KarstadtQuelle Verluste im Versand

Umfangreiche Umbaumaßnahmen bei KarstadtQuelle hatte Thomas Middelhoff beim Amtsantritt im Mai versprochen. Glückt nun der Verkauf von 75 Warenhäusern? Ist der Wasserkopf ausreichend geschrumpft? Überraschend kündigt Middelhoff bei seiner Zwischenbilanz an, dass er zusätzlich Sparten für 1,3 Milliarden Euro verkaufen will.

Hamburg/Frankfurt am Main - 64 Tage nach Übernahme des Vorstandsbüros in der Essener Konzernzentrale von KarstadtQuelle  will Thomas Middelhoff erläutern, wie weit er mit seinem Sanierungsprogramm, dessen Hauptteil er sportlich auf 100 Tage terminiert hatte, gekommen ist.

Wie sensibel der Termin ist, zeigt sich schon an der Tatsache, dass die KarstadtQuelle-Aktie für 70 Minuten bis 16.10 Uhr vom Handel ausgesetzt wurde. Gegen 15 Uhr hatte der Konzern eine Ad-hoc-Mitteilung herausgegeben. Titel: "Bestandsaufnahme und Prognoseanpassung". Inhalt: Der Versandhandel wird seine Planziele nicht erreichen. Für das Ergebnis (bereinigtes Ebitda) wird die Prognose von bisher mehr als 500 Millionen Euro auf einen Wert von mehr als 350 Millionen Euro zurückgenommen.

An der Börse fielen die Aktien des Konzerns nach der Handelspause um 5,77 Prozent auf 10,95 Euro.

Nicht gerade die besten Voraussetzungen für Middelhoffs Lagebericht, den er mit der Aussage begann, dass man "in vier von fünf Konzernbereichen auf oder über Plan" liege. Die Versandhaus-AGs Neckermann und Quelle sollen künftig getrennt voneinander als GmbHs geführt werden.

Beteiligung an Thomas Cook könnte erhöht werden

Angesichts der negativen Entwicklung will Middelhoff sein geplantes Verkaufsprogramm nun deutlich erweitern. Die Erlöse aus dem Verkauf von Konzernteilen sollten deutlich über den bisher erwarteten 1,1 Milliarden Euro liegen: Mit einer Ausweitung des Verkaufsprogramms sollen zusätzliche 1,3 Milliarden Euro eingenommen werden. Geplant sei die Trennung von der Karstadt-Hypothekenbank und dem ABS-Programm (Kundenforderungen), sagte Middelhoff. Die Verkäufe sollten Ende des vierten Quartals 2005 oder im ersten Quartal 2006 über der Bühne sein.

Die Beteiligung am gemeinsam mit Lufthansa  kontrollierten Reisekonzern Thomas Cook stehe aber nicht zum Verkauf: "Das Reisegeschäft von Thomas Cook ist unser Stammgeschäft. Wir würden unseren Anteil sogar noch gerne erhöhen", so Middelhoff. Ein Lufthansa-Sprecher bestätigte, sein Unternehmen wolle ebenfalls an dem Reisekonzern festhalten.

Bei den Planungen für die Zukunft dürfte nicht nur die Versandhandelskrise ein wichtiger Punkt sein. Im Zentrum steht auch der angepeilte Verkauf von 75 Warenhäusern mittlerer Größe. Mit dem Erlös bekäme der angeschlagene Konzern die dringend benötigte Luft, um auch finanziell wieder handlungsfähig zu werden. Schon vor einigen Tagen hieß es in Kreisen, dass die Essener bereits drei von vier Bietern aussortiert hätten und nun mit einem Finanzinvestor exklusiv verhandeln würden. Als Termin für die Unterschrift war demnach "spätestens im August" festgelegt. Middelhoff sagte am heutigen Donnerstag lediglich, man verhandle aus einer starken Position, die Verhandlungen würden zum Ende des dritten Quartals abgeschlossen.

Task Force für den Versandhandel

Task Force für den Versandhandel

Auch fast 300 Fachgeschäfte der Marken SinnLeffers, Wehmeyer und Runners Point sollen abgestoßen werden. Diese Verkaufsoffensive kommt schrittweise voran. Die Verträge für das Logistikzentrum in Unna, die Modekette Wehmeyer und die Karstadt-Fitnesscenter seien unterzeichnet worden, sagte Middelhoff, nannte aber zunächst weder die Namen der Käufer noch die Verkaufssummen. Für SinnLeffers und Runners Point ist noch keine abschließende Lösung gefunden.

Middelhoff hatte zudem angekündigt, dass die Arbeitszeiten zumindest für die Warenhausbeschäftigten unter den 93.000 Mitarbeitern flexibler gestaltet werden sollen. Dafür rüttelt der Manager bisher nicht an der Zusage, betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden. Ob sich Middelhoff mit seiner Forderung nach verkaufsoffenen Sonntagen bereits durchsetzen kann, wird ein weiteres Indiz für Tempo und Durchsetzungsfähigkeit des ehemaligen Bertelsmann-Chefs sein.

Finanzvorstand Harald Pinger berichtete, dass sich die Lage im Versandhandel als "deutlich komplizierter" erwiesen habe, als dies erwartet worden war. Mit den Erkenntnissen einer von ihm geleiteten Task Force sei man in Gespräche mit Verdi und dem Betriebsrat gegangen. Man habe "in beispielhafter Weise" mit den Arbeitnehmervertretern ein "Programm zur nachhaltigen Zukunftssicherung unseres Versandhandelsgeschäfts verabredet", so Pinger. Ergebnisse sollen zum Ende des dritten Quartals vorliegen.

Ob Middelhoffs Appell an die Verkäufer, den Kunden freundlich und aufmerksam zu begegnen, gefruchtet hat, lässt sich am jüngsten Zahlenwerk des Konzerns noch nicht ablesen. Der Umsatz des Handelsriesen war im ersten Quartal 2005 erneut rückläufig: Er sank um 8,4 Prozent auf 3,25 Milliarden Euro. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen im Gesamtkonzern brach um fast 40 Prozent auf 56,6 Millionen Euro ein. Im Gesamtjahr soll das Minus nur im einstelligen Prozentbereich liegen, verspricht der Konzern. Schlecht entwickelte sich insbesondere das Versandgeschäft. Privileg, die Technik-Traditionsmarke von Quelle litt am stärksten. Im Vorfeld des Auftritts von Middelhoff tagten zunächst die Aufsichtsräte der Versandtöchter, so dass der Vorstandschef möglicherweise frische Entscheidungen präsentieren kann.

Warum erhöht Madeleine Schickedanz ihre Anteile?

Middelhoff, der vor dem Wechsel an die Spitze im operativen Geschäft schon ein Jahr im KarstadtQuelle-Aufsichtsrat wirkte, wird auch gefragt werden, warum die Mehrheitsaktionärin so stetig weiter Aktien kauft. Dabei handelt es sich um den Pool um Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz, der bereits deutlich mehr als die Hälfte des Konzerns besitzt. Hartnäckig halten sich Gerüchte, Middelhoff, der als Intimus der Familie Schickedanz gilt, bereite eine Zerschlagung des Konzerns vor. Hartnäckig hatte Middelhoff dies bisher zwar auch bestritten, der Aktienkurs des Unternehmens stieg aber auch aufgrund der Zerlegungstheorie - denn weitere positive News aus Essen waren spärlich gesät - seit Middelhoffs Amtsantritt um ein Viertel.

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