WEF "Wachstum braucht Freiheit"

Deutschland müsse stärker auf die Chancen und weniger auf die Risiken des Wachstums blicken, sagt Angela Merkel in ihrer Eröffnungsrede des Weltwirtschaftsgipfels 2006. Sie spricht viel über Deutschland an diesem Abend, aber auch über Europa und die Notwendigkeit internationaler Organisationen. Manches kommt dem Zuhörer bekannt vor. Die Reaktionen auf die Rede fallen eher verhalten aus.
Von Karsten Stumm

Davos, 17.15 Uhr:

Für die Konferenztechniker in Davos kommt gleich der große Moment. In 30 Minuten wird WEF-Gründer Klaus Schwab gemeinsam mit Angela Merkel hier im Kongresssaal das Weltwirtschaftsforum eröffnen. Mehr als 30 Helfer bauen die Bühne noch einmal komplett um, die Beleuchtung wird auf ein sanftes, herrschaftliches Blau eingedimmt.

Fünf beigefarbene Sessel werden aufgestellt, der Teppich wird noch einmal auf Hochglanz gebracht. Natürlich nicht mit handelsüblichen Staubsaugern, sondern mit Hightechsaugern, die sich die Helfer auf den Rücken geschnallt haben.

Komplettumbau auch bei der Bestuhlung: die runden Tische mit Platz für acht Konferenzteilnehmer, die eben noch für die vorhergehende Debatte über "Creative Impact" gedient haben, sind strengen Stuhlreihen gewichen. Alle mit Blick nach vorn aufs Podium.

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Fünf Helfer checken den Abstand der Stuhlreihen zueinander mit speziell gefertigten hellen Holzlatten - keiner der Mächtigen soll sich später über zu wenig Beinfreiheit beschweren. Das Zuhörerfeld wird zudem in drei Bereiche unterteilt - ganz vorne für die wirklich Wichtigen, etwas versetzt die etwas weniger Wichtigen, aber immer noch wichtigen Gäste. Auch hier werden alle Reihen natürlich exakt auf Linie gebracht. Noch 20 Minuten bis zur Eröffnung.

Auf der Galerie über dem Saal werden mittlerweile TV-Kameras aufgebaut, TV-Teams bringen ihre Mikrofone in Stellung. Platz genommen haben bereits 14 Übersetzer, die Merkels Eröffnungsrede in sieben Sprachen simultan übersetzen werden. Sie schauen aus ihren Kabinen auf den Eingangsbereich der Galerie, vor der bereits Dutzende Reporter bereits in Schlangen warten.

Davos, 17.40 Uhr: Vor dem Südeingang des Kongresssaals ballen sich die Fotografen und Fernsehleute, großes Blitzlichtgewitter. Wer da gerade das Gebäude betritt, ist nicht zu überblicken. Derweil hat Merkel, gehüllt in einen schwarzen Mantel und umringt von Bodyguards, den Saal erreicht. Kurz darauf nimmt sie Platz auf dem Podium. Sie trägt ein schwarzes Kostüm und eine silberfarbene Halskette.

"Deutschland wieder an die Spitze bringen"

Davos, 17.50 Uhr: Klaus Schwab, Gründer des Weltwirtschaftsforums eröffnet die Veranstaltung und kündigt Angela Merkel als Rednerin an. Die Kanzlerin betritt das Rednerpult. Es sei für Deutschland eine große Ehre, dass sie hier heute die Eröffnungsrede halten darf, sagt Merkel zunächst.

Ihre Rede hat Merkel unter den Titel "der kreative Imperativ" gestellt. In unserer Zeit bestehe die unbedingte Notwendigkeit zur Kreativität - auch in der Politik, erläutert Merkel. Deutschland werde derzeit oft als das Land der Ideen bezeichnet. Doch bei den Ideen allein dürfe man es nicht belassen. "Wir müssen die Ideen auch umsetzen", fordert Merkel.

Sie spricht zugleich von der "selbstverschuldeten Lähmung", in der sich Deutschland derzeit befinde. Diese Erstarrung gelte es abzulegen. Deutschland müsse stärker auf die Chancen und weniger auf die Risiken des Wachstums blicken, sagt Merkel.

An erster Stelle gelte es, das Problem der hohen Arbeitslosigkeit zu lösen. Dass dies Deutschland gelinge, sei auch wichtig für Europa. Dazu bedürfe es mehr Freiheit. "Arbeit braucht Wachstum und Wachstum braucht Freiheit", erklärt Merkel und oriertiert sich dabei selbstredend an einer "alten Weisheit".

Deutschland soll unter die ersten Drei in Europa

Mit Blick auf Wachstum, Beschäftigung und Innovationen sei es ihr Ziel, Deutschland in den kommenden zehn Jahren unter die ersten drei Nationen in Europa zu führen. Zugleich wolle sie dazu beitragen, Europa zu dem "dynamischsten Kontinent" weltweit zu machen.

