Wirtschaftsweiser "Lohnzurückhaltung ist selbstzerstörerisch"

Konzernlenker und Analysten sind äußerst angetan von den maßvollen Lohnabschlüssen und der Zurückhaltung deutscher Arbeitnehmer. Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger sieht in der Lohnzurückhaltung jedoch eine gefährliche Entwicklung: Sie sei "selbstzerstörerisch" und werden den Abbau von Arbeitsplätzen nicht aufhalten.

Hamburg - Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger hat vor anhaltender Zurückhaltung bei der Lohnentwicklung in Deutschland gewarnt und von der Bundesregierung eine grundsätzliche Entscheidung über den weiteren Kurs der Wirtschaftspolitik gefordert.

"Eine fortgesetzte Lohnzurückhaltung ist ähnlich selbstzerstörerisch, wie wenn ein Fünfsternehotel auf die Idee käme, über Billigpreise anspruchslose Kunden zu gewinnen, die allenfalls bereit sind, die Rate eines Zweisternehauses zu zahlen", schrieb Bofinger in einem am Dienstag veröffentlichten Beitrag für die "Financial Times Deutschland".

Mit einer Strategie der Lohnzurückhaltung könne Deutschland den Abbau von Arbeitsplätzen in der Industrie nicht aufhalten. Dieser sei ein Ergebnis des Strukturwandels, der so wenig zu vermeiden sei wie der Rückgang der Erwerbstätigkeit in der Landwirtschaft.

"Politik muss sich grundsätzlich entscheiden"

Die Politik muss sich nach Ansicht Bofingers entscheiden, ob sie einen offensiven Ansatz der Wirtschaftspolitik wie die skandinavischen Länder oder eine defensive Strategie mit wenig Staat wie die USA verfolgen wolle. Dänemark, Finnland und Schweden hätten gezeigt, dass mit einer hohen Staatsquote bei hohen öffentlichen Investitionen und Bildungsausgaben sogar Budgetüberschüsse erzielt werden könnten.

Bofinger rechnet für 2006 nicht mit einer Wende am Arbeitsmarkt. Die wirtschaftlich "insgesamt gute Perspektive" für 2006 reiche nicht, um die Lage am Arbeitsmarkt "durchgreifend zu bessern", sagte Bofinger im Deutschlandradio Kultur. Um die Beschäftigung anzukurbeln brauche das Land aber eine Wachstumsrate von zwei Prozent.

Aufschwung für Wende am Arbeitsmarkt zu schwach

"Die Wende am Arbeitsmarkt ist das noch nicht," betonte das Mitglied des Sachverständigenrates zur Beurteilung des gesamtwirtschaftlichen Lage. Für einen Umschwung am Arbeitsmarkt fehle der großen Koalition noch der "Bauplan, die klare Kontur, wohin das alles gehen soll", erklärte Bofinger weiter. "Das Fundament ist aber gut, damit sich die Wirtschaft wieder entwickeln kann." Der vorhergesagte wirtschaftliche Aufschwung sei von den Exporten getragen, betonte Bofinger. Schwachpunkt sei aber weiter die Binnennachfrage, diese sei das zentrale Problem in Deutschland.

"Wenn sich da nichts tut, dann werden wir auch nicht den selbsttragenden Aufschwung bekommen, den wir dringend benötigen." In diesem Zusammenhang regte Bofinger an, über einen Mindestlohn nachzudenken. "Die Frage ist, ob das ein staatlicher Mindestlohn sein muss, oder ob man, wie in der Bauwirtschaft, Tariflöhne allgemein verbindlich macht. Diese zweite Lösung wäre für das deutsche System besser", fügte er hinzu.

Staatlicher Zuschuss zu Niedriglöhnen

Zudem sprach sich Bofinger dem Sender zufolge für einen staatlichen Zuschuss zu Niedriglohn-Jobs nach US-amerikanischen Vorbild aus.

Diese Modelle sähen vor, dass, wenn jemand 1.000 Euro als Arbeitnehmer verdiene, er vom Staat fünf oder zehn Prozent draufgezahlt bekomme, "so dass er von diesem Geld leben kann".

Gleichzeitig plädierte er dem Sender zufolge dafür, die "völlig unsinnigen" 400-Euro-Jobs abzuschaffen. "Dann ist man auf dem richtigen Weg und kann im Kernproblem der Arbeitslosigkeit einiges bewirken."

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