Insolvenzen Weniger Unternehmen steuern in die Pleite

Die Zahl der Insolvenzen ist erneut gestiegen, weil immer mehr Privatleute dramatisch überschuldet sind. Unternehmen machen dagegen seltener Pleite, was die Wirtschaftsauskunftei Creditreform auf die restriktive Kreditpolitik der Banken zurückführt.

Neuss - Insgesamt wird sich der Anstieg der Insolvenzenzahl in Deutschland in diesem Jahr nach Erwartung von Experten leicht verlangsamen. Die Neusser Wirtschaftsauskunftei Creditreform rechnet mit rund 130.000 Insolvenzen von Unternehmen, Verbrauchern und Selbstständigen. Das sind rund zehn Prozent mehr als 2004. Im vergangenen Jahr war die Zahl der Pleiten im Jahresvergleich um 17,8 Prozent auf 118.260 gestiegen.

In den ersten sechs Monaten 2005 mussten 62.200 Firmen, Verbraucher und Selbstständige den Gang zum Konkursrichter antreten. Das waren 10,1 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum 2004, wie Creditreform am Dienstag in Düsseldorf mitteilte.

Zwei gegenläufige Trends bestimmen das aktuelle Insolvenzgeschehen: Während die Zahl der Firmenkonkurse um 6,2 Prozent auf 18.700 Fälle erneut zurückging, gab es bei den Verbraucherinsolvenzen mit 29.200 Fällen einen Zuwachs von 33,5 Prozent.

Weniger Insolvenzen wegen restriktiver Kreditvergabe

Für das Gesamtjahr rechnen die Experten mit einem Rückgang der Unternehmensinsolvenzen um rund 3,2 Prozent auf 38.000 Fälle. Trotz deutlich weniger Firmenkonkursen - schon 2004 sank die Zahl der Unternehmenspleiten mit minus 0,5 Prozent erstmals seit 1999 - sieht Creditreform-Vorstand Helmut Rödel insgesamt "keinen Grund zur Entwarnung".

Der Rückgang der Insolvenzen sei keine Anzeichen für eine Konjunkturbesserung, eher spiegele sich darin die vorsichtigere Kreditvergabe der Banken wider, die Unternehmen dazu zwinge, rechtzeitig vor einer Überschuldung die Segel zu streichen. Die Zahl der Handelsregisterlöschungen nehme jedenfalls deutlich zu, sagte Rödl.

Auch seien in diesem Jahr bis zu 580.000 Arbeitsplätze durch Pleiten bedroht, sagte Creditreform-Vorstand Helmut Rödl. Verrechnet mit erwarteten rund 300.000 neuen Stellen durch Firmengründungen bleibt ein Negativsaldo von 250.000.

Anstieg der Verbraucherinsolvenzen

Zahl der Verbraucherinsolvenzen steigt explosionsartig an

Der Rückgang der Unternehmensinsolvenzen fiel allerdings je nach Branche unterschiedlich aus. Am stärksten war der Rückgang der Pleiten im verarbeitenden Gewerbe, das von der guten Exportkonjunktur profitierte. Doch auch am Bau nahm die Zahl der Pleiten um 6,4 Prozent ab. Allerdings ist hier die Insolvenzwahrscheinlichkeit noch immer fast doppelt so hoch wie im Durchschnitt aller Branchen.

Angesichts gesunkener Firmeninsolvenzen gingen auch die finanziellen Schäden durch Zahlungsunfähigkeit im ersten Halbjahr zurück. Sie beliefen sich bundesweit auf 18,8 Milliarden Euro und lagen damit um 17 Prozent niedriger als in den ersten sechs Monaten 2004.

Entgegen dem rückläufigen Trend bei den Firmeninsolvenzen stieg die Zahl der Verbraucherinsolvenzen geradezu explosionsartig um bundesweit 33,5 Prozent auf 29.200 Fälle an. In Ostdeutschland lag das Plus sogar über 50 Prozent. "Typische Auslöser für den Wechsel von der Ver- in die Überschuldung sind Arbeitslosigkeit, Trennung vom Lebenspartner oder Krankheit", sagte Rödl.

"Die finanzielle Allgemeinbildung lässt zu wünschen übrig"

Bei den Verbraucherinsolvenzen sei angesichts von drei Millionen überschuldeten Haushalten erst die "Spitze des Eisbergs" sichtbar. Monatlich kämen etwa 140.000 Eintragungen in die Schuldregister dazu.

"Die finanzielle Allgemeinbildung weiter Teile der Bevölkerung lässt zu wünschen übrig. Viele rutschen hier in die Pleite, ohne es zu begreifen", sagte Rödl. Nach einer von der Commerzbank durchgeführten Studie aus dem Jahr 2003 sei nur jeder fünfte Befragte in der Lage, sich angemessen um seine eigene Finanzplanung zu kümmern.

Die Prognose von Creditreform ist jedoch nicht unumstritten. Der Kreditversicherer Euler Hermes hatte erst in der vergangenen Woche erklärt, er rechne in diesem Jahr mit einem Anstieg der Zahl der Firmeninsolvenzen auf 39.600 Fälle.