Börsen-Incentives Aktien für alle

Nach welchen Regeln vergeben die Dax-30-Konzerne Aktien an ihre Mitarbeiter? Ein Patentrezept gibt es nicht. Während einige Unternehmen kein Beteiligungsmodell anbieten, pflegen andere die Tradition seit Jahrzehnten. Details präsentiert die exklusiv von manager-magazin.de erstellte Dax-30-Umfrage zum Thema Mitarbeiteraktien.
Von Christian Buchholz und Marleen Gründel

Hamburg - Wie der Fluchtweg aus der Lohnklemme aussieht, darüber hat Bundespräsident Horst Köhler (CDU) klare Vorstellungen: "Wer in schlechten Zeiten längere Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich hinnimmt, der sollte in guten Zeiten auch einen Anteil am wirtschaftlichen Erfolg haben, der ja durch die gemeinsame Anstrengung erzielt wurde. Wir haben in Deutschland generell die Idee der Beteiligung der Arbeitnehmer am Produktivvermögen zu früh ad acta gelegt. Jetzt ist es aus meiner Sicht richtig und wichtig, diese Idee wieder aufzugreifen."

Köhlers Vorstoß im vergangenen Dezember rief ein breites Echo hervor. IG-Metall-Chef Jürgen Peters erklärte zum Thema Belegschaftsaktien, er sei gegen "diese Art des Zwangssparens". Denn die Beschäftigten müssten bei den meisten Programmen für Belegschaftsaktien eigenes Geld investieren, um an die Zuschüsse des Arbeitgebers zu gelangen. 

Neben der Debatte um das Grundprinzip ist für die Beschäftigten aber derzeit wichtiger, wie hoch der "Bonus von oben" ausfällt. Doch die Anreize, von denen die Angestellten der Dax-Konzerne in einem guten Börsenjahr wie 2005 profitieren können, sind höchst unterschiedlich ausgestaltet, wie die exklusive Umfrage von manager-magazin.de zum Thema ergibt.

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Von Adidas bis Volkswagen:
Mitarbeiter-Aktien im Dax
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Die Bandbreite reicht von geschenkten Aktien (Fresenius Medical Care ) über unterschiedlich große Aktienpakete mit verschiedenen Haltefristen bis zur sportlichsten Variante, den Aktienoptionen. Diese Hebelkonstrukte bieten allerdings nur wenige Konzerne wie Deutsche Bank , Volkswagen  und SAP  für die gesamte Belegschaft. Nachteil von Aktienoptionen: Übersteigt der Aktienkurs zu einem festgesetzten Termin  ein bestimmtes Niveau nicht, verfallen die Optionsscheine wertlos. Landet der Aktienkurs oberhalb der Zielmarke, fällt der Gewinn stattlicher aus als beim reinen Aktienengagement.

Bisher bieten in Deutschland nur rund 3300 Unternehmen mit 2,5 Millionen Beschäftigten betriebliche Beteiligungsmodelle an. Deren Effekt für die Liquidität der Mitarbeiter beträgt allerdings nicht selten nur wenige  hundert Euro pro Jahr. Selbst die dicksten Aktienpakete, die die Dax-Konzerne ihren Beschäftigten offerieren, reichen über ein Maximalvolumen von 4000 Euro pro Jahr kaum hinaus - inklusive Eigenanteil der Beschäftigten.

Einige Konzerne wie Altana , BASF  und Lufthansa  koppeln die Maximalzahl der Aktien allerdings mit dem Gehalt, so dass für einige Beschäftigte dann doch höhere Investitionen möglich sind. Und: Abschläge auf den aktuellen Kurs von bis zu 50 Prozent für die Mitarbeitertranchen sind ein Angebot, das es so kein zweites Mal an der Börse gibt.

