Siemens Lebenselixier und Genstruktur

Klaus Kleinfeld hat keine Hemmungen, sich als sanierungsfreudiger Siemens-Chef in die Nesseln zu wagen. Doch mancher Kritiker vermisst eine schlüssige Strategie. Auf der heutigen Jahrespressekonferenz verpackt Kleinfeld sie in blumige Worte.

München - Klaus Kleinfeld sitzt im Saal "Nymphenburg" des Hotels Dorint Sofitel. Die Stimmung ist gut, Klaus Kleinfeld gibt sich gelassen und lächelt betont fröhlich in die Kameras. Fotografen aus aller Welt belagern den Siemens-Chef. Die Jahrespressekonferenz beginnt in wenigen Minuten.

Selbst der beste Kunde: Siemens brauche die Dienste der Netzwerksparte am dringendsten, erläutert Klaus Kleinfeld

Selbst der beste Kunde: Siemens brauche die Dienste der Netzwerksparte am dringendsten, erläutert Klaus Kleinfeld

Foto: DDP
Um die Wette strahlen: Kleinfeld und sein Finanzvorstand Heinz-Joachim Neubürger

Um die Wette strahlen: Kleinfeld und sein Finanzvorstand Heinz-Joachim Neubürger

Foto: DDP
Gute Miene zu schlechten Zahlen: "Das Portfolio wird atmen"

Gute Miene zu schlechten Zahlen: "Das Portfolio wird atmen"

Foto: REUTERS
Wasser als Lebenselixier: Der Siemens-Chef nebst Unternehmenssprecher Eberhard Posner

Wasser als Lebenselixier: Der Siemens-Chef nebst Unternehmenssprecher Eberhard Posner

Foto: DDP
Gibt die Richtung vor: Siemens soll von Urbanisierung und demografischem Wandel profitieren

Gibt die Richtung vor: Siemens soll von Urbanisierung und demografischem Wandel profitieren

Foto: DPA
Konsequenter Optimismus: Zeichen an die Kapitalmärkte

Konsequenter Optimismus: Zeichen an die Kapitalmärkte

Foto: DDP


Kleinfeld-Solo:
Bitte klicken Sie auf ein Bild, um
zur Großansicht zu gelangen.

"Auf vielfach geäußerten Wunsch" will Kleinfeld heute ausführlich auf Strategiefragen eingehen. Kleinfeld warnt schon mal vor: "Mein Statement wird etwas länger sein". Allerdings muss er frühzeitig nach Berlin fliegen, um den chinesischen Staatspräsidenten zu treffen. Es gehe um den Deal mit ICE-Zügen.

Hu-Jintao wartet

Der hat wohl Vorrang: Heute Nachmittag wird der chinesische Bahnminister im Beisein von Präsident Hu Jintao einen Großauftrag unterzeichnen: Es geht um die Lieferung von 60 ICE-Hochgeschwindigkeitszügen im Wert von etwa 700 Millionen Euro. Auch sonst stellt Kleinfeld die positiven Aspekte in den Vordergrund: Die Dividende wolle Siemens von 1,25 auf 1,35 Euro erhöhen, "als konsequentes Zeichen an den Kapitalmarkt, dass wir optimistisch sind."

Doch kommt er um offene Worte über die "Sorgenkinder" SBS und die Kommunikationssparte Com nicht herum. Bei SBS beträgt der Verlust im abgelaufenen Geschäftsjahr 690 Millionen Euro. "Das Ergebnis ist so nicht hinnehmbar", sagt er unumwunden. Dennoch hat Siemens Akquisitionen in einer Gesamthöhe von insgesamt über drei Milliarden Euro getätigt. "Wir haben Siemens weiter fit für die Zukunft gemacht", rechtfertigt Kleinfeld dieses Vorgehen.

Überalterung als Chance

Überalterung als Chance

Das Nachsteuerergebnis von Siemens war im abgelaufenen Geschäftsjahr von 3,4 auf 2,25 Milliarden Euro gesunken. Der Gewinn im vierten Quartal fiel auf 77 Millionen Euro, nach 654 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum.

Erneut nennt Kleinfeld die Zahl von 2400 Arbeitsplätzen, die in der IT-Dienstleistungssparte SBS abgebaut werden sollen. Bis 2007 will der passionierte Sanierer Kleinfeld in diesem Bereich 1,5 Milliarden Euro einsparen. Stellenstreichungen und Umbaumaßnahmen sind auch in der Kommunikationssparte geplant. Dies gilt insbesondere bei Service und Vertrieb im Bereich Unternehmensnetzwerke: "Wir haben für einen Großteil dieser Leute faktisch keine Beschäftigung mehr."

