Kolumne "Und wer zahlt?" Wenn ich einmal reich bin

Der zweite Teil der Serie zur Steuerpolitik unserer neuen Regierung behandelt die Reichensteuer. Da funkeln für den Fiskus viele Sterntaler am Firmament, aber beim Funkeln wird es meist bleiben. Denn - Steuergestaltungsmöglichkeiten, um sich davor zu drücken, werden gleich mitgeliefert – nach dem Motto: "poor overnight".
Von Justus Fischer-Zernin

Nachdem unter Rot-Grün der Einkommensteuerspitzensatz von 53 Prozent 1998 Schritt für Schritt auf 42 Prozent in 2005 abgesenkt worden war, fanden wir im SPD-Programm zur letzten Bundestagswahl plötzlich die Reichensteuer, mit der er für Vielverdiener wieder auf 45 Prozent angehoben werden sollte. Die Union forderte eine weitere Absenkung auf 39 Prozent.

Aber dann kam das Gerangel unserer Koalitionäre um die eigene Macht und das Geld der anderen, und jetzt kriegen wir sie ab 2007: die Reichensteuer! Für Singles 3 Prozent Zuschlag auf die Einkommensteuer bei steuerpflichtigem Einkommen von mehr als 250.000 Euro pro Jahr, bei Ehepaaren kommen die 3 Prozent on top, wenn mehr als 500.000 Euro versteuert werden müssen.

Erstmals eine echte Stufe für Vielverdiener

Neu im deutschen Steuerrecht ist der zackige 3-Prozent-Hüpfer. Ansonsten ist es ja so, dass mit stetig steigendem Steuertarif bei niedrigen und mittleren Einkommen kaum jemand sagen kann, wie viel der Fiskus vom nächsten verdienten Euro abbekommt.

Ab 52.152 Euro pro Jahr, waren es dann immer 42 Prozent, mit Soli 44 Komma-quietsch. Dass wir nun plötzlich bei Vielverdienern erstmals eine echte Stufe bekommen werden, ist als sportliche Herausforderung zur Vermeidung dieser Hürde gedacht. Wir sollten sie annehmen, zumal die Hilfsmittel dazu im Koalitionsvertrag gleich mitgeliefert werden - und hat nicht der neue Finanzminister die Parole ausgegeben, dass die Nörgelei am Koalitionsvertrag ein Ende haben soll? Na also!

In der Presse hieß es zunächst, dass es bei der Reichensteuer Vergünstigungen für Familiengesellschaften geben solle. Don Corleone hätte sicher zufrieden genickt. Andere Reiche mögen sich gerade mit Blick auf das bevorstehende Weihnachtsfest etwas bang die Frage stellen, was mit "Familiengesellschaft" gemeint ist?

Spiel mit sieben Einkunftsarten

Der Fiskus und die sieben Einkunftsarten

Keine Panik - die Schwiegermutter an der Festtagstafel lässt sich kaum vermeiden; zur Vermeidung der Reichensteuer ist die Schwiegermutter in der Gesellschafterversammlung aber nicht erforderlich. Von der Reichensteuer ausgenommen werden nämlich alle gewerblichen Einkünfte - familiärer Einschlag ist nicht nötig.

Damit kommen wir in das Fahrwasser der ganz normalen Steuerplanung. Es gibt bei uns sieben verschiedene Einkunftsarten, zum Teil mit weiteren Unterarten angereichert, die unterschiedlich besteuert werden. Ziel des Spiels ist immer, die eigenen Einkünfte geschickt in die Einkunftsart zu stecken, die gerade zu den niedrigsten Steuern führt.

Da gibt es anspruchsvolle Aufgaben, die allenfalls Träger des schwarzen Gürtels bewältigen. Die Verwandlung der Charterraten eines Containerschiffs in Einkünfte aus landwirtschaftlichem Nebenbetrieb ist nichts für Anfänger. Und da gibt es die ganz leichten Übungen, wie die Verwandlung von Vermögens- und Kapitaleinkünften in gewerbliche Einkünfte, womit bei den meisten Reichen ein schöner Batzen an der Reichensteuer vorbeigeschleust werden kann.