Optionsmodelle für Topmanager selbstverständlich

Deutsche Post , Hypo Real Estate , Infineon , Linde , MAN  und Metro  verzichten derzeit jedoch komplett auf Aktienprogramme für alle. Bei der Commerzbank  werden Mitarbeiteraktien seit 1965 angeboten. Mitte Februar 2006 beschloss die Bank dann allerdings, jedem Mitarbeiter als Belohnung nicht prallere Aktienbündel, sondern schlicht ein halbes Monatsgehalt Prämie zukommen zu lassen. Das größte Aktienpaket pro Person blieb dagegen auf 30 Aktien zu je 12,28 Euro beschränkt. 

Eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PwC) zeigt, dass auch in den Leitindizes MDax , SDax  und TecDax  im Management der Unternehmen kein Konsens über die Effektivität von Mitarbeiteraktien besteht. Nur jedes siebte Unternehmen nutzt nach der Erhebung vom Februar 2006 diese Möglichkeit. An den Beteiligungsprogrammen können demnach also nur rund 15 Prozent aller Beschäftigten der unteren Ebenen teilnehmen.

3100 Euro Einsatz, das Fünfzigfache als Gewinn

Verträge für Vorstände werden laut Studie zu 100 Prozent mit Sonderanreizen versehen. Sie sind zumeist am Aktienkurs, manchmal aber auch an die Gewinnentwicklung des Konzerns oder dessen Abschneiden innerhalb einer Peer-Group gekoppelt. 88 Prozent der Beschäftigten auf der ersten und 59 Prozent auf der zweiten Führungsebene können laut PwC-Studie von den Anreizsystemen profitieren.
3100 Euro Einsatz, das Fünfzigfache als Gewinn

In der einfachsten Variante von Beteiligungsprogrammen bekommen die Beschäftigten Aktienanteile geschenkt, wenn sie im Gegenzug auch selbst bereit sind, zu investieren.

Die meisten (wenngleich längst nicht sämtliche) Mitarbeiter bei den der Dax-Konzernen haben Depots angelegt, in denen sie Aktien sammeln, die ihr Arbeitgeber meist weit unter Kurswert anbietet. Bleibt der Börsenkurs dieser rabattierten Angebote über eine Haltefrist (variieren von einem bis fünf Jahre) konstant, kann der Mitarbeiter später den Abschlag vom Arbeitgeber als persönlichen Gewinn verbuchen. Steigt der Börsenkurs, kommt dieser Gewinn für den Mitarbeiter "on top".

Über die Jahre können dabei erkleckliche Summen zusammenkommen. So rechnete Klaus Kleinfeld, Vorstandschef von Siemens , kürzlich vor, dass ein Tarifangestellter, der seit 1969 am Mitarbeiterprogramm teilnimmt, bei einem Gesamteinsatz von 3100 Euro bis heute einen Gegenwert von 155.000 Euro angehäuft habe. Wobei die Rechnung zwar nicht inflationsbereinigt, aber dennoch beeindruckend ist.

Diese Chance zum Vermögensaufbau nutzen in Frankreich 43 Prozent und in Großbritannien 24 Prozent aller abhängig Beschäftigten - wobei nicht nur Mitarbeiter bei börsennotierten Gesellschaften Programme anbieten. Deutschland hinkt hinterher - nur 5 Prozent aller Beschäftigten halten Anteile am Kapital ihres Arbeitgebers. 

IAB-Studie: Beteiligungsmodelle fördern Motivation

Die Union arbeitet nun unter Federführung von Arbeitsmarktexperte Gerald Weiß (CDU) ein  Programm aus, mit dem die Kapitalbeteiligung von Mitarbeitern am Unternehmen gefördert werden soll. Dabei spielt auch eine Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) eine Rolle: Die Wissenschaftler kommen zu dem Schluss, dass ein positiver Effekt von Mitarbeiterbeteiligungen für die Unternehmen messbar ist. Mitarbeiter in Firmen mit Beteiligungsmodellen sind demnach produktiver als jene, denen dieser Anreiz fehlt.

Auch der SPD-Linke Ludwig Stiegler zählt zur Phalanx der Befürworter von Beteiligungsmodellen: "Hätten wir vor 40 Jahren damit angefangen, hätten wir viele Probleme nicht, angefangen von der gefährdeten staatlichen Altersversorgung bis zum Kapitalmangel des Mittelstandes."