Mehrmals fällt in diesem Zusammenhang das Wort "Bürokratieabbau". Deutschland werde den Bürokratieabbau bei seiner EU-Präsidentschaft im ersten Halbjahr 2007 zur Chefsache machen, verspricht Merkel - so wie sie das Thema auch in Deutschland zur Chefsache gemacht habe.

Dann wird es doch noch ein wenig internationaler: Merkel plädiert dafür, der Welt angesichts der Globalisierung einen neuen Ordnungsrahmen zu geben. Eigenverantwortung und die Notwendigkeiten des Staates müssten in ein neues Gleichgewicht finden. Die Kanzlerin widerspricht der Befürchtung, es gehe dabei um die Aufkündigung von grundlegenden Prinzipen der sozialen Marktwirtschaft. Es gehe vielmehr um eine neue soziale Marktwirtschaft. Wie die genau aussehen soll, bleibt Merkel in ihrer Rede an diesem Abend schuldig.

Die Kanzlerin spricht das Thema internationale Organisationen an. "Wir müssen es lernen, in einer globalen Welt auch miteinander Verabredungen zu treffen", unterstreicht Merkel ihr "klares Bekenntnis" etwa zur Welthandelsorganisation WTO.

Im gleichen Atemzug wirbt sie für zusätzliche Freiheiten im Welthandel. "Wir müssen weitere Barrieren einreißen." Die WTO sei für diesen Prozess eine wichtige Größe. Und dann folgt noch so ein Satz, den man irgendwann schon einmal zu hören geglaubt hat. Die Entwicklungsländer benötigten einen "fairen Zugang" zu den Märkten, sagt Merkel.

Enttäuschung in ersten Reaktionen

"Viele Statements sind längst bekannt"

Davos, 18.15 Uhr: An die Rede Merkels schließt sich im Konferenzsaal eine Diskussion mit dem Computer-Unternehmer Michael Dell an. Eine ganze Reihe von Gästen hat indes den Saal in Richtung Flure verlassen.

Dort zeigen sie sich in ersten Reaktionen von Merkels Rede enttäuscht. Sie beklagen die starke innenpolitische Orientierung des Vortrags, obwohl die Kanzlerin ja vor einem internationalen Publikum gesprochen habe. "Viele Statements sind längst bekannt", beklagt ein Teilnehmer zudem.

Auf den Fluren wird in diesem Zusammenhang immer wieder an Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder erinnert. Mit der "Agenda 2010" habe er bei seinem letzten Auftritt in Davos wirklich Neues zu verkünden gehabt und die Menschen "mitgerissen". Schröder habe es im Gegensatz zu Merkel verstanden, Deutschland als ein Land des Wandels und des Aufbruchs zu präsentieren und das Interesse der Investoren für Deutschland zu wecken, sagen insbesondere deutsche Gäste an diesem Abend.

Davos, 18.55 Uhr: Wenig später bahnt sich Michael Dell den Weg durch die Menschenmenge. "Herr Dell, bitte ein kurzes Statement zur Rede der deutschen Bundeskanzlerin." Doch der US-Computer-Unternehmer hört nicht und entschwindet schnellen Schrittes durch den VIP-Ausgang.

"Die Rede war konventionell"

Davos, 19.10 Uhr: Dafür steht aber der Schwede Bo Ekman für ein Statement bereit. "Ich fand die Rede konventionell. Es gab wenig aufregend Neues. Merkel ist mit ihrer Rede eng dem deutschen Politalltag verhaftet geblieben. Über globale oder europäische Themen habe ich jedenfalls nur wenig gehört", sagt der Internetunternehmer und Gründer der Tällberg Foundation. Seine Organisation versucht, Führungskräfte der internationalen Business-Elite für gesellschaftliche Fragen zu interessieren und einzuspannen.

"Merkel hat genau den richtigen Ton getroffen"

Davos, 19.25 Uhr: Lob erntet Merkels Rede dagegen von der Wirtschaftsweisen Beatrice Weder di Mauro: "Angela Merkel hat genau den richtigen Ton getroffen und genau die richtigen Fragen aufgeworfen", sagt die Mainzer Professorin. So habe die Kanzlerin etwa die wichtige Frage gestellt, welche Antworten die Politik auf die Globalisierung und die damit verbundenen Ängste der Menschen geben könne, sagt die Schweizerin. "Angela Merkel hat sich stark um einen liberalen Ton bemüht, das ist ihr gut gelungen", sagt di Mauro zudem.

Derlei Lob aus berufenem Munde dürfte Angela Merkel an diesem Abend angesichts der ersten kritischen Reaktionen dann wohl doch versöhnen. Di Mauro gehört seit August 2004 dem Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland an und berät mit weiteren vier Ratsmitgliedern die Bundesregierung in wirtschaftspolitischen Fragen.

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