Volkswagen-Strategie Jetzt aber! Aber wie?

Für Volkswagen gibt es absehbar "keinen warmen Rückenwind, es schlägt uns kalter Wind ins Gesicht", sagt VW-Markenvorstand Wolfgang Bernhard. Mit einem "Modell-Feuerwerk" soll das Überleben in frostigen Zeiten gesichert werden. Allerdings erst 2008. Vorher werden alte Rezepte eingesetzt: Personaleinsparungen und Effizienzkontrollen.
Von Christian Buchholz

Hamburg/Wolfsburg - Die Grafik, mit der VW-Markenvorstand Wolfgang Bernhard während einer Analystenkonferenz veranschaulichte, welcher Druck auf dem Konzern lastet, hatte es in sich. Sechs Pfeile drücken bedrohlich auf das VW-Logo in der Mitte: steigende Produktionskosten, hohe Investitionen, steigende Rohstoff- und Personalkosten (weltweit). Dazu Preisdruck, eine wachsende, harte Konkurrenz aus China und eine zu starke Abhängigkeit vom Dollar. Schließlich steht auf der Folie, die Analysten weltweit präsentiert wird, "nicht genügend Innovationen".

Welcher Weg führt aus der Misere? 40 Teams, berichet Bernhard, sind bei Volkswagen derzeit unterwegs, um Sparpotenziale aufzudecken. "Wir drehen jeden Stein im Konzern um und kennen bei unseren Bemühungen keine heiligen Kühe", bekräftigt der 44-Jährige energisch. Was bedeutet das konkret, wollen die Analysten wissen. Da Volkswagen  zu viel Personal beschäftige, wie wäre es, Komponentenwerke komplett auszulagern? Auf die Frage des Deutsche-Bank-Analysten antwortet Bernhard knapp: "Wir prüfen alle Möglichkeiten."

Was steckt hinter den Gerüchten, Volkswagen wolle einzelne Fabriken schließen? "Derzeit gibt es keine Pläne, Standorte zu schließen", sagt Bernhard. Ein Analyst des in den USA populären Investmentresearchers Bernstein fragt, ob Volkswagen Veränderungen bei den bestehenden Tarifverträgen anstrebt. "Nein, wir prüfen vielmehr, was im Rahmen der bestehenden Tarifverträge möglich ist", sagt Bernhard. Mit welchen Methoden denn die Zulieferer dazu gebracht werden könnten, ihre Kosten so stark zu senken, wie Volkswagen sich das vorstellt, fragt ein Analyst. Bernhard sagt, man führe einen fruchtbaren Dialog mit den Zulieferern zu dem Thema. Jedenfalls werde der Konzern das Thema nicht so angehen wie "under a gentleman namend Lopez".

"Wer nicht liefert, muss Konsequenzen tragen"

Und wie schafft es Volkswagen dann Milliarden zu sparen? Es würde derzeit an "detailierten Plänen" gearbeitet, sagt Bernhard, konkrete Ergebnisse würden im Herbst erwartet. Bei so viel Willen, den Konzern umzukrempeln, wäre es da nicht ein Gebot der Stunde, auch einen "signifikanten Turnover" im alten Management vorzunehmen und Jüngere ranzulassen, fragt der Konferenzteilnehmer von Goldman Sachs. "Ich bin kein Freund davon, Veränderungen herbeizuführen, indem man Leute entlässt und neue einstellt", antwortet Bernhard. Allerdings zählten Resultate und "wer nicht liefert, muss die Konsequenzen tragen".

Führende Manager, die ihr Soll übererfüllen, sollen allerdings auch überdurchschnittlich profitieren. So sollen künftig dreijährige Qualitätsziele etwa in der Entwicklung und Produktion aufgestellt werden. Werden die Ziele erreicht, erhalten die betreffenden Manager einen Bonus. Bei Nichterfüllung gehen sie leer aus.

Das Qualitätsproblem sei eines der schmerzhaftesten für VW, erklärt Bernhard - und will bis zum Jahr 2008 die Garantieforderungen von Kunden halbieren. Möglich werden soll dies auch durch eine drastische Verkürzung von Problemlösungsprozessen. Diese dauern laut Bernhard derzeit 48 Wochen und sollen umgehend auf 18 Wochen sinken.

Bis 2008 werden in der Personenwagensparte bei Volkswagen Kosteneinsparungen in Höhe von fünf Milliarden Euro sowie mehr als zwei Milliarden Euro an Leistungssteigerungen angepeilt. Bis 2008 wolle VW jährlich durchschnittlich 2,5 Milliarden Euro in die VW-Pkw-Sparte investieren.

Durststrecke bis zum Feuerwerk

Drei Milliarden Euro weniger Materialkosten

An der geplanten Rendite von 9 Prozent auf eingesetztes Kapital (ROI) will Volkswagen festhalten. Wann das Ziel erreicht werden soll, blieb allerdings offen. Im Juni hatte Vorstandschef Bernd Pischetsrieder gesagt, für 2006 halte er dies für unrealistisch.

2004 hatte Volkswagen dank schneller Erfolge des Sparprogramms "ForMotion" besser abgeschnitten als während des Jahres befürchtet. Der operative Gewinn vor Sondereinflüssen sackte zwar um 12 Prozent auf zwei Milliarden Euro ab, blieb damit aber über der eigenen Prognose von 1,9 Milliarden Euro. In den ersten drei Monaten 2005 steigerte der Konzern den operativen Gewinn dank des Sparprogramms um 41 Prozent auf 464 Millionen Euro. "ForMotion" diene nun als "robustes Gerüst" für die weitere Sparstrategie, sagte Volkswagen-Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch, der ebenfalls an der Analystenkonferenz teilnahm.

Folgerichtig heiße das neue Programm "ForMotion Plus". Dessen Ziel lautet: Eine Ergebnisverbesserung bis 2008 um sieben Milliarden Euro brutto. Die Einzelposten dazu: Zwei Milliarden sollen bei Vertrieb und Marketing gespart werden, drei Milliarden bei den Materialkosten, eine Milliarde bei den Produktionskosten. Die Gemeinkosten sollen um 500 Millionen Euro sinken, die Kosten für Garantiereparaturen ebenfalls mindestens auf diesen Wert sinken.

Durststrecke bis zum Feuerwerk

Nur wie der Konzern diese ambitionierten Ziele erreichen will, bleibt unklar. Was Volkswagen denn in den kommenden Jahren so viel besser machen könne als die Mitbewerber, um die Wegmarken zu erreichen, fragt ein Analyst. Die Antwort ist schwammig. Nur Minuten zuvor hatte Bernhard eingeräumt, dass von den Volumenmodellen in Kürze lediglich der Passat Variant noch einmal für einen Umsatzschub sorgen könne, danach herrsche für Jahre Ebbe, nachdem unter anderen Golf, Passat und Jetta in kurzen Abständen auf den Markt gekommen waren.

Nach der absehbaren Durststrecke aber, ab dem Jahr 2008, will Volkswagen den Markt mit fünf bis zehn neuen Modellen aufmischen, "an denen jetzt bereits intensiv geplant wird", so Bernhard. Er sehnt diese Stapelläufe herbei, denn "wenn du defensiv spielst, kannst du das Spiel nicht gewinnen - also spielen wir offensiv", sagt Bernhard. Und weiter: "Wenn wir (VW) hier in Europa nicht überleben können, dann hat Europa eine sehr, sehr dunkle Zukunft". Das klingt bedrohlich. Und dennoch, ein Analyst sagte nach der Konferenz schlicht, "die vorgestellten Maßnahmen hauen mich nicht gerade vom Hocker". Die Aktie verlor zeitgleich etwa 2 Prozent.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.