Die bürokratische Hürde

Derzeit allerdings stöhnen etliche der Konzerne über die verschiedenen gesetzlichen Bestimmungen für Mitarbeiteraktien in verschiedenen Ländern. "Das resultiert dann in enormem bürokratischen Aufwand, führt zu so vielen juristischen Überprüfungen konzernintern, dass Aufwand und Nutzen nicht im richtigen Verhältnis stehen", so die Mitarbeiterin der Personalabteilung eines Dax-Konzerns, die nicht genannt werden möchte.
Die bürokratische Hürde

Ein triftiger Grund für Adidas , gleich ganz auf Mitarbeiteraktien zu verzichten. Eine Sprecherin erklärt, dass die Organisation eines solchen Programms für die rund um den Erdball versprengten Niederlassungen nur schwer zu leisten sei. Auf Grund der nationalen Eigenheiten müssen die Steuerrechtler viel Aufwand betreiben, um gegenüber den Behörden und schließlich auch im Geschäftsbericht korrekt abzurechnen. Wozu also die komplizierte Börsenvariante wählen, wenn andere Tantiemenmodelle leichter, kostengünstiger und mit vergleichbarem Motivationsaspekt  einsetzbar sind?

Eine Antwort ergibt sich aus der Transparenz der Programme. Sie mögen kompliziert gestaltet sein - die Basis aber, der Aktienkurs, ist für jedermann jederzeit leicht zu überprüfen. Der Frankfurter Aktienrechtexperte Peter Raupach nennt in seinem Beitrag für manager-magazin.de zum Thema eine weitere besondere Eigenschaft von Belegschaftsaktien: "Sie nützen zumindest einer wichtigen Gruppe im Unternehmen: denjenigen Führungskräften, die eine feindliche Übernahme fürchten. Mitarbeiterstammaktien sind Aktien in "freundlichen Händen", freundlich zum bestehenden Management, bedeuten doch die nach Übernahmen häufigen Verkäufe, Zerschlagungen und Entlassungen ein härteres Leben für die Mitarbeiter als eines nach gewonnener Abwehrschlacht."

Vermögensbildungsgesetz als Hemmnis

Andererseits kann sich diese Ameisenmacht kleiner Aktionäre auch verlockt fühlen, die Kurse zu bestimmten Zeitpunkten in bestimmte Richtungen zu lenken. Konzertierte Aktionen, wie sie Hedgefondsmanager bei ihren Angriffen auf die Kurse fahren, sind von den Belegschaftsaktionären kaum zu fürchten - schlicht schon, weil unter vielen ein Konsens schwerer zu finden ist als unter wenigen.

Das Vermögensbildungsgesetz sorgt dafür, dass es kurzfristig auch aus einem anderen Grund nicht zum Aufstand der beteiligten Mitarbeiter kommen kann. Denn nur die winzige Summe von 135 Euro pro Jahr (von Kritikern wie Hessens Ministerpräsident Roland Koch als "Taschengeldförderung" verspottet) können Unternehmen ihren Beschäftigten steuerfrei in Aktien auszahlen. So sind bei BASF nur 0,45 Prozent aller Aktien in Belegschaftshand, bei RWE  2, bei der Deutschen Bank immerhin 8 Prozent.

Regierung moniert Sozialabgabenvorteil

Regierung moniert Sozialabgabenvorteil

Die Bundesregierung möchte die subventionierten Beteiligungsmodelle offenbar nicht ausbauen. "Der Vorschlag, den steuerfreien Höchstbetrag nach Paragraf 19a EStG anzuheben, wird abgelehnt. Es erscheint [...] eher angebracht und sachgerecht, die Steuerfreiheit nach Paragraf 19a EStG aufzuheben", hieß es in einem Antwortschreiben des Bundesfinanzministeriums auf Anfrage von manager-magazin.de im vergangenen Jahr. Union und SPD hätten im Rahmen des Haushaltsbegleitgesetzes erst 2004 beschlossen, den Höchstbetrag für einen steuerfreien Gewinn von 154 auf 135 Euro zu senken. Auch die geplante Abschaffung der Steuervorteile für Mitarbeiterkapitalbeteiligungen werde von SPD und Union getragen, betonte eine Ministeriumssprecherin.

