Sonntag, 25. August 2019

Mannesmann-Prozess "Ein geistiger Betriebsunfall"

Mögen die hohen Prämien für das Topmanagement der übernommenen Mannesmann AG in der Öffentlichkeit und der Politik auch Empörung hervorrufen - für Michael Adams waren die Zahlungen dennoch im Interesse der Aktionäre des so erweiterten Vodafone-Konzerns. Im Interview mit manager-magazin.de fordert der Wirtschaftsrechtler daher einen Freispruch für Josef Ackermann.

mm.de:

Welche Folgen hat das Urteil für Herrn Ackermann?

Michael Adams ist Professor an der Universität Hamburg und leitet dort das Institut für Wirtschaftsrecht
Adams: Herr Ackermann muss wieder auf der Anklagebank Platz nehmen, obwohl seine persönliche Integrität ausdrücklich vom Gericht bestätigt wurde. Ackermann hat bei allen Millionenzahlungen keinen Cent erhalten, er hatte nur die Aufgabe, diese Abfindungszahlungen zu genehmigen und auf Angemessenheit zu überwachen. Dabei darf man nicht vergessen, dass der Aufsichtsratsposten bei Mannesmann nur einer seiner Nebenjobs war und er sich auf die Entscheidungsvorlagen bei Mannesmann verlassen musste. Bemerkenswert ist, dass die Kontrolle des Großunternehmens Mannesmann bei diesen Geldzahlungen allein auf ihn hinauslief - was Folge unserer kaputten Mitbestimmungsregeln ist. So waren die Gewerkschaftsvertreter untergetaucht und der Aufsichtsratschef Funk selber an Millionenzahlungen für sich höchst interessiert. Ohne Mitbestimmung wären wie in anderen Ländern fünf Personen da gewesen, die sich in die Kontrolle gestürzt hätten.

mm.de: Aber Ackermann hat doch diese nachträglichen Zahlungen im Aufsichtsrat abgesegnet. Das wird ihm als strafbare Untreue vorgeworfen.

Adams: Ja, Ackermann hat nach Abstimmung mit den entscheidenden Großaktionären des alten und neuen Unternehmens diese Zahlungen genehmigt. Aber hier muss man verstehen, warum die Eigentümer an diesen Zahlungen für die Mannesmann-Manager interessiert waren, obwohl diese Millionen ja aus ihren Taschen gingen und es sich nicht um Wohltätigkeitsorganisationen handelt.

mm.de: Es ging doch um die Abfindungsprämien als Dankeschön für die vergangenen Leistungen.

Adams: Nur am Rande. Wirtschaftlich ging es weniger um Anerkennungsprämien, denn um Abwrackprämien. Dazu muss man verstehen, was bei einer feindlichen Übernahme geschieht.

mm.de: Was war denn das Besondere an diesen Zahlungen?

Adams: Die Manager vieler großer Telefonunternehmen waren zu dem Ergebnis gekommen, dass national beschränkte Gesellschaften nicht überleben würden und nur internationale Telefongiganten mit Netzen in allen wichtigen Ländern im äußerst harten Wettbewerb eine Chance hätten. Aus diesem Grund hatten Mannesmann und Vodafone begonnen, andere Telefongesellschaften in der Welt aufzukaufen. Als Mannesmann für Vodafone bedrohlich wurde, beschloss das Vodafone-Management unter Gent, den Aktionären von Mannesmann ein Kaufangebot für deren Aktien zu machen, zu einem dramatisch besseren Preis als die Mannesmann-Aktie bisher wert war. Vodafone sah diesen Preis als wirtschaftlich gerechtfertigt an, weil es aus der einheitlichen Lenkung der Konzerne gewaltige Ersparnispotenziale erzielen wollte. Dieses Angebot traf natürlich auf den erbitterten Widerstand der Manager von Mannesmann unter Führung von Esser, die nun alle ihre Karriere als Topmanager am Ende sahen. Nach einem über hunderte von Millionen teuren Abwehrkampf mit Zeitungsanzeigen um die Gunst der Aktionäre, entschied sich die große Mehrheit der Aktionäre von Mannesmann, ihre Aktien zu verkaufen und damit die Selbstständigkeit von Mannesmann aufzugeben und dessen Leitung an Vodafone abzugeben.

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