China Der Drache dreht auf

Chinas Wirtschaft wächst noch rasanter als erwartet. Die Volkswirtschaft dürfte bald Deutschland überrunden. Die jüngsten Statistiken erzählen aber mehr: Asien-Experte Nicolas Schlotthauer sagt, warum nicht nur das Wachstumstempo zählt, weshalb China auf dem Weg zur Servicewirtschaft ist und wie Unternehmen davon profitieren.

mm.de:

China hat sein Bruttoinlandsprodukt (BIP) für 2004 um 300 Milliarden Dollar nach oben korrigiert und dürfte inzwischen hinter den USA, Japan und Deutschland zur viertgrößten Wirtschaftsmacht der Welt aufgestiegen sein. Wächst China so schnell, dass die Statistiker im eigenen Land nicht mehr nachkommen?

Schlotthauer: Die Aufwärtskorrektur ist in der Tat bemerkenswert. Sie entspricht ungefähr der jährlichen Wirtschaftsleistung der Türkei oder Indonesiens. Dass China einen so gewaltigen Wachstumsbeitrag im eigenen Land "entdecken" konnte, hat auch mit einer veränderten Datenerhebung zu tun.

Der Service- und Dienstleistungssektor wird in den neuen Erhebungen genauer erfasst und hat enorm an Bedeutung gewonnen. Dienstleistungen sind in China demnach bereits für rund 40 Prozent der Wirtschaftsleistung verantwortlich. In den alten Statistiken war es nicht einmal ein Drittel.

mm.de: Hat sich der Riese China, die Fabrik der Welt, über Nacht zur Servicewirtschaft gewandelt?

Schlotthauer: Nicht über Nacht. Wir haben es in China mit einer Wirtschaftsmacht zu tun, in der immer noch planwirtschaftliche Elemente bestehen. Wie in vielen anderen Planwirtschaften auch spielte die Industrie in China bislang eine besondere Rolle, ihr galt das Augenmerk der Statistiker.

Doch inzwischen schauen die Datensammler auch darauf, welchen Beitrag kleinere Unternehmen wie zum Beispiel Servicebetriebe leisten, und zwar nicht nur in den großen Städten, sondern auch in den Provinzen.

Dabei hat man festgestellt, dass dieser Sektor in den vergangenen Jahren einen immer stärkeren Beitrag zum Wachstum Chinas geleistet hat und weiterhin an Bedeutung gewinnt.

"Wachstumskräfte besser verteilt"

mm.de: Welche Bedeutung hat diese neue Qualität des Wachstums?

Schlotthauer: Es ist nicht entscheidend, dass Chinas Wirtschaft noch schneller wächst als bislang angenommen. Die wirklich gute Nachricht ist, dass dieses Wachstum eine breitere, stabilere Basis bekommen und damit in der Tat eine neue Qualität hat. Das stärkere Gewicht des Servicesektors bedeutet auch, dass der private Konsum mehr zum Wachstum beigetragen hat.

Beobachter hatten bislang befürchtet, das rasante Wachstum werde fast ausschließlich von Investitionen der Unternehmen getragen. Daher die Angst vor einer wirtschaftlichen Überhitzung und einer harten Landung der Volkswirtschaft. Nun zeigt sich, dass sich die Balance zwischen Investitionen der Unternehmen und dem privaten Konsum verbessert, also die Nachfrageseite gestärkt wird.

Das muss nicht gleich bedeuten, dass eine Konsumwelle durch China schwappt. Aber ein Verhältnis von 40 Prozent Unternehmensinvestitionen, 40 Prozent privatem Konsum und 20 Prozent staatlichem Konsum würde schon auf eine verbesserte wirtschaftliche Balance hinweisen. Durch den geringeren Anteil des Industriesektors ist Chinas Wirtschaft weniger von Exporten abhängig als bisher angenommen. Die verbesserte Wirtschaftsstruktur dürfte weitere Investitionen nach China locken.

mm.de: Ist die Gefahr einer wirtschaftlichen Überhitzung in China damit gebannt?

Schlotthauer: In einigen Sektoren besteht sie nach wie vor, zum Beispiel im Immobilienbereich und im Automobilsektor. Doch die Überhitzung einzelner Sektoren droht in anderen Volkswirtschaften auch und ist kein spezielles chinesisches Problem. Die Volkswirtschaft hat sich aus mehreren Gründen stabilisiert.

Erstens geht China den Weg, den schon seine südostasiatischen Nachbarn gegangen sind. Das Land klettert die Technologieleiter hinauf und stellt nicht nur einfache, arbeitsintensive Produkte her, sondern immer mehr anspruchsvolle Güter, zum Beispiel Elektronik. Dadurch kommen neue Arbeitsplätze und Exportsektoren hinzu.

Außerdem sind durch die Erhöhung der gesamten Wirtschaftsleistung sowohl die Investitionen als auch die Sparquote im Verhältnis zum BIP gesunken, das ist für China ein gutes Zeichen.

Die wichtigste Botschaft aber ist, dass chinesische Verbraucher nicht so schwach sind wie befürchtet. Das Risiko, dass eine zu geringe Binnennachfrage das Wachstum hemmt und die Konjunkturentwicklung allein von der Außenwirtschaft bestimmt wird, ist gesunken. Die Wachstumskräfte sind ausgeglichener verteilt.

