Montag, 22. April 2019

Gewerkschaften "Service statt Klassenkampf"

Deutschlands führender Arbeitsmarktexperte Wolfgang Franz spricht im Interview mit manager-magazin.de über die neuen Bedürfnisse der Beschäftigten und die Arroganz der Funktionäre.

mm.de:

Herr Professor Franz, die Gewerkschaften verlieren immer mehr Mitglieder. Das Ansehen der Funktionäre in der Bevölkerung ist auf einen Tiefpunkt geruscht. Haben Gewerkschaften überhaupt noch eine Zukunft?

Wolfgang Franz ist Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ("Fünf Weise") und Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim
Franz: Gewerkschaften werden nicht überflüssig. Aber ob die heutigen Großorganisationen überleben, hängt von ihrer Strategie ab. Arbeitnehmer jedenfalls möchten weiterhin einen Rückhalt für ihre persönlichen Beschäftigungsbelange. Den aber finden sie bei den Gewerkschaften heute kaum. Deshalb treten viele aus. Die Gewerkschaften müssen sich grundlegend wandeln, um noch eine Rolle spielen zu können. Mit ihren alten Konzepten kommen sie angesichts der heute radikal veränderten Marktbedingungen nicht weiter.

mm.de: Welche Veränderungen meinen Sie konkret?

Franz: Im internationalen Standortwettbewerb sind die Arbeitnehmer in einer schwierigeren Lage. Immer mehr Menschen stehen direkt im internationalen Wettbewerb. Angesichts der Wirtschaftsentwicklung in Deutschland gibt es nicht mehr viel zusätzlich zu verteilen. Wenn die Gewerkschaften aber für die Beschäftigten keine hohen Lohnforderungen durchsetzen können, verlieren sie die von ihnen proklamierte bisherige Hauptrechtfertigung ihrer Tätigkeit. Denn Gewerkschaftsführer, die den Leuten realistischerweise nur sagen können, "Viel war bei den Tarifverhandlungen nicht rauszuholen", haben ein Problem. Darauf antworten die Leute mit der Frage: "Wozu brauchen wir euch dann noch?"

mm.de: Ja, wozu noch? Was ist Ihre Antwort?

Franz: Die Gewerkschaften sollten sich umorientieren und nicht mehr so stark auf die Durchsetzung von Lohnforderungen setzen, sondern sich viel mehr als bisher als Serviceeinrichtungen für Arbeitnehmer aufstellen. Konkret heißt das zum Beispiel: Weiterbildungsmaßnahmen im Unternehmen, um die Menschen weiterhin beschäftigungsfähig zu halten, oder Rechtsberatung für Arbeitnehmer anbieten. Wenn sie sich hauptsächlich als Dienstleister der Beschäftigten verstehen, werden sie auch wieder mehr Zulauf haben.

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