Gemeinsam mit den Arbeitnehmervertretern sei eine Lösung gefunden worden, um Überkapazitäten abzubauen. Die Arbeitszeit werde von 38,5 auf 30 Stunden pro Woche verkürzt. Außerdem soll es Angebote von Weiterbildungsmaßnahmen und Aufhebungsverträgen geben.

Gerüttelt' Maß an Pathos

In seiner langfristigen Strategie setzt Kleinfeld auf Bevölkerungswachstum, fortschreitende Urbanisierung und Überalterung. Dies seien Herausforderungen, die die Bereiche Gesundheit, Energie, Wasserversorgung, Mobilität und Sicherheit zu Zukunftsbranchen machten. Siemens wolle ein Infrastrukturanbieter werden, der Produkte und Dienstleistungen gebündelt offeriere. Es gebe keinen Anbieter auf der Welt, der das so leisten könne.

Als Beispiel für Wachstumsbranchen, auf die Siemens sich künftig konzentrieren will, nennt Kleinfeld die Wasserversorgung - ein "riesiger Markt", denn bis 2025 werde der Wasserverbrauch um 40 Prozent wachsen. Gar um 70 Prozent werde im selben Zeitraum der Strombedarf zunehmen. Deshalb wolle Siemens einen "klugen Energiemix" aus fossilen, nuklearen, aber auch regenerativen Energien anbieten. So ist die Mehrzahl der Akquisitionen in Kleinfelds Lieblingssegmenten Medizin, Energie, Industrie und Wasser getätigt worden.

Seine Ausführungen würzt Kleinfeld mit einem gerüttelt' Maß an Pathos. Innovationen seien "unser Lebenselixier" und "Teil unserer Genstruktur". Und als es um die Fortführung des Sparprogramms geht, zeigt sich, dass er im Berufsalltag viel Englisch spricht: "Das ist auch ganz klar im Haus verstanden", sagt er da, that's clearly understood, der Umbau geht weiter.

Horrorszenario Kahlschlag

Sozialer Kahlschlag ist "Horror-Szenario"

Kleinfeld wehrt sich gegen Vorwürfe der sozialen Kälte: "Dieses Horrorszenario, Siemens betreibe Kahlschlag in Deutschland, entspricht nicht den Tatsachen." Personalabbau werde immer als letztes Mittel der Restrukturierung betrachtet. Allerdings stellt er klar: Arbeitsplätze entstehen nur in Wachstumsregionen. Und das sind vor allem Länder wie Indien oder China.

Die Einsparungen bei SBS beispielsweise sollen nur zu 50 Prozent durch Personalabbau im Servicebereich erfolgen, die andere Hälfte durch Zukauf von Fremdleistungen und -material. Er betont, Siemens sei "selbst ganz erheblich abhängig" von der EDV-Sparte, da inzwischen fast die komplette IT-Infrastruktur bei SBS angesiedelt sei.

Kleinfeld will aber auch die Erfolge nicht zu kurz kommen lassen. Beim Verhandlungserfolg über die ICEs für China setzt er noch einen drauf: Die 700 Millionen Euro, von denen bei diesem Geschäft die Rede ist, beziffern den Anteil der Wertschöpfung in Deutschland. Insgesamt beträgt der Auftragswert rund 1,3 Milliarden Euro.

Gas macht Dampf

Der Auftragseingang habe sich "durchweg positiv" entwickelt, insgesamt habe er sich um 11 Prozent auf rund 83,8 Milliarden Euro gesteigert. Insbesondere betont der Siemens-Chef Projekte wie Gas- und Dampfbetrieb sowie regenerative Energien, vor allem die Sparte Power Generation (PG) habe sich prächtig entwickelt. Dass Siemens derzeit in Finnland am ersten europäischen Atomkraftwerk seit der Tschernobyl-Katastrophe mitbaut, erwähnt Kleinfeld hier zu Lande lieber nicht.

Auch bei der Prognose für 2006 bleibt er vorsichtig - also vage: "Wir werden uns im Geschäftsjahr 2006 voll und ganz darauf konzentrieren, das Unternehmen fit zu machen für die Zukunft." Dabei sei entscheidend, die vorgegebenen Zielmargen für das Jahr 2007 im Blick zu behalten. Noch einmal formuliert er sein Lieblingsbild: "Unser Portfolio wird weiter atmen - durch Akquisitionen wie durch Verkäufe."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.