"Chancen für viele Unternehmen"

mm.de: Wenn Chinas Wachstum stabiler geworden ist - wie können ausländische Unternehmen davon profitieren?

Schlotthauer: Für Unternehmen ist es grundsätzlich positiv, wenn der Konsum anzieht und die Kaufkraft steigt. Bei den wohlhabenden Käuferschichten in China steigt auch das Qualitätsbewusstsein: Sie kaufen nicht mehr Kopien, sondern immer häufiger die teureren Originale.

Dies eröffnet Chancen für viele Unternehmen in der Konsumgüterindustrie, die nicht nur in China für ihren jeweiligen Heimatmarkt produzieren, sondern auch den inländischen Markt erschließen wollen. Sie müssen sich nicht in meist aussichtslose Preiskämpfe einlassen, sondern können höhere Preise durch Qualität begründen. Auch der Maschinenbausektor hat bessere Absatzchancen, wenn neben der Großindustrie auch kleine und mittlere Unternehmen auf der Nachfrageseite hinzukommen.

mm.de: Wie steht es mit weiterer Liberalisierung?

Schlotthauer: Eine Verbesserung für ausländische Unternehmen in China wird auch der erleichterte Kapitalverkehr sein. Ausländer erhalten zunehmend mehr Freiraum, ihre Gewinne außer Landes zu bringen. Dies ist derzeit sogar erwünscht, um den Aufwertungsdruck von der chinesischen Währung Yuan zu nehmen. Dennoch besteht kein Grund zur Euphorie, denn Chinas Wachstum ist noch lange keine Garantie für den eigenen Unternehmenserfolg.

mm.de: Wo liegen die Risiken?

Schlotthauer: Ein großes Problem ist weiterhin der Diebstahl geistigen Eigentums. Unternehmen, die außer ihren Produktionsstätten auch Forschungs- und Entwicklungsabteilungen nach China verlagert haben, haben diesen Schritt oftmals bereut.

Zweitens muss jeder Unternehmer berücksichtigen, dass die chinesische Regierung höchst wirksame Hebel bedient, um die Entwicklung einzelner Sektoren zu beeinflussen. Die Stahlimporte, die sich von 2001 bis 2004 mehr als verdoppelt hatten, sind zum Beispiel seit Frühjahr 2004 wieder deutlich nach unten gedrückt worden. Mittlerweile ist China selbst Netto-Stahlexporteur.

"Gang nach China kein Selbstläufer"

mm.de: Auch im Automobilsektor wird der Markt für ausländische Hersteller rauer.

Schlotthauer: Die Zielsetzung aus Peking, dass bis zum Jahr 2010 jedes zweite in China verkaufte Automobil auch von einem chinesischen Unternehmen hergestellt sein soll, bekommt Volkswagen  als Marktführer bereits jetzt zu spüren. Langfristig dürfte alles, was China nach eigener Meinung selbst produzieren kann, auch in China produziert werden.

Die Importe Chinas werden sich noch stärker auf Rohstoffe konzentrieren. Natürlich bietet China für ausländische Unternehmen Chancen, doch der Schritt dorthin muss gut vorbereitet sein. Die Wachstumsstory allein ist kein Selbstläufer.

mm.de: Mit dem schnelleren Wachstum wächst der Druck auf die chinesische Regierung, ihre Landeswährung aufzuwerten. Bedeutet rasches Wachstum auch eine schnellere Aufwertung?

Schlotthauer: China wird nach meiner Einschätzung die eigene Währung äußerst behutsam und langsam aufwerten, so wie es die wirtschaftlichen Gegebenheiten erlauben. Die riesige Volkswirtschaft hat keinen Grund, seine soziale Stabilität zu gefährden, nur um den Forderungen der USA nach einer raschen Aufwertung nachzukommen.

Seit der Yuan im Juli 2005 einmalig um zwei Prozent aufwertete und an einen Währungskorb gebunden ist, hat er seitdem um weitere 0,5 Prozent gegen den Dollar gewonnen. Diese leichte Aufwertung hat dem Wirtschaftswachstum nicht geschadet - China hat inzwischen sogar selbst gute Gründe, die eigene Währung ein wenig zu festigen.

Mit einer etwas stärkeren eigenen Währung lassen sich zum Beispiel höhere Rohstoffpreise auffangen - diese Preise wird das Land auf Grund seiner Abhängigkeit von Rohstoffen noch länger ertragen müssen. Auf der anderen Seite bedeutet eine Aufwertung des Yuan keine ernsthafte Gefahr für den Export. Mit Stundenlöhnen unter einem Dollar ist China im Vergleich zu den alten Industrienationen immer noch konkurrenzlos billig.

Man darf nicht vergessen, dass China trotz seines schnellen Wachstums von durchschnittlich neun Prozent pro Jahr noch immer ein armes Land ist, mit einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen von etwa 1500 Dollar und gewaltigen sozialen Herausforderungen. Bei seinem Weg in die Spitze der Wirtschaftsnationen wird es sein eigenes Reformtempo gehen und sich die Schrittfolge nicht vom Westen diktieren lassen.

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