IAA Feuerwerk als Notsignal

Die IAA in Frankfurt ist alle zwei Jahre das Mekka der automobilen Weltgemeinde. Göttlichen Beistand könnten in der Tat auch einige Hersteller gebrauchen, die sich in der Main-Metropole bei der 61. Auflage der weltgrößten Autoschau präsentieren.
Von Arne Stuhr

Hamburg/Frankfurt am Main - "Modellfeuerwerk" ist dieser Tage einer der meist strapazierten Begriffe, wenn von der Internationalen Automobil-Ausstellung die Rede ist, die in diesem Jahr vom 15. bis zum 25. September auf dem Frankfurter Messegelände ihre Tore öffnet. Allein die deutschen Hersteller warten mit 77 Neuheiten auf.

Viele der so euphorisch angepriesenen Modelle haben aber wohl eher die Funktion eines Notsignals. Botschaft an die Kunden: Wir leben noch, kauft uns!

Einer dieser Hoffnungsträger ist die neue S-Klasse von Mercedes-Benz. Mit der Oberklasse-Limousine will oder vielmehr muss DaimlerChrysler  verloren gegangenes Vertrauen bei den Kunden und schlicht und einfach auch Marktanteile zurückgewinnen. Bei gut 70.000 Euro beginnt der Einstieg ins Topsegment. Dass sich diese Summe für Menschen, die nicht gerade über ausreichend Optionen auf Daimler-Aktien verfügen, nur schwerlich auftreiben lässt, ist auch den Stuttgartern klar.

Stärkster Golf aller Zeiten: Der R32 (250 PS) schafft 250 km/h Spitze

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Bevorzugte(r) Variant(e): Familien-Kombi VW Passat

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Der Stern soll wieder glänzen: Neue Mercedes S-Klasse

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Edle Kombi/Van-Synthese: Mercedes R-Klasse

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Hoffnungsträger aus Nord und Süd
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Also soll der Glanz der neuen S-Klasse wie gehabt so stark auf die kleineren Modelle abfärben, dass sich selbst mancher C-Klasse-Fahrer - zugegeben oft zum Leidwesen der anderen Verkehrsteilnehmer - noch wichtig und privilegiert fühlt. Ob der Imagetransfer Mercedes wieder zum Premium-Primus macht, muss abgewartet werden.

Die einst gefürchtete "eingebaute Vorfahrt" galt bis vor einigen Wochen auch noch für Eckhard Cordes. Der ehemalige Mercedes-Chef warf kurz vor der wichtigen Heimatmesse das Handtuch, weil nicht er, sondern Chrysler-Chef Dieter Zetsche Anfang kommenden Jahres als Nachfolger seines bisherigen Karriere-Turbos Jürgen Schrempp an die Konzernspitze aufrückt. Es gibt wahrlich günstigere Zeitpunkte, als bei einer roten Ampel aus Frust einfach auszusteigen und zusätzlich noch etwas vom Benzin mitzunehmen.

Daimler-Lenker in spe Zetsche erteilte unterdessen im Vorfeld der IAA einer reinen Volumenstrategie eine Absage: "Ich weiß nicht, ob bei uns das höchste Verkaufsvolumen Priorität hat", sagte er. "Profitables Wachstum ist das, worum es geht."

Bayerische Luxusprobleme

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Cordes' Last-Minute-doch-nicht-Vorgänger und Kurzzeit-Nachfolgekandidat bei Mercedes, Wolfgang Bernhard, hat ebenfalls mit Absatzproblemen zu kämpfen. Vor allem in den USA entwickeln sich die VW-Modelle zu Ladenhütern. Auch der Jetta, einst der Umsatzträger für Volkswagen  in Übersee, verfehlt in seiner jüngsten Version bisher die Markterwartungen.

Das angekündigte Gegenmittel? Richtig, ein Modellfeuerwerk. Allerdings schießt auch der Wolfsburger Markenvorstand zunächst einmal ein Notsignal ab und spricht vom "Scheideweg" und einer drohenden "Abwärtsspirale".

Auf der diesjährigen IAA muss Bernhard noch mit dem vorlieb nehmen, was er am Mittellandkanal vorgefunden hat. Somit sind der Passat Variant, das neue Cabriolet namens Eos (mit Metallklappdach) sowie der 250-PS-Golf R 32 die VW-Messestars, aber eben nicht der Golf-SUV, über dessen Produktionskosten Bernhard sich noch immer mit dem Betriebsrat streitet. Letzter Stand: Bernhard droht, den Gelände-Golf im portugiesischen VW-Werk Setubal montieren zu lassen.

Über fünf Meter lang: Audi Q7

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Boxster-Derivat: Porsche Cayman S

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Lifestyle-Kombi: BMW 3er Touring

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Erste Skizze: Porsche-Sportcoupé Panamera

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Foto: Porsche


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Seinem Pendant bei Audi, Martin Winterkorn, sind solche Probleme fremd. Nach wie vor sind die Ingolstädter die Ergebnisstütze des Konzerns und haben mit dem wuchtigen Gelände-Kombi Q7 einen der Superstars der Leistungsschau im Programm.

Auch den bayerischen Rivalen BMW , mit den beiden Offroadern X3 und X5 bereits erfolgreich im SUV-Segment vertreten, plagen eher Luxusprobleme. Ein Zulassungsplus von fast 30 Prozent hier zu Lande in den ersten sieben Monaten lässt es verschmerzen, dass die Münchener in diesem Jahr keinen echten IAA-Star präsentieren und stattdessen in Ruhe an weiteren "raumfunktionalen Konzepten" arbeiten. Einzige marktreife Neuheit ist der 3er-Kombi, der wie seine Konkurrenten weiter gewachsen ist.

"Stillstand ist bereits Rückschritt"

"Stillstand ist bereits Rückschritt"

Ganz auf Wachstum trimmt sein Unternehmen auch Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, der vor allem in China, Russland, Indien und Südeuropa überdurchschnittliche Chancen wittert. Die Absatzprognosen für 2005 bekräftigten die Zuffenhausener erst jüngst. Mittelfristig sollen sich die Fahrzeuge der bisherigen drei Baureihen jährlich rund 100.000-mal verkaufen.

Dabei setzt man auch auf Derivate wie den Boxster-Ableger Cayman, der einer der diesjährigen Hingucker auf der IAA sein wird. Gesprächsthema Nummer eins ist aber sicherlich der Panamera. Ab 2009 will Porsche  mit der viertürigen vierten Baureihe in ein neues Fahrzeugsegment vorstoßen.

Es ist (fast schon) angerichtet: Bis kurz vor Eröffnung wird noch gearbeitet

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Foto: GMS
Modell des BMW-Stands: Großer Aufwand für die Heimatmesse

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Foto: GMS
Zuschauermagnet: Rund eine Million Besucher werden erwartet

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Foto: GMS


Das Mekka der Autowelt
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In einem neuen - doch eigentlich alten - Segment will auch Opel mitmischen. Mit dem Frontera, dessen gleichnamiger Vorgänger bis 2002 gebaut wurde, kehrt die GM-Tochter auf den Geländewagenmarkt zurück. Zudem soll die offene Variante des Astras debütieren. Allerdings wähnt GM-Europa-Präsident Carl-Peter Forster die Rüsselsheimer noch lange nicht über dem Berg: "Ein Tag Stillstand wäre bereits ein Rückschritt."

Sicherlich eine Binse, aber eben auch eindeutiger Beleg dafür, dass die als Feuerwerk verkaufte Atomisierung der Modellpaletten wohl auch über die IAA hinaus noch eine Weile weitergehen dürfte, Notsignale inklusive.

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