Hurrikan 20 Bohrinseln sind verschwunden

Die großen Ölförderer im Golf von Mexiko ziehen eine erste Bilanz über die von Hurrikan "Katrina" verursachten Schäden. Besonders hart getroffen hat es Shell. Insgesamt werden 20 Bohrinseln und Ölplattformen an der Südküste der USA vermisst.

New York - "Katrina" hat an den Öl- und Gasplattformen von Shell im Golf von Mexiko große Schäden verursacht. Der Wirbelsturm sei direkt über die Anlagen hinweggezogen, teilte das Unternehmen gestern mit. Sehr hart getroffen habe es die Plattform Mars. Sie ist mit einer Kapazität von täglich 220.000 Barrel Öl und 220 Millionen Kubikfuß Gas eine der größten Förderanlagen im Golf. Shell ist der führende Öl- und Gasproduzent in der Region.

Wie stark die Förderung derzeit eingeschränkt sei, konnte die US-Tochter der Royal Dutch Shell nicht sagen. Geschädigt worden sei zudem die Plattform WD-143.

Dort werde zwar weder Öl noch Gas gefördert, doch sei sie ein wichtiger Umschlagpunkt für Öl von der Mars-Plattform. Die Anlagen von Shell im westlichen sowie im östlichen Teil des Golfs von Mexiko hätten keine größeren Schäden erlitten, hieß es weiter.

BP: Probleme bei der Belieferung

Beim Ölkonzern BP kommt es in einigen der US-Raffinerien zu Beeinträchtigungen bei der Treibstoffproduktion. Ursache seien Probleme bei der Belieferung mit Rohöl sowie dem Öltransport auf Grund der durch "Katrina" verursachten Schäden, teilte die Gesellschaft mit. Keine der Raffinerien von BP sei jedoch geschädigt worden, sagte Sprecher Scott Dean.

Beim französischen Ölförderer Total gibt es nach Unternehmensangaben keine großen Schäden an den Bohrplattformen. Allerdings stünden noch Prüfungen der Infrastruktur sowie der Installationen im Meer aus, sagte eine Sprecherin.

Total besitze zwei Plattformen im Golf von Mexiko: Matterhorn und Virgo. Zusammen mit dem unterseeischen Gastransportsystem komme sie auf eine Produktionskapazität von 259 Millionen Kubikfuß Gas pro Tag sowie 16.500 Barrel Rohöl pro Tag. Es sei noch zu früh um zu sagen, wann die Produktion wieder aufgenommen werde, ergänzte die Sprecherin.

Insgesamt wurden an der Südküste der USA mindestens 20 Bohrinseln und Ölplattformen vermisst. "Sie sind entweder gesunken oder losgerissen worden", sagte ein Sprecher der US-Küstenwache. Eine zerstörte Gas-Pipeline stand in Flammen. Der Golf von Mexiko ist das wichtigste Öl- und Gasfördergebiet der USA. Zudem liegt dort der Schwerpunkt der ölverarbeitenden Industrie. "Katrina" hatte die Rohölförderung der USA um 25 Prozent und die Raffinerienkapazitäten um 10 Prozent lahm gelegt.

Benzinpreise klettern weiter

Als Folge der Ausfälle stiegen die bereits hohen Benzinpreise weiter an. In den vom Sturm betroffenen Regionen - Louisiana, Mississippi, Alabama und Florida - wurde der Nachschub knapp. An vielen Tankstellen bildete sich kilometerlange Schlangen, und zahlreiche Zapfsäulen waren leer.

Angesichts der drohenden Energiekrise will US-Präsident George W. Bush die strategischen Reserven des Landes anzapfen. Bush verwies darauf, dass durch die Zerstörungen die Produktion und Verteilung von Kraftstoff erheblich beeinträchtigt seien. Das Energieministerium wies er an, den betroffenen Raffinerien Öl aus den strategischen Reserven der USA zur Verfügung zu stellen. Die USA haben in unterirdischen Salzstöcken 700 Millionen Barrel Öl gelagert, um bei Engpässen reagieren zu können. Zuletzt waren die Reserven vor einem Jahr nach dem Durchzug des Hurrikans "Ivan" angezapft worden.

Wie lange die Verknappung anhält ist offen. Ein Analyst verwies aber darauf, dass nach "Ivan" der Öltransport wegen der Schäden an den Untersee-Pipelines wochenlang beeinträchtigt war, obwohl auf den Förderanlagen bereits wieder Öl gepumpt wurde.

Preisschock in Deutschland

Nach dem gestrigen Preisschock an den Zapfsäulen bleiben die Spritpreise auch in Deutschland hoch und könnten noch weiter steigen. "Ich sehe keine Luft für eine Entspannung", sagte Rainer Wiek, Chefredakteur des Hamburger Energie-Informationsdienstes EID, der Nachrichtenagentur DPA. Die Mineralölfirmen Esso und Shell hatten die Preise für Superbenzin am Vortag um acht Cent je Liter auf den Rekord-Durchschnittswert von 1,39 Euro heraufgesetzt.

Nach Wieks Einschätzung trifft die zusätzliche Verknappung durch "Katrina" auf ohnehin stark strapazierte Märkte. "Eine Preisexplosion ist die logische Folge, weil die Produktenmärkte in den USA so angespannt sind", sagte Wiek. Die USA müssen schon heute jährlich rund 40 Millionen Tonnen Benzin importieren, davon rund 25 Millionen Tonnen aus Europa. Das entspricht dem gesamten Benzinverbrauch Deutschlands.

"Nun wird es darauf ankommen, wie schnell die Produktion in den Raffinerien am Golf von Mexiko wieder hochgefahren werden kann", sagte Wiek. Die Schäden an den Raffinerieanlagen seien nach seiner Einschätzung nicht dramatisch. "Trotzdem ist die Produktion mehr oder weniger zum Erliegen gekommen, weil es andere Probleme gab, zum Beispiel mit der Stromversorgung oder dem An- und Abtransport." Es könne durchaus zwei bis drei Wochen dauern, bis die US-Anlagen wieder laufen. Wie sich das auf den Markt auswirken werde, sei nicht vorhersehbar.

Die Lage am internationalen Rohölmarkt hat sich mit dem Antasten der strategischen Ölreserve in den USA etwas entspannt. Der US-Ölpreis pendelte im asiatischen Handel deutlich unter 69 Dollar. Ein Barrel (159 Liter) der US-Sorte WTI wurde am Morgen mit 68,79 Dollar gehandelt. Das waren 24 Cent mehr als zum Handelsschluss am Vorabend in New York.