Selbstbedienung "Korruption ist Chefsache"

Das Wichtigste im Kampf gegen Korruption im Unternehmen ist ein klares Bekenntnis des Chefs, sagt Peter von Blomberg, stellvertretender Vorsitzender von Transparency Deutschland. Doch meist sind es die Führungspersonen, die in der Grauzone zwischen kleinen Geschenken und großen Honoraren Grenzen überschreiten.
Von Henning Hinze

mm.de:

Gleich drei Dax-Konzerne sind zurzeit von Korruption betroffen, Infineon, DaimlerChrysler und Volkswagen. Nimmt Korruption in deutschen Unternehmen zu?

von Blomberg: Ob Korruption tatsächlich statistisch zunimmt weiß kein Mensch. Nur ein Bruchteil der Fälle kommt überhaupt ans Tageslicht. Experten sind sich einig, dass wir eher über 5 als über 10 Prozent dessen reden, was wirklich passiert.

mm.de: Werden mehr Fälle aufgedeckt?

von Blomberg: Ja. Die Ermittlungen in Korruptionsfällen sind gezielter, fachkundiger und umfassender geworden. Es sind Schwerpunktstaatsanwaltschaften eingerichtet worden, die an die sehr komplexen Fälle mit viel mehr Sachverstand und Erfahrung herangehen und infolgedessen auch erfolgreicher aufklären. Dazu kommt, dass es ein gewachsenes Interesse der Öffentlichkeit an dem Thema Korruption gibt. Es wird thematisiert und hinterfragt, das war noch vor wenigen Jahren nicht der Fall.

mm.de: Hat sich die Selbstkontrolle der Unternehmen auch verbessert?

von Blomberg: Große Unternehmen haben sich inzwischen der Korruptionsbekämpfung zugewandt. Das ist gut. Aber es gibt noch zu viele, die vor diesem Thema die Augen verschließen.

mm.de: Was fehlt denen?

von Blomberg: Die Unternehmensleitung muss sich selbst ohne Vorbehalte gegen Korruption positionieren. Sie muss gegenüber Mitarbeitern und Geschäftspartnern klar machen, dass Korruption abgelehnt und gnadenlos verfolgt wird. Und zwar nicht nur arbeitsrechtlich, sondern wenn es geboten ist auch strafrechtlich und mit dem Gang an die Öffentlichkeit.

mm.de: Gerade das Top-Management ist aber in nun bekannt gewordene Fälle verwickelt. Ist die Ebene besonders korruptionsanfällig?

von Blomberg: Gefährdet sind immer die Stellen, auf denen weitreichende Entscheidungen getroffen werden. Die Korruptionsstatistik des Bundeskriminalamtes zeigt, dass etwa 80 Prozent der Beschuldigten bei Korruptionsverfahren der Geschäftsleitung angehören, also Geschäftsführer, Vorstände, leitende Angestellte oder Inhaber sind. Ein bisschen zynisch muss man sagen: 'Korruption ist Chefsache'

Korruption findet in der Grauzone statt

Korruption findet in einer Grauzone statt

mm.de: Was bringt Topmanager dazu, für vergleichsweise wenig Geld Ruf und Beruf zu riskieren?

von Blomberg: Individualpsychologische Deutungen betrachten wir nicht als unsere Aufgabe. Wir glauben, dass die Strukturen entscheidend sind: Sie müssen Menschen unterschiedlichster Prägung den Anreiz bieten, sich korrekt zu verhalten. Das solche Spielregeln vorsätzlich missachtet werden, kann natürlich immer vorkommen. Aber wenn Vorstände sie missachten, ist das zum einen erschütternd und spricht zum anderen dafür, dass die Kultur des Unternehmens keinen angemessenen Stellenwert hat.

mm.de: Was gehört neben dem Bekenntnis der Vorstandsebene noch zu einer korruptionshemmenden Kultur eines Unternehmens?

von Blomberg: Jedes Unternehmen muss analysieren, wo in der eigenen Struktur Korruptionsgefahr besteht. Diese Brennpunkte müssen so abgesichert sein, dass das Risiko, entdeckt zu werden, deutlich erhöht wird. Dazu steht ein ganzer Handwerkskasten von Maßnahmen zur Verfügung: Vier-Augen-Prinzip, Job-Rotation, technische Kontrollen, umsichtige Erteilung von Vollmachten, aber vor allem Transparenz.

Und dann muss jedes Unternehmen einen Verhaltenskodex entwickeln. Den Mitarbeitern muss durch Ge- und Verbote gezeigt werden, wie sie sich in korruptionsgefährdeten Situationen verhalten müssen, damit sie gar nicht erst in eine Position geraten, aus der sie nicht wieder herauskommen. Denn Korruption ist kein schwarz-weiß Thema. Die Grenzen bestehen oft aus Grauzonen, in denen man sich unter Umständen bewegt, ohne es zu bemerken. Dafür müssen Mitarbeiter sensibilisiert und trainiert werden.

mm.de: Und wenn es trotzdem Verstöße gibt?

von Blomberg: Für Verstöße müssen ernsthafte Sanktionen vom Arbeitsrecht bis zum Strafrecht angekündigt werden. Darüber hinaus muss das Unternehmen einen wirksamen Whistleblower-Schutz installieren. Vorhandenes Wissen über Korruption im Unternehmen muss geäußert werden können, ohne das derjenige, der es mitteilt, sich selbst in Gefahr bringt. Da sind wir beim Thema Hotline oder Ombudsmann. Das sollte am besten ein extern beauftragter Anwalt sein, der mit Hilfe seiner Schweigepflicht Mitarbeitern und Geschäftspartnern als Informations- und Kommunikationsstelle für korruptionsverdächtige Beobachtungen dient.

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