontiert, dessen Patriotismus gegenüber dem Standort Deutschland Grenzen gesetzt sind.

Kleinfeld sagt Sätze wie: "Catch the monster while it's little." Probleme sollen rechtzeitig angepackt werden. Dazu gehören auch Spartenverkäufe, Stellenabbau und Arbeitsplatzverlagerungen.

Ein Mann, der freundlich lacht, kann also auch hart sein, wenn der Markt es erfordert. Auch Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, der seinem Nebenjob als Siemens-Aufsichtsrat nachkommt, trägt heute wieder sein charmantes Robert-Redford-Lächeln.

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