Begründung: Die Vergünstigung stehe "im Widerspruch zum Konzept, die Einkommensteuer durch Verbreiterung der Bemessungsgrundlage zu stärken, Subventionen dagegen zu streichen." Ein Unternehmen, das Mitarbeiteraktien beispielsweise anstelle einer Gehaltserhöhung anbietet, spart Sozialabgaben. So kann das Unternehmen dem Mitarbeiter zu einem höheren Nettoeinkommen verhelfen (wenn der Aktienkurs sich wenigstens seitwärts entwickelt), ohne dafür so viel aufwenden zu müssen wie bei einer gewöhnlichen Gehaltserhöhung.

Eine Chance, die nicht-börsennotierten Unternehmen in aller Regel verwehrt ist. Kleine und mittlere Unternehmen werden aus Regierungssicht somit "diskriminiert". Schließlich handle es sich um Lohnbestandteile, die eigentlich "steuersystematisch aus Gründen horizontaler Gerechtigkeit" als Lohneinkommen zu besteuern seien - mit dem jeweils individuellen Steuersatz. Ob sich diese Einschätzung des Bundesfinanzministeriums in den vergangenen Monaten verändert hat, wollte die Behörde auf Anfrage von manager-magazin.de (noch) nicht kommentieren.

Gegenwind aus Brüssel

Von den 30 Dax-Konzernen werden sich einige über die zögerliche Haltung der Politiker ärgern. So haben unter anderen Fresenius Medical Care und Siemens in der mm.de-Umfrage eine Ausweitung der Freibeträge nach Paragraf 19a gefordert - zur Förderung des Vermögensaufbaus ihrer Mitarbeiter.
Alternativ senken einige Unternehmen wie Bayer , BASF  und DaimlerChrysler  die Kaufkosten für ihre Angestellten durch die Ausgabe von Gratisaktien - kauft der Mitarbeiter beispielsweise zehn Aktien, wird ihm die elfte geschenkt.

Kräftiger Gegenwind für dieses Vorgehen kommt auch aus Brüssel. Das Zubrot, das am längsten schon in US-Konzernen an die Mitarbeiter verteilt wird, ist für das Unternehmen bislang gewinnneutral. Ein neuer internationaler Rechnungslegungsstandard - IFRS 2 - der derzeit auch von EU-Experten diskutiert wird, will das abschaffen.

Optionszahlungen und auch rabattierte Aktien sollen demnach künftig wie andere Gehaltsbestandteile verbucht werden. "Oje", lautete - stark verkürzt - der Kommentar des Chip-Spezialisten Broadcom  dazu. Mehr als 100 Millionen Euro Gewinn würden Quartal für Quartal fehlen, wenn Optionen und rabattierte Aktien als Ausgaben verrechnet werden müssten. Auch für Richard Martin, Mitglied des Wirtschaftsprüferverbands Association of Chatered Certified Accountants, steht eine Auswirkung der geplanten Maßnahme fest: "Die Gewinne der Unternehmen werden sinken, denn wir haben es mit einer völlig neuen Kostenart zu tun."

Bis es wirklich so weit ist, dürften allerdings noch einige Jahre ins Land gehen. So sollte eine Entscheidung über IFRS 2 in Brüssel eigentlich bereits Ende 2004 gefallen sein - doch entschieden ist bis heute nichts. EU-Kommissionsexperte Jürgen Tiedje hielt kürzlich fest: "Das ist ein sehr emotionales Thema."

Und es ist ein Thema, an dem sich alle beteiligen wollen.

Börsen-Incentives: Die Dax-Konzerne im Vergleich

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