Infineon "Am Aufsichtsrat vorbei"

Ex-Chef Ulrich Schumacher hat beim Börsengang von Infineon mit einem umstrittenen Treuhändermodell Extra-Erträge generiert. Dies sei vom AR-Chef Volker Jung so genehmigt worden, hatte Schumacher erklärt. Jung bestreitet das. "Ich war über das Treuhändermodell nicht informiert", sagte er gegenüber manager-magazin.de.
Von Christian Buchholz und Andreas Nölting

München/Hamburg - "Einige Wochen nach dem Börsengang gab es Gerüchte, nach denen Personen aus der Führungsetage von Infineon  mehr Aktien aus dem 'Friends & Family"-Programm gekauft hatten als sie durften", berichtet der damalige Aufsichtsratschef Volker Jung. Damals, im März 2000, war die 33-fach überzeichnete Infineon-Aktie in den ersten Handelstagen auf mehr als 72 Euro gestiegen. Für 34 Euro (inklusive Frühzeichnerrabatt) waren den fünf Infineon-Vorständen Pakete von je 30.000 Aktien aus dem "Friends & Family"-Programm zugeteilt worden (gezeichnet hatten sie zuvor insgesamt 250.000 Stück). Buchgewinn pro Paket: knapp 1,2 Millionen Euro.

"Ich hatte die Vorstände vor dem Börsengang tatsächlich ermuntert, die 'Friends & Family'-Aktien zu nehmen", so Jung (66) gegenüber manager-magazin.de. Er habe das Topmanagement animieren wollen, durch die festgelegten Beteiligungspakete zu zeigen, dass sie an die Zunkunft des Unternehmens glauben. "Dass es aber in der Konzernleitung Personen gegeben haben soll, die mehr Aktien gekauft hatten als es ihrer Zuteilung entsprach, gab natürlich Anlass zum Prüfen", so Jung.

Gemeinsam mit Heinz-Joachim Neubürger, dem Finanzvorstand von Siemens , habe Jung die Auszüge der Aktienzuteilungsliste gecheckt, die sich auf das Topmanagement beziehen. Derzeit prüft auch der Fiskus dieses Papier, das insgesamt rund 2000 begünstigte Personen listet, auf mögliche Steuervergehen. Jung: "Die Aussagekraft dieser Listenauszüge in Bezug auf mögliche Richtlinienverstöße war natürlich begrenzt - aber etwas Merkwürdiges fiel uns schon auf."

Ein Elternteil von Vorstandschef Ulrich Schumacher (47) hatte ein Aktienpaket erhalten. "Da hatte Herr Schumacher sich das Wörtchen 'Family' denn doch zu eng übersetzt", sagt Jung. Neben einer begrenzten Tranche für Kleinaktionäre sei es - wie gewöhnlich - bei der Zuteilung der Aktien um Geschäftspartner ("Friends") und die Unternehmensangehörigen ("Family") gegangen. Und nicht um deren Familienmitglieder.

Jung: Am Aufsichtsrat vorbei organisiert

Jung habe Schumacher telefonisch mitgeteilt, "dass dieser Vorgang nicht in Ordnung sei", und dass andere Aufsichtsratsmitglieder ebenso wie er selbst verärgert über die Sache seien.

Eine Rückabwicklung des Geschäfts sei aber nicht mehr möglich gewesen, das Aktienpaket verblieb im Besitz des Elternteils von Schumacher. Dieser bestreitet, dass es ein solches Gespräch gegeben hat. Jung: "Dann sagt er entweder die Unwahrheit, oder er erinnert sich nicht mehr."

Von einer anderen Komplikation des Aktienprogramms hat Jung nach eigener Aussage bis vor kurzem nichts gewusst: Schumachers Familie hatte Zugriff auf die Hälfte des Aktienpakets seines Vorstandskollegen Peter Bauer.

Umstrittenes Treuhändermodell

Umstrittenes Treuhändermodell

In den internen Aufzeichnungen war Bauer zwar Besitzer von 29.411 Aktien. In Wahrheit verwaltete Schumachers Kollege die Hälfte dieser Aktien aber nur treuhänderisch - für Familienmitglieder seines Vorstandschefs.

Das Treuhändermodell sei mit Aufsichtsratschef Jung abgesprochen gewesen, erklärte Schumacher. Vorstandskollege Bauer wiederum beruft sich darauf, dass Schumacher ihm damals zugesichert habe, die Angelegenheit sei mit Jung abgestimmt. Er habe keinen Grund gehabt, damals an dieser Aussage zu zweifeln.

Jung, der sich im Ausland befand, reagierte zunächst nicht, nun aber gegenüber manager-magazin.de umso deutlicher. "Wir haben doch im Aufsichtsrat nicht Regeln festgesetzt, damit diese Regeln anschließend nicht befolgt werden. Nein, das Treuhändermodell war ganz sicher nicht im Sinne des Erfinders, sondern wurde am Aufsichtsrat vorbei organisiert."

