Montag, 27. Mai 2019

Künstliches Leben "Die Evolution als Werkzeug nutzen"

Norman Packard, Gründer des ersten Unternehmens, das künstliches Leben aus dem Reagenzglas erschaffen will, spricht im Interview mit manager-magazin.de über die Chancen und Risiken seines Projekts, beschreibt den Wettlauf mit Genom-Pionier Craig Venter und verrät, ob er lieber Millionär oder Nobelpreisträger wäre.

mm.de:

Herr Packard, können Sie definieren, was Leben ist?

 Norman Packard (l.) ist CEO von Protolife, dem ersten Unternehmen, das sich die Schaffung von künstlichem Leben aus dem Reagenzglas zum Ziel gesetzt hat. Gemeinsam mit Mark Bedau (r.) hat der Physiker und Unternehmer Protolife im Jahre 2004 in Venedig gegründet.
Jürgen Bindrim
Norman Packard (l.) ist CEO von Protolife, dem ersten Unternehmen, das sich die Schaffung von künstlichem Leben aus dem Reagenzglas zum Ziel gesetzt hat. Gemeinsam mit Mark Bedau (r.) hat der Physiker und Unternehmer Protolife im Jahre 2004 in Venedig gegründet.
Packard: Das, was wir als Wissenschaftler unter Leben verstehen, darüber gibt es keine großen Meinungsverschiedenheiten. Grundsätzlich sind drei Elemente nötig: Erstens muss man etwas schaffen, das sich selbst reproduzieren kann. Zweitens muss sich das, was wir als Leben definieren würden, durch Selbstreproduktion weiterentwickeln können, sich also von einer Generation zur nächsten verändern. Als drittes Element wird ein Stoffwechsel benötigt, bei dem Energie gesammelt wird, die den Organismus am Leben hält und den Reproduktionsprozess unterstützt. Wenn man diese drei Elemente in Übereinstimmung bringt, hat man Leben erschaffen.

mm.de: Wie wollen Sie damit Geld verdienen?

Packard: Wenn Sie Ihre Frage auf einen längeren Zeitraum beziehen, dann sprechen wir über mögliche Anwendungen von voll entwickelten und in gewisser Weise programmierbaren künstlichen Zellen. In diesem Kontext werden wir versuchen, eine Plattform für die Herstellung solcher Zellen zu schaffen. Wobei die Produkte in unterschiedlichen Branchen und in verschiedenen Anwendungen genutzt werden könnten.

mm.de: Welche Anwendungen wären denkbar?

Packard: Zum Beispiel ließen sich künstliche Zellen für die Dekontamination der Umwelt einsetzen, indem sie über ihren Stoffwechsel Verschmutzungen abbauen. Auch biomedizinische Anwendungen wären denkbar, bei denen zum Beispiel die gezielte Verteilung von Arzneimitteln im menschlichen Körper über künstliche Zellen erfolgen könnte. Das heißt, die richtige Arzneimitteldosis zur richtigen Zeit am richtigen Ort wäre sichergestellt. Andere Anwendungen könnten zum Beispiel bei der Energiegewinnung bedeutend werden. Zum Beispiel könnte man künstliche Zellen dazu bringen, Wasserstoff zu produzieren.

mm.de: Das sind alles langfristige Ziele, die von der Existenz künstlicher Zellen abhängen. Gibt es auch kurzfristiges Geschäftspotenzial?

Packard: Kurzfristig prüfen wir die Geschäftsmöglichkeiten, die am Rande unseres Forschungsweges liegen. Zurzeit konzentriert sich Protolife auf die Erforschung so genannter Vesikel, das sind mikroskopisch kleine Bläschen, die von einer Membran umgeben sind und in denen unterschiedliche zellulare Prozesse ablaufen.

Wir denken über eine große Bandbreite an Anwendungen für die Vesikelchemie nach, die von der Entwicklung neuer Medikamente bis hin zur Kontrastverbesserung bei bildgebenden medizinischen Diagnoseverfahren reicht. Weitere Anwendungsgebiete könnten die Herstellung von Geschmacksstoffen oder Kosmetika sein.

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