ProSiebenSat1 Widerstand gegen "Bild, BamS und Glotze"

Die deutschen Verlage und Fernsehanstalten machen Front gegen die ProSiebenSat.1-Übernahme durch den Axel Springer Verlag: Vor allem Holtzbrinck will massive Bedenken beim Kartellamt vortragen. Dessen Chef hat bereits eine besonders intensive Prüfung angekündigt.

Berlin - Hier entstehe eine "große Medienmacht, sowohl publizistisch als auch auf den Werbemärkten", sagte Michael Grabner, stellvertretender Geschäftsführungsvorsitzender bei Holtzbrinck, der "Süddeutschen Zeitung". "Das ist nicht nur für uns ein Thema, sondern für die ganze Medienbranche." Holtzbrinck war selbst zuletzt mit zwei Vorhaben am Kartellamt gescheitert, darunter der geplante Kauf der "Berliner Zeitung". "Wir erwarten, dass bei Springer mit gleichen Maßstäben gemessen wird", sagte Grabner.

Gleichzeitig warnte der ARD-Vorsitzende, NDR-Intendant Jobst Plog, im RBB-Medienmagazin auf Radio Eins vor der Zusammenballung publizistischer Macht. Diese sei, anders als von Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner dargestellt, bei Springer nach der Fusion größer als die von Bertelsmann. "Der Kanzler hat nicht zu Unrecht darauf hingewiesen, dass man Politik schwer machen kann gegen 'Bild', 'BamS' und Glotze". Genau diese Konstellation ist jetzt hergestellt", sagte Plog.

Die Medienhäuser machen damit Druck im Vorfeld der kartellrechtlichen Prüfung, für die Kartellamtspräsident Ulf Böge bereits ein so genanntes Hauptprüfverfahren mit einer Frist von weiteren drei Monaten angekündigt hat. "Ich gehe davon aus, dass wir dieses Vorhaben vertieft prüfen müssen und nicht in vier Wochen entscheiden können", sagte Böge der "Süddeutschen Zeitung".

"Crossmediale Verflechtung, die wir so nicht kannten"

Nur ein kleiner Teil der beim Kartellamt angemeldeten Käufe und Übernahmen erreicht das Hauptprüfverfahren. In 80 bis 90 Prozent der Fälle reicht dem Kartellamt eine wenige Wochen dauernde Vorprüfung, um eine Genehmigung zu erteilen.

In diesem Fall lägen aber zwei Sachverhalte vor, "die wir uns kartellrechtlich genau anschauen müssen", sagte Böge. Dabei gehe es darum, welche Auswirkungen die Übernahme und Fusion auf den Werbemarkt im Fernsehen und den Lesermarkt bei Kaufzeitungen haben könne. Neu an diesem Vorhaben sei "eine crossmediale Verflechtung, die wir bisher in Deutschland so nicht kannten".

Der Fernsehwerbemarkt wird von zwei Familien dominiert - der RTL-Gruppe und der ProSiebenSat.1-Gruppe. Weil sonst selbst potenzieller Wettbewerb wegfiele, darf es keine Verflechtungen geben. Nachdem die Europäische Kommission Springer und Bertelsmann bei Druckereien die Gründung der gemeinsamen Tochter Prinovis erlaubt hatte, könnten mittelbare Verflechtung der beiden TV-Familien entstehen, sagte Böge.

Der Springer-Verlag gab sich am Montag "zuversichtlich, gute Argumente gegen die vom Kartellamt womöglich vorgebrachten Bedenken" zu haben. Eine Sprecherin wollte gegenüber manager-magazin.de aber keine Einzelheiten nennen. Insbesondere wollte sie sich nicht zu der Frage äußern, ob die von Kartellamtschef Böge als problematisch erachtete Druckbeteiligung notfalls verkauft werden müsse.

Hohes Risiko für Springer-Bilanz

Prinovis-Verkauf könnte Eigenkapitalbasis stärken

Branchenkreise hatten einen solchen Verkauf auch deshalb ins Spiel gebracht, weil der Verlag sich damit finanziell Luft verschaffen könnte. Der Konzern hält an Prinovis 25 Prozent, die mit mehreren 100 Millionen Euro bewertet sind.

Das "Handelsblatt" zitiert in diesem Zusammenhang den Bilanzexperten Karl-Heinz Küting mit der Berechnung, dass der zur Finanzierung notwendige Kredit von knapp drei Milliarden Euro die Eigenkapitalquote des Printkonzerns auf 16 Prozent halbiert und den operativen Cashflow von zuletzt gut 300 Millionen Euro für mindestens acht Jahre bindet. Es stelle sich die Frage, ob Springer unter diesen Bedingungen seine soliden Bilanzrelationen weiter halten könne.

Problematisch ist offenbar außerdem ein Bewertungsrisiko: Nach internationalem Rechnungslegungsstandard muss ProSiebenSat.1 jährlich neu bewertet werden. Läuft die Fusion mit dem Sender nicht nach Plan, könnten "gigantische Abschreibungen den tollen Jahreserfolg zu nichts machen", warnt Küting.

"Heftige Rivalität zwischen Springer und Bertelsmann"

Springer-Mehrheitseigentümerin Friede Springer verteidigte in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" den Kurs ihres Hauses: "Ich denke nur an die Sicherung der Zukunft des Verlagshauses meines Mannes. Und dafür brauchen wir ein zweites Standbein."

Der Medienprofessor und SPD-Politiker Peter Glotz rechnet nicht mit kartellrechtlichen Problemen. "Man kann in Deutschland keine medienökologische Insel in einem medienpolitischen Ozean machen", sagte Glotz der Tageszeitung "Die Welt". Er gehe davon aus, dass Bertelsmann und Springer künftig "heftig miteinander rivalisieren".

Der Kommunikationswissenschaftler Siegfried Weischenberg kritisierte dagegen die "Verbindung von Fernseh- und Zeitungsmacht" und befürchtet eine "international beispiellose Medienkonzentration". Springer erhalte "jetzt die Möglichkeit, mit Kampagnen und wechselseitiger Promotion zwischen Fernsehsendern und Tageszeitungen die öffentliche Meinung stark zu beeinflussen", sagte er der "Berliner Zeitung".

Der Springer-Verlag ("Bild", "Welt") will Deutschlands größten TV-Konzern ProSiebenSat.1 für insgesamt mehr als vier Milliarden Euro vom Medienunternehmer Haim Saban übernehmen, der ihn vor etwa zwei Jahren aus der Insolvenzmasse der untergegangenen KirchMedia gekauft hatte. Schon damals war über ein Kaufinteresse von Springer spekuliert worden.

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