Volkswagen-Affäre Viel Geld zur freien Verfügung

Ex-Personalmanager Klaus-J. Gebauer hat dem VW-Betriebsrat einem Medienbericht zufolge binnen zwei Jahren Belege über bis zu 780.000 Euro ausgeschrieben, deren Verwendungszweck nicht dokumentiert wurde. Gerätselt wird auch über den Verbleib von zwei Millionen Euro, die Ex-Skoda-Personalchef Helmuth Schuster in Indien anwarb.

Wolfsburg - Die in Hannover erscheinende "Neue Presse" berichtet, dass der frühere VW-Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer dem Konzernbetriebsrat mindestens einen sechsstelligen Euro-Betrag unkontrolliert zur Verfügung gestellt habe.

Der in der VW-Affäre als eine der Schlüsselfiguren beschuldigte Gebauer habe in den vergangenen zwei Jahren 780.000 Euro als Eigenbelege mit dem Vermerk "im Interesse des Unternehmens vom Gesamtbetriebsrat ausgegeben" abgezeichnet. Die Nachrichtenagentur DPA nennt dagegen eine Summe von 700.000 Euro. Gebauer war in der VW-Personalabteilung für die Beziehungen zum Betriebsrat zuständig. Die Eigenbelege lägen mittlerweile gesammelt bei der Staatsanwaltschaft in Braunschweig, die in der Affäre gegen Gebauer und den früheren Skoda-Personalvorstand Helmuth Schuster ermittelt.

Der neue Betriebsratschef Bernd Osterloh hatte zum Thema Eigenbelege erklärt, der Gesamtbetriebsrat habe wie jede andere Abteilung bei Volkswagen ein Budget für Personal, Sachgemeinkosten, Fortbildung und anderes. Das Budget unterliege den bei VW üblichen Kontrollen. "Von einem Pauschaletat habe ich nichts gewusst und den wird es mit mir auch nicht geben", sagte Osterloh.

Weder Volkswagen  noch die zuständige Staatsanwaltschaft Braunschweig wollten die Meldung gegenüber manager-magazin.de kommentieren. Ein Volkswagen-Sprecher verwies auf die laufenden Ermittlungen sowohl der Konzernrevision als auch der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Braunschweig sagte lediglich, dass "Eigenbelege in den Ermittlungen eine Rolle spielen". Man sei derzeit in diesem Zusammenhang "mit der Tatsachenergründung beschäftigt".

Der Sprecher der Staatsanwaltschaft sagte weiter, dass die ersten Zeugenvernehmungen "umgeleitete Zahlungen betrafen". Rechtshilfeersuchen an europäische und außereuropäische Länder würden vorbereitet, man erarbeite dafür derzeit "detaillierte Fragenkataloge". Mit dem Fall betraut sind zwei Staatsanwälte: der Abteilungsleiter der Zentralstelle für Wirtschaftssachen und eine Sonderdezernentin für Korruptionsdelikte.

Schuster bedrängte indischen Minister mit Ultimatum

Volkswagen wollte nicht zu der Frage Stellung nehmen, ob früher bekannt gewordene Schätzungen der Konzernrevision über Ausgaben in Höhe von einer Million Euro damit nach unten korrigiert wurden oder ob es neben Gebauer weitere Unterzeichner von Belegen gab.

Eigenbelege werden ausgestellt, wenn keine Rechnungen oder Quittungen vorliegen. Bisher unbestätigten Berichten zufolge soll der inzwischen zurückgetretene Personalvorstand Peter Hartz Anweisungen gegeben haben, dem Betriebsrat ein unkontrolliertes Budget zur Verfügung zu stellen. Aus diesem Budget sollen Lustreisen und Prostituierte bezahlt worden sein.

Schuster umging Chef der eigenen Tarnfirma

Schuster umging sogar den Chef seiner eigenen Tarnfirma

Unterdessen sorgt die Zahlung der Provinzregierung des südindischen Bundesstaates Andhra Pradesh an eine Tarnfirma aus dem Schuster-Firmengeflecht auch in Indien für Aufregung. Mitte Januar hatte Industrieminister Bosta Satyanarayana die Zahlung von zwei Millionen Euro an Vashishta Wahan (abgekürzt: VW) angewiesen, nachdem er in Verhandlungen über den Bau einer Volkswagen-Fabrik in der Region von Volkswagen-Unterhändler Schuster dazu aufgefordert worden war. Nach ARD-Informationen machte Schuster dabei eine Menge Druck und verlangte eine umgehende Zahlung, stellte aber auch eine Entscheidung der Volkswagen-Spitze binnen Tagen in Aussicht.

Als Satyanarayana im Mai noch immer keine Erfolge vorweisen konnte, stellte er im Interview mit der Zeitung "The Hindu" eine Entscheidung binnen 45 Tagen in Aussicht. Ob er das tatsächlich glaubte, sich zur Rechtfertigung genötigt sah oder Druck machen wollte, bleibt unklar. Die Meldung schwappte nach Deutschland - eine Entscheidung folgte ihr nicht.

Derweil hatte Schuster die zwei Millionen Euro vom indischen Konto angeblich räumen lassen. Der Geschäftsführer der Schuster-Firma Vashishta Wahan, der indische Spitzenmanager BK Chaturvedi, weigerte sich nach eigenen Angaben gegenüber der ARD wochenlang, die Überweisung zu unterschreiben.

Schließlich soll einer der beiden ihm untergebenen Kontobevollmächtigten die Überweisung gegengezeichnet haben - angeblich auf Anweisung von Schuster. Seit Anfang März sei das Geld verschwunden. Das Guthaben auf dem fragwürdigen indischen Konto beträgt nach Angaben des ARD-Korrespondenten in Neu-Dehli nur noch 180 Euro.

Viereck und Wendhausen verzichten auf Rückkehr

Andhra Pradeshs Ministerpräsident Rajasekhar Reddy hat die verschwundenen Millionen noch nicht abgeschrieben: "Unser Geld ist recht sicher", sagt Reddy, "offenbar hat Schuster Gelder veruntreut. Aber das heißt nicht, dass der Volkswagen-Konzern aus dem Spiel ist."

Auf Bitten von Volkswagen kommt den Ermittlern in Wolfsburg nun eine Delegation aus Indien zu Hilfe. Sie soll auch weiter über den Bau der Fabrik in Südindien verhandeln.

Unterdessen meldete Volkswagen am Freitagmorgen, dass die Landtagsabgeordneten Ingolf Viereck und Hans-Hermann Wendhausen ihre Arbeitsverhältnisse im Volkswagen-Konzern auf eigenen Wunsch weiterhin ruhen lassen werden.

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