Damit stehen die Aussagen des Ex-Vorstandschefs von Infineon und dem damals zuständigen AR-Chef in einem krassen, kaum lösbaren Widerspruch.

Auch eine weitere Besonderheit des "Friends & Family"-Programms wird von unterschiedlichen Quellen konträr dargestellt. Nach unbestätigten Berichten, die sich auf angebliche Einträge in der erwähnten Zuteilungsliste beziehen, soll führenden Mitgliedern des Betriebsrats von Siemens  zum Jahresbeginn 2000 die Zeichnung großer Aktienpakete der Tochter Infineon ermöglicht worden sein. Dabei soll es sich um Summen bis zu 400.000 Euro gehandelt haben.

Auf Anfrage von manager-magazin.de erklärte der damalige Gesamtbetriebsratschef Alfons Graf, mittlerweile Pensionär: "Es gab ein solches Programm nicht." Er bestätigte allerdings selbst Aktien aus dem "Friends & Family"-Programm erworben zu haben. "Aber nicht für 400.000 Euro, die Summe war geringer", so Graf. Das Investment habe sich für ihn auf Grund des Kursverfalls nicht gelohnt. Grafs amtierendem Nachfolger Ralf Heckmann ist von einem speziellen Infineon-Zuteilungsprogramm für die führenden Arbeitnehmervertreter bei Siemens ebenfalls "nichts bekannt".

"Ich weiß nichts von einem solchen Programm, es war auch nie Thema im Aufsichtsrat", erklärt auch Jung dazu. Infineons AR-Chef leitete damals (bis Sommer 2003) als Siemens-Zentralvorstand die Hightech-Sparte Information und Kommunikation (I+C). Heute bekleidet Jung Aufsichtsratsposten bei der Discountbroker-Tochter der HypoVereinsbank , DAB Bank , und bei Vattenfall Europe .

Auf der Liste steht auch der Name von Karl-Ludwig Kley, Finanzvorstand der Lufthansa. Er ist ein Bruder des derzeitigen Infineon-Oberkontrolleurs Max Dietrich Kley. Der Lufthansa-Manager ließ gegenüber manager-magazin.de bestätigen, "Friends & Family"-Aktien erworben zu haben. Die Schauspielerin Uschi Glas, die nach Informationen von Insidern ebenso auf der "Friends"-Liste zu finden gewesen sein soll, wollte dies bis Redaktionsschluss hingegen nicht bestätigen. Jung selbst zeichnete nach eigenen Angaben eine erste Tranche Infineon-Aktien - 5882 Stück für etwa 100.000 Euro - im Februar 2000 und kaufte im Juli 2001 zum Kurs von 24,55 Euro 2000 Stück hinzu. Im vergangenen Jahr habe er dann zu 14 Euro nachgekauft und seine Gesamtstückzahl damit auf 10.000 Stück erhöht. "Ich habe bis heute keine Aktie verkauft", erklärt Jung, der keinen Hehl daraus macht, mit dem Investment derzeit tief in der Verlustzone zu stecken.

Ungewöhnlich kurze Lock-up-Period

Wie wertvoll die "Friends & Family"-Aktien aber für Ex-Vorstandschef Schumacher waren, wird deutlich mit einem Blick auf den Kursverlauf und einem zweiten in den Börsenzulassungsprospekt sowie die Haltefrist. Auf Seite 14 stehen dort - etwas unerwartet in der Rubrik "bevorrechtigte Zuteilung an Geschäftsfreunde" - die Namen Schumachers und seiner Vorstandskollegen Bauer, Andreas von Zitzewitz, Sönke Mehrgardt und Peter Fischl.

Sollten "Schumacher & Family" 75.000 Aktien zu einem günstigen Zeitpunkt veräußert haben, läge der Gewinn bei rund 3,8 Millionen Euro - binnen vier Monaten. Denn länger war die so genannte Lock-up-Period für die Vorstände des damaligen Börsenlieblings nicht bemessen. "Wir sind bei der Festsetzung der Haltefrist dem Ratschlag von Goldman Sachs und der Deutschen Bank gefolgt, die den Börsengang organisiert haben", erklärt Jung. Zu dem Punkt habe es zwar kritische Rückfragen von Aufsichtsratsmitgliedern gegeben, letztlich habe man das Thema aber nicht ausführlich diskutiert, sondern dem Fachwissen der Experten vertraut.

Bei vergleichbaren Unternehmen wurden die Haltefristen nach dem Börsengang in der Regel auf mindestens sechs Monate festgelegt, ebenso häufig waren Einjahresfristen. Ein Jahr nach dem Börsenstart hatte sich die Infineon-Aktie allerdings von ihrem Alltime-High bei 92,50 Euro auf rund 40 Euro gesenkt, heute kostet sie rund acht Euro.