USA "Es ist die Wirtschaft, Dummkopf"

Beim Antrittsbesuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel bei US-Präsident George W. Bush werden Wirtschaftsfragen nur eine Nebenrolle spielen. Für deutsche Konzerne sind die USA trotzdem momentan interessanter denn je.
Von Arne Stuhr

Hamburg/Berlin - Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am heutigen Freitag mit US-Präsident George W. Bush zusammentrifft, hat sie keine Wirtschaftsdelegation im Schlepptau, wie es noch bei der Versöhnungsreise ihres Vorgängers Gerhard Schröder (SPD) im Juni vergangenen Jahres der Fall war.

Die deutsche Wirtschaft ist dennoch der Überzeugung, dass trotz des sehr politisch ausgerichteten Terminplans der Kanzlerin auch ihre Interessen nicht unter den Tisch fallen werden. "Obwohl die Agenda zugegeben überwiegend außen- und sicherheitspolitisch geprägt ist, werden sicherlich auch Wirtschaftsfragen angesprochen", sagte Sigrid Zirbel vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) gegenüber manager-magazin.de im Vorfeld der Reise.

Dem BDI sei vor allem wichtig, dass zwischen Europa und den USA Mechanismen etabliert werden, um Handelsstreitigkeiten künftig schneller beilegen zu können. Die Expertin für die bilateralen Beziehungen zu Amerika bedauert zum Beispiel sehr, dass die Auseinandersetzung zwischen Boeing  und Airbus jetzt vor der Welthandelsorganisation verhandelt wird. Auch an einer schnellen Umsetzung des Ende vergangenen Jahres verabschiedeten gemeinsamen Arbeitsprogramms zur engeren transatlantischen Marktintegration ist die deutsche Wirtschaft sehr interessiert.

Engelhard: BASF bietet 4,9 Milliarden Dollar für den US-Chemiekonzern

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Renal Care: Für 3,9 Milliarden Dollar griff FMC im Mai 2005 zu

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Reebok: Adidas schluckte den Konkurrenten für 3,8 Milliarden Dollar

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Bax Global: Die Bahn investierte 1,1 Milliarden Dollar für den US-Logistiker

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CTI Molecular: Für rund eine Milliarde Dollar ging der Zuschlag an Siemens

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Milliardendeals: Deutsche Konzerne in Kauflaune
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Eine nachhaltige Beeinträchtigung der deutsch-amerikanischen Wirtschaftsbeziehungen durch die politischen Differenzen zwischen Berlin und Washington kann BDI-Frau Zirbel nicht beobachten. Auch Alexander Roos, Geschäftsführer bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG), hält Behauptungen, dass Amerikaner aus patriotischen Gründen deutsche Produkte meiden würden, für "empirisch haltlos". Wie sagte doch schon der ehemalige US-Präsident Bill Clinton einst im Wahlkampf gegen seinen Vorgänger George Bush senior: "Es ist die Wirtschaft, Dummkopf."

Allerdings gibt BCG-Berater Roos im Gespräch mit manager-magazin.de zu bedenken, dass zum Beispiel US-Mittelständler ihre Entscheidung für eine Direktinvestition in Europa schon von der transatlantischen Stimmungslage abhängig machten.

Umgekehrt ist eine solche Zurückhaltung allerdings nicht zu spüren. Im Gegenteil, sorgten im vergangenen Jahr doch dank gut gefüllter Kassen gleich mehrere Übernahmen US-amerikanischer Unternehmen durch deutsche Konzerne für Schlagzeilen. So kaufte Fresenius Medical Care  für 3,9 Milliarden Dollar das US-Unternehmen Renal Care, Adidas  schluckte für 3,8 Milliarden Dollar den amerikanischen Konkurrenten Reebok, die Deutsche Bahn übernahm für gut 1,1 Milliarden Dollar den US-Logistiker Bax Global und Siemens  legte für CTI Molecular rund eine Milliarde Dollar auf den Tisch.

"Mindestens die Hälfte aller Übernahmen sind Wertvernichter"

Mit der jetzt angekündigten - notfalls auch feindlichen - Übernahme des US-Chemieunternehmens Engelhard  durch BASF  für mindestens 4,9 Milliarden Dollar scheint sich der Kaufrausch deutscher Unternehmen in den USA auch 2006 nahtlos fortzusetzen. BCG-Partner Roos sieht darin aber kein speziell deutsch-amerikanisches Phänomen: "Auf einem sich generell beschleunigenden Übernahmemarkt mischen zwar nun auch die deutschen Konzerne immer stärker mit, allerdings beschränkt sich das Investitionsinteresse der hiesigen Unternehmen nicht auf die USA." Wie gerade das Beispiel BASF zeige, so der M&A-Experte, spielten Investitionen in Asien eine mindestens genauso wichtige Rolle.

Generell ist zu beobachten, dass vor allem diejenigen deutschen Unternehmen Geld in die Hand nehmen, die bereits international strategisch gut aufgestellt sind. Ihre Investitionen richten sich darauf, Produktpalette und geografische Positionierung zu optimieren. Vor allem der sehr profitable amerikanische Pharmamarkt zieht die Investoren an. "Aber auch deutsche Mittelständler aus dem Bereich Maschinenbau wollen nicht nur organisch wachsen und kaufen daher in Übersee zu", macht BCG-Berater Roos darauf aufmerksam, neben den spektakulären Milliardendeals die vielen kleinen Akquisitionen nicht zu übersehen.

"Die USA sind nach wie vor der größte Binnenmarkt der Welt und die US-Wirtschaft wächst deutlich schneller als die europäische", begründet Roos das anhaltende Interesse an US-Firmen. Trotz dieser objektiven Gründe für ein Engagement in Übersee bestünde aber durchaus die Gefahr, dass viele Unternehmen angesichts der verstärkten Übernahmeaktivitäten anderer Konzerne als reine Nach- oder Mitläufer agierten. "Egal welche Statistik man nimmt, noch immer sind mindestens die Hälfte aller Übernahmen Wertvernichter", warnt Roos. "Denn, ob ein Deal gut oder schlecht ist, hängt nicht von Zeit und Ort, sondern von der Strategie dahinter ab."

Pragmatischer hätte es wohl auch Kanzlerin Merkel nicht formulieren können, für deren Mission in Washington sicherlich eine ähnliche Devise ausgegeben wurde.

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