Umswitchen auf eine GmbH & Co. KG

Es wird eine GmbH & Co. KG gegründet, die die ertragreichen Vermögensteile übernimmt. Dann bekommt man es zwar mit der Gewerbesteuer zu tun, die die Einkünfte aus einer solchen KG oft zusätzlich belasten kann. Das Nette an der Gewerbesteuer ist indes: Sie führt mancherorts über kuriose Verrechnungen dazu, dass die Einkünfte der Beteiligten plötzlich niedriger besteuert werden als ohne Gewerbesteuer.

An einem solchen Ort sitzt dann natürlich unsere "Poor Overnight GmbH & Co. KG". 3 Prozent weniger Steuern statt 3 Prozent mehr sollten das Ziel sein. "Wir werden die Gewerbesteuer nur ersetzen, wenn für eine Alternative hinreichend genaue Kenntnisse über die Verteilungsfolgen vorliegen", heißt es im Koalitionsvertrag. Das kann dauern, und bis dahin können unsere Reichen ja tatkräftig ihren Beitrag zum Erkenntnisgewinn leisten.

Für Reiche mit Mietimmobilien kann sich noch ein Sonderbonus ergeben. Das Umpolen von Mieteinkünften in gewerbliche Einkünfte ist derzeit oft unschön, weil damit bislang steuerfreie Veräußerungsgewinne bei den Immos plötzlich steuerpflichtig würden.

Steuerfrei nach "Last-Minute-Prinzip"

Steuerfrei nach dem "Last-Minute-Prinzip"

Wenn sämtliche Veräußerungsgewinne bei solchen Objekten aber - wie nunmehr geplant - ab 2007 ohnehin irgendwie besteuert werden, kann ein Verkauf an die eigene KG in 2006 den netten Begleiteffekt haben, dass nach dem "Last-Minute-Prinzip" steuerfreie Veräußerungsgewinne produziert werden und zugleich für die Zukunft neue steuermindernde Abschreibungen entstehen.

Und wenn sich nach dem Weihnachtsschock der Familiensinn wieder regt, lohnt ein Blick auf die Erbschaftsteuer. Da sind solche KGs bereits jetzt begünstigt und die neue Koalition will noch deutlich weiter gehen, bis hin zur Nullnummer.

Zur Vorspeise für den Normenkontrollrat

Nach diesen ersten Fingerübungen geht es dann um die Verbesserung der steuerlichen Abschreibungen, die in den Zustand des Jahres 1999 versetzt werden sollen - diverse danach durchgeführte Änderungen im Namen der Gerechtigkeit, der Standortverbesserung und zum Abbau ungerechtfertigter Steuervergünstigungen werden zurückgedreht.

Allerdings nur "zeitlich begrenzt", freut sich der Steuerberater. 2008 soll wieder alles anders werden, da steht uns die große Unternehmensteuerreform im Namen der Gerechtigkeit, zur Standortverbesserung und zum Abbau ungerechtfertigter Steuervergünstigungen ins Haus, bevor die Abschreibungen dann im Projekt zur einheitlichen EU-Steuerbemessungsgrundlage erneut geändert werden sollen, im Namen der Gerechtigkeit ...

Im Koaltionsvertrag ist ein Normenkontrollrat vorgesehen, der sich gegen überflüssige Gesetze oder Regelungen wenden soll, die gegen sonstige Prinzipien guter Gesetzgebung verstoßen. Ein kleiner Besuch unseres Steuerrechts dürfte sicherstellen, dass es der Truppe nicht langweilig wird. Als Vorspeise beim ersten Treffen dieses Gremiums empfiehlt der Küchenchef die Reichensteuer.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.