Generikabranche Stada vor feindlicher Übernahme?

Der deutsche Markt für Nachahmermedikamente zählt weltweit zu den attraktivsten. Seine führenden Konzerne gelten als Übernahmekandidaten, wie der Fall Hexal gezeigt hat. Jetzt dementiert der Generikahersteller Stada, er wolle sich selbst veräußern. Vielmehr wappnet sich das Unternehmen offenbar gegen eine Übernahme.

Frankfurt/Hamburg - Der Generikahersteller Stada  hat einen Zeitungsbericht dementiert, wonach der Konzern eine Bank mit der Suche nach einem Käufer beauftragt habe. Der Markt zeigte sich von dem Dementi indes kaum beeindruckt, zumal am Nachmittag neue Meldungen auftauchten, das Unternehmen arbeite an einer Abwehrstrategie gegen eine feindliche Übernahme. Die Aktie von Stada gewann am Freitag in der Spitze rund 19 Prozent und führte damit den MDax  an.

"Die Gerüchteküche brodelt. Fakt ist aber, Stada hat kein Mandat zur Suche eines Käufers für das Unternehmen vergeben. Diese Berichte sind falsch und entbehren jeder Grundlage", erklärte ein Sprecher des Unternehmens auf Anfrage von manager-magazin.de. Zu der Vorabmeldung des "Handelsblatt", dass Stada an einer Abwehrstrategie gegen eine mögliche feindliche Übernahme arbeite, wollte sich der Sprecher nicht äußern. Er verwies vielmehr auf jüngste Aussagen von Vorstandschef Hartmut Retzlaff.

Retzlaff hatte auf der Hauptversammlung am 14. Juni vor Aktionären erklärt, "wir haben es wirklich nicht nötig übernommen zu werden". Die strategische Positionierung von Stada werde dem Unternehmen für die nächsten Jahre signifikante Wachstumspotenziale bescheren. Man habe "alle operativen Voraussetzungen, diese Potenziale selbst, aus eigener Kraft zu heben und in ein robustes Wachstum umzusetzen". Gleichwohl werde man sich bei einem möglichen Angebot "professionell und vorurteilsfrei damit auseinander", sagte der Vorstandschef vor dem Hintergrund der zuletzt erfolgten Übernahme des Konkurrenten Hexal.

Im Februar dieses Jahres hatte der Schweizer Pharmakonzern Novartis  quasi in einem Doppelschlag Hexal und die Mehrheit an deren US-Tochter Eon Labs für 5,65 Milliarden Euro übernommen - in bar wohlgemerkt. Damit wurden weltweit nicht nur die Karten in der Generikabranche neu gemischt. Seitdem gilt auch Stada als Übernahmekandidat. Novartis war mit dem Deal zur weltweiten Nummer Eins unter den Nachahmerproduzenten für Medikamente aufgestiegen und hatte dem israelischen Pharmakonzern Teva  die Marktführerschaft abgejagt.

Markt scheint Gerüchten zu glauben

Angeblich liegt bereits ein Angebot vor

"Das Unternehmen hat die Nