WEF "Den Traum der Globalisierung ausgeträumt"

War Globalisierung gestern? In Davos diskutieren Manager und Professoren bereits die Folgen der Globalisierung für Europa: verarmende Mittelschichten und wirtschaftlich auseinander driftende Regionen. Daran seien die Europäer allerdings zum Teil selbst schuld – man dürfe nicht zu sehr auf die großen Konzerne setzen.
Von Karsten Stumm

Davos - Lawrence Summers ist ein bedächtiger Mann. Doch das ändert sich, wenn der Präsident der amerikanischen Harvard-Universität über Amerikas und Europas Gesellschaft nachdenkt. "Wir leben immer mehr in einer Markt-Welt, in der einfach alles gegen die Kräfte der Ökonomie antreten muss, jeden Tag aufs Neue", sagte Summers auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos. Ausgerechnet auf dem Gipfel der Businesselite steht Summers mit seiner Furcht nicht allein.

Die Geschäftsleute rätseln bis zum Wochenende gemeinsam mit Politikern und Künstlern, wie beispielsweise vielen europäischen Mittelklassehaushalten geholfen werden kann. "In Deutschland haben viele Mitbürger Angst vor der Zukunft", bestätigte Bundeskanzlerin Angela Merkel den Forumsteilnehmern - sei es, weil sie ihren Traum von einem komfortablen und gesellschaftlich sicheren Leben gefährdet sehen oder weil sie ihren Job bereits verloren haben.

Sicherheitsmaßnahmen: Rund 5000 Soldaten des Schweizer Bundesheeres sind in, um und über Davos im Einsatz

Sicherheitsmaßnahmen: Rund 5000 Soldaten des Schweizer Bundesheeres sind in, um und über Davos im Einsatz

Foto: DPA
Stacheldraht: Der Schweizer Nobel-Skiort erinnert stellenweise an Gaza

Stacheldraht: Der Schweizer Nobel-Skiort erinnert stellenweise an Gaza

Foto: DPA
Schlange vor den Hors d'Oeuvres, kurz vor der Eröffnung: Die meisten Teilnehmer werden bis zum Abschluss des Forums in Davos am Sonntag bleiben

Schlange vor den Hors d'Oeuvres, kurz vor der Eröffnung: Die meisten Teilnehmer werden bis zum Abschluss des Forums in Davos am Sonntag bleiben

Foto: DPA
Klima im Blick: UN-Umweltdirektor Klaus Töpfer spricht in Davos über Klimawandel und steigende Energiepreise

Klima im Blick: UN-Umweltdirektor Klaus Töpfer spricht in Davos über Klimawandel und steigende Energiepreise

Foto: DDP
Europa im Fokus: EU-Wirtschaftskommissar Günter Verheugen will trotz EU-Krise das Projekt Europa retten

Europa im Fokus: EU-Wirtschaftskommissar Günter Verheugen will trotz EU-Krise das Projekt Europa retten

Foto: DDP
Wirtschaftsweise: Beatrice Weder di Mauro diskutiert in Davos über die "Weltkarte der Wettbewerbsfähigkeit"

Wirtschaftsweise: Beatrice Weder di Mauro diskutiert in Davos über die "Weltkarte der Wettbewerbsfähigkeit"

Foto: DPA
Deutscher Gast in Davos: Heinrich von Pierer, Aufsichtsratschef von Siemens

Deutscher Gast in Davos: Heinrich von Pierer, Aufsichtsratschef von Siemens

Foto: AP
Knüpft Kontakte: Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke

Knüpft Kontakte: Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke

Foto: DPA
Gelebte Globalisierung: BASF-Chef Jürgen Hambrecht ist nicht nur in Davos, sondern auch in USA und China aktiv

Gelebte Globalisierung: BASF-Chef Jürgen Hambrecht ist nicht nur in Davos, sondern auch in USA und China aktiv

Foto: DPA
Pharma-Vorstand in der Schweiz: Bayer-Vorstandschef Werner Wenning

Pharma-Vorstand in der Schweiz: Bayer-Vorstandschef Werner Wenning

Foto: DDP


Schutz für die Denker und Lenker
Klicken Sie auf ein Bild,
um zur Großansicht zu gelangen.

"Wie wir den Konkurrenzdruck ausbalancieren, den wir etwa aus Asien spüren, wird sogar für die Zukunft vieler westlicher Staaten entscheidend sein", ergänzte Summers.

5 Prozent Wachstum - aber kaum neue Jobs

"Eine Aufgabe für jedermann"

Während in vielen europäischen Staaten Tausende demonstrieren, um ihre Politiker zu ihrem Schutz vor der Globalisierung aufzufordern, haben die Wirtschaftsexperten schlechte Nachrichten für die Demonstranten. Sie selbst müssten die Folgen des weltweiten Zusammenwachsens lösen, nicht nur die Politiker.

"Das wird die Aufgabe für jedermann sein, selbst in den kleinsten Orten", glaubt Summers. Denn dort sei die Malaise der strauchelnden Mittelklasse bereits angekommen. "Ihre lokale und gesellschaftliche Ausgrenzung zu stoppen, ist bereits ebenso wichtig, wie Antworten auf die Globalisierung zu finden", sagt Summers.

5 Prozent Wachstum - aber kaum neue Jobs

Tatsächlich sind die Aussichten auf viele neue Jobs sowohl in Europa als auch in Amerika schlecht. Im vergangenen Jahr wurden weltweit beispielsweise nur 1,4 Prozent Arbeitsplätze zusätzlich angeboten, dabei legte die Weltwirtschaft im Schnitt um nahezu 5 Prozent zu, hat die internationale Organisation für Arbeit errechnet.

Ehrengast: Bundeskanzlerin Angela Merkel hielt die Eröffnungsrede - doch Regierungschefs aus den westlichen Industrienationen machen sich in Davos rar

Ehrengast: Bundeskanzlerin Angela Merkel hielt die Eröffnungsrede - doch Regierungschefs aus den westlichen Industrienationen machen sich in Davos rar

Foto: World Economic Forum
Vorzeige-Unternehmer: Microsoft-Chef Bill Gates wird in Davos über Zukunftstechnologien sprechen

Vorzeige-Unternehmer: Microsoft-Chef Bill Gates wird in Davos über Zukunftstechnologien sprechen

Foto: DPA
Stammgast: Der Schweizer Josef Ackermann, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, ist Mitglied im WEF-Board

Stammgast: Der Schweizer Josef Ackermann, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, ist Mitglied im WEF-Board

Foto: DPA
Deutscher Gast: Siemens-Chef Klaus Kleinfeld referiert in Davos über den Kostenfaktor Arbeit. Für die angereisten Topmanager ist Davos ein trefflicher Ort, um Kontakte zu stärken und Deals einzufädeln

Deutscher Gast: Siemens-Chef Klaus Kleinfeld referiert in Davos über den Kostenfaktor Arbeit. Für die angereisten Topmanager ist Davos ein trefflicher Ort, um Kontakte zu stärken und Deals einzufädeln

Foto: DDP
Magier des Geldes: Hedgefondsmanager George Soros wird in Davos über die Bedingungen für Wirtschaftshilfen an einzelne Staaten diskutieren

Magier des Geldes: Hedgefondsmanager George Soros wird in Davos über die Bedingungen für Wirtschaftshilfen an einzelne Staaten diskutieren

Foto: REUTERS
Topbanker: Citigroup-Chef Charles Prince referiert in Davos darüber, welche öffentlichen Aufgaben die Industrie übernehmen könnte

Topbanker: Citigroup-Chef Charles Prince referiert in Davos darüber, welche öffentlichen Aufgaben die Industrie übernehmen könnte

Foto: REUTERS
Politprominenz: Der US-Senator und ehemalige Präsidentschaftskandidat John Kerry wird sich in Davos dem Thema Atomkraft widmen

Politprominenz: Der US-Senator und ehemalige Präsidentschaftskandidat John Kerry wird sich in Davos dem Thema Atomkraft widmen

Foto: REUTERS
Tomb Raider in Davos: Schauspielerin Angelina Jolie ist in ihrer Funktion als UN-Botschafterin beim WEF dabei

Tomb Raider in Davos: Schauspielerin Angelina Jolie ist in ihrer Funktion als UN-Botschafterin beim WEF dabei

Foto: DPA
With or without Bono: Der Sänger der Rockband U2 diskutiert in Davos über die Zukunft Afrikas

With or without Bono: Der Sänger der Rockband U2 diskutiert in Davos über die Zukunft Afrikas

Foto: DPA
Sport-Ikone: Muhammad Ali wird in Davos mit dem Crystal Award geehrt

Sport-Ikone: Muhammad Ali wird in Davos mit dem Crystal Award geehrt

Foto: DPA
Gordon Gecco am Genfer See: US-Schauspieler Michael Douglas geht der Frage nach, wie Prominente wohltätige Aktionen unterstützen können

Gordon Gecco am Genfer See: US-Schauspieler Michael Douglas geht der Frage nach, wie Prominente wohltätige Aktionen unterstützen können

Foto: DDP


WWF 2006: Die doppelte Angie in Davos
Klicken Sie auf ein Bild,
um zur Großansicht zu gelangen.

"Wir müssen deshalb Wege finden, wie wir in Zukunft wieder eine engere Verbindung zwischen Job- und Wirtschaftswachstum erreichen", sagte Juan Somaria am Rande des World Economic Forums zu manager-magazin.de; er ist der Präsident der internationalen Organisation für Arbeit.

"Nicht zu sehr auf die Konzerne setzen"

Somaria empfiehlt Deutschland, künftig mehr Wert auf die Gründung neuer und kleiner Unternehmen in den Gemeinden zu legen. "Die Hoffnung, einen internationalen Konzern irgendwohin zu locken, löst nur die Schwierigkeiten einer einzelnen Stadt, nicht aber ganzer Regionen.

Deswegen sollten wir nicht zu sehr auf die globalen Konzerne setzen, die auch das diesjährige Forum dominieren", sagt Somaria.

Das Problem der Schweiz mit Innovationen

Das Problem der Schweizer mit Innovationen

"Den Traum der Globalisierung, der uns hier in Davos über Jahre fasziniert hat, habe auch ich aufgehört zu träumen", ergänzt Peter Brabeck-Letmathe, Chef des weltgrößten Nahrungsmittelkonzerns Nestlé . "Selbst innerhalb kleiner Staaten driften ganze Regionen auseinander, und das tun sie sehr schnell." Allerdings beschwörten die Betroffenen ihr Schicksal zum Teil selbst herauf.

"Bei einer weltweiten Umfrage, ob hart zu arbeiten ein guter Charakterzug sei, stimmten dem beispielsweise nur 2 Prozent der Dänen zu - nur 2 Prozent einer ganzen Nation, wenn die Umfrage repräsentativ sein sollte. In den USA waren es 61 Prozent, in China aber 86 Prozent", sagte Brabeck-Lethmate.

Ein ähnliches Bild ergab sich, als nach der Bedeutung neuer Technologien für eine bessere und sicherere Zukunft gefragt wurde. "Sie werden es kaum glauben, aber offenbar halten zum Beispiel nur 34 Prozent der Schweizer Innovationen für wichtig, um die Zukunft unseres Landes zu gestalten. Und das, obwohl die Schweiz so stark auf neue Technologien angewiesen ist wie nur wenige Staaten sonst."

Brabeck-Letmathes Fazit: "Auch die Einstellung zur Arbeit und zu Erfindungsreichtum kann ganze Regionen von der guten Entwicklung in anderen Ländern abkoppeln."

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.