Vioxx-Urteil Hoffnung für deutsche Patienten

Ein US-Gericht hat den Pharmakonzern Merck & Co. nach dem Tod eines Vioxx-Patienten zu mehr als 250 Millionen Dollar Schadenersatz verurteilt. Jetzt hoffen auch mögliche deutsche Opfer des Schmerzmittels auf Entschädigung – und wollen in den kommenden Tagen klagen. Eine Krankenversicherung will sich ihnen offenbar anschließen.

Angleton/Berlin - Nach dem Millionenurteil gegen den US-Pharmakonzern Merck & Co.  hoffen auch in Deutschland mögliche Opfer des Arthritis- und Schmerzmedikamentes Vioxx oder deren Hinterbliebene auf eine Entschädigung. "Das Urteil hat auch für alle deutschen Vioxx-Patienten Signalwirkung", sagte der Berliner Rechtsanwalt Andreas Schulz. Allein Schulz hat bereits knapp 800 Fälle zur Klage vorbereitet.

Ein texanisches Gericht hatte den US-Pharmakonzern Merck & Co. am Freitag für den Tod eines Vioxx-Patienten mitverantwortlich gemacht und der Witwe Schadenersatz in Höhe von 24 Millionen Dollar sowie 229 Millionen Dollar Strafzuschlag zugesprochen. Merck will Berufung gegen das Urteil einlegen.

Die Entscheidung des Gerichts war international mit Spannung erwartet worden: Das Schmerz- und Arthritis-Medikament Vioxx wurde weltweit Millionen Patienten verschrieben, bis es vor knapp einem Jahr vom Markt genommen wurde.

Auch in Deutschland hatten viele mögliche Vioxx-Opfer auf die Entscheidung gewartet. Patientenanwalt Schulz kündigte an, dass bereits kommende Woche mehrere dutzend Klagen aus Deutschland bei US-Gerichten eingereicht würden. Zu den insgesamt 772 Fällen, die Schulz vertritt, gehören auch 81 Fälle, bei denen Vioxx-Patienten an Herzinfarkten oder Schlaganfällen gestorben sind.

Krankenkassen wollen sich Klagen anschließen

"Wir werden zur Not jeden einzelnen Fall in den USA vor Gericht bringen", sagte Schulz. Durch die Entscheidung in Angleton seien aber die Chancen gestiegen, dass sich Merck & Co. auf eine außergerichtliche Einigung mit den Patienten einlasse. In Deutschland wurden bislang zwei Vioxx-Klagen eingereicht, bei Gerichten in Köln und Meiningen in Thüringen. Die Zahl der Vioxx-Fälle in Deutschland insgesamt wird von Experten auf mindestens 7000 geschätzt.

Auch die deutschen Krankenkassen sind längst auf den Vioxx-Skandal aufmerksam geworden. Möglicherweise entstanden ihnen durch Folgeschäden Behandlungskosten in Millionenhöhe. Nach Medieninformationen ergaben interne Studien, dass die Folgekosten pro Vioxx-Fall durchschnittlich 100.000 Euro betragen. Deshalb erwäge mindestens einer der großen deutschen Versicherer, sich den Klagen seiner Kunden anzuschließen.

Interne Dokumente belasteten Merck

Interne Dokumente belasteten Merck

Als das Urteil im texanischen Angleton am Freitag nach sechswöchigem Prozess verkündet wurde, brach die Klägerin, Carol Ernst, in Tränen aus. Nach fast zweitägigen Beratungen waren die zwölf Geschworenen zu ihrem Urteil gekommen, Mängel beim Medikament wie auch bei dessen Marketing hätten zum Tod des 59-jährigen Texaners beigetragen. Die Witwe hatte erklärt, der Herztod ihres Mannes - ein Marathonläufer - sei auf die Einnahme von Vioxx zurückzuführen.

"Wenn er die Risiken gekannt hätte, hätte er die Tablette nicht jeden Tag genommen", sagte sie. Während des Verfahrens hatte ihr Anwalt interne Merck-Dokumente vorgelegt. Demnach machten sich einige Wissenschaftler des Unternehmens Sorgen um ein erhöhtes Herzinfarktrisiko durch Vioxx - lange bevor das Unternehmen das Medikament vom Markt nahm.

Ein Merck-Anwalt sagte, es gebe keine wissenschaftlichen Beweise für einen Zusammenhang von Vioxx mit den Herzrhythmusstörungen, an denen der Mann gestorben sei. Der Konzern sehe gute Gründe, in Berufung zu gehen und werde weiterkämpfen. Bei längerer Einnahme von Vioxx habe es zwar Hinweise auf ein höheres Herzinfarktrisiko gegeben. Der Mann sei jedoch an Herzrhythmusstörungen gestorben. Und es gebe keine verlässlichen wissenschaftlichen Erkenntnisse, dass Vioxx Herzrhythmusstörungen verursache.

Selbst wenn das Urteil bestehen bleiben sollte, werde der Strafzuschlag auf weniger als zwei Millionen Dollar reduziert, sagte ein Merck-Anwalt. Die Gesetze des US-Bundesstaates Texas beschränken Strafzuschläge auf das zweifache des wirtschaftlichen Schadens - in diesem Fall 450.000 Dollar - plus weitere 750.000 Dollar. Für den Verlust eines Ehepartners und seelischen Schmerz gibt es aber keine finanzielle Höchstgrenze.

Dem Pharmakonzern droht eine Klageflut

Der Anwalt der Klägerin, Mark Lanier, kündigte an, weitere Klagen einzureichen. Merck-Berater Kenneth Frazier sagte, der Konzern werde weiter kämpfen. "Es kommen andere Vioxx-Fälle vor Gericht und wir werden sie in den kommenden Jahren entschlossen durchfechten - einen nach dem anderen."

Durch die möglicherweise Tausende von Klagen könnte Merck Analysten zufolge mit Schadenersatzforderungen in Milliardenhöhe konfrontiert werden. "Es wird sie über die nächsten zehn Jahre mindestens eine Milliarde Dollar pro Jahr kosten", sagte John LeCroy von Natexis Bleichroeder. Der auf Sammelklagen spezialisierte Anwalt Jerry Reisman sagte, der Fall könnte eine Vielzahl von Klagen nach sich ziehen. Am 12. September soll im Bundesstaat New Jersey ein weiterer Vioxx-Fall vor Gericht kommen.

Die Wall Street reagierte auf die gerichtliche Merck-Niederlage mit einem drastischen Kurs-Einbruch der Merck-Aktien um 7,7 Prozent auf 28,06 Dollar. Damit ist der Gesamtwert der Merck-Aktien innerhalb eines Tages um 5,2 Milliarden Dollar gefallen. Die Merck-Aktien hatten im August vergangenen Jahres noch mit 47 Dollar notiert.

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