Montag, 18. November 2019

London Der Terror und das Klapprad

Angeblich ungerührt vom Terror in den U-Bahn-Schächten gehen die Londoner ihrem gewohnten Berufsalltag nach. Doch tatsächlich hat sich seit den Anschlägen einiges geändert. Zum Beispiel der Weg zur Arbeit.

London - Mein Anti-U-Bahn-Schwur wurde heute arg auf die Probe gestellt. Am Montag hatte ich ihn wegen meines allzu schweren Rucksacks schon brechen müssen. Der Wagon leerte sich merklich, als ich einstieg. Bei strömendem Regen machte ich mich heute also wieder mit dem Fahrrad auf den Weg zur Arbeit, doch zu meinem Erstaunen war ich nicht allein. Sind die Engländer sonst eher Schönwetterradler, so waren auch heute wieder alle Straßen und Wege überfüllt mit Radlern - wie jeden Tag seit dem 7. Juli, dem Tag der ersten Bus- und U-Bahn-Bomben.

Bei Sonne und Regen: Viele Londoner sind auf das Fahrrad umgestiegen
"Unser Umsatz ist seit den Bomben um mindestens 50 Prozent gestiegen", bestätigt Tony Vickers, Filialleiter in der City bei der Fahrradladenkette Cycle Surgery den Fahrradtrend. "Heute haben wir trotz Regenwetter wieder mehr als 20 Räder verkauft", setzt Vickers hinzu. Und schon gibt es die ersten Engpässe; die Hersteller kommen mit der Produktion nicht nach.

Seit den Anschlägen fiel mir allmorgendlich auf, dass eine schon totgeglaubte Fahrradgattung wiederauferstanden ist und nun zum Nonplusultra der Neuradler geworden zu sein scheint: das Klapprad - die 70er Jahre lassen grüßen. Dass die Liliputradler auf ihren Faltgefährten aussehen wie der sprichwörtliche Affe auf dem Schleifstein, scheint sie wenig zu stören. Die meisten Londoner wohnen ja schließlich auch in Liliputwohnungen, da ist es nur konsequent, sich ein in zehn Sekunden faltbares Liliputrad anzuschaffen, das man notfalls Platz sparend unters Bett schieben kann. So hat die Londoner Firma Brompton Cycles, die das populärste Faltrad herstellt, momentan Trabbi-verdächtige Wartezeiten von bis zu sechs Wochen. Vor den Anschlägen waren es, wenn überhaupt, nur wenige Tage.

Spontankäufer kamen langfristigen Umsteigern zuvor

Seit die Traditionsfirma Raleigh vor wenigen Jahren nach Taiwan ausverkauft hat, ist Brompton neben dem Postfahrradhersteller Pashley aus Stratford-upon-Avon der einzige übrig gebliebene britische Massenfahrradhersteller, und die Bomben bescheren den im Londoner Stadtteil Kew beheimateten Radschweißern ungeahnte Zuwachsraten. "Unser Umsatz ist um rund 20.000 Pfund pro Woche gestiegen", sagt Will Butler Adams, Projektmanager bei Brompton. Keine schlechte Ausbeute bei einem Jahresumsatz von rund 3,5 Millionen Pfund. Doch damit nicht genug. Eine neue Schweißanlage für 60.000 Pfund wurde angeschafft und drei neue Arbeiter eingestellt, um dem neuen Ansturm Herr zu werden.

Adams hat zwei Wellen von Käufern ausgemacht: "Schon am Tag der ersten Bomben waren unsere Bikes in vielen Läden ausverkauft. Das waren meist Banker mit dem nötigen Kleingeld, die am 7. Juli nicht wussten, wie sie sonst aus der City nach Hause kommen sollten, da es weder Busse, Taxis noch U-Bahnen gab. Seit dem zweiten Anschlag kommt eine neue Gruppe in die Läden, die sich generell überlegt haben, dass sie nicht mehr mit den Nahverkehr fahren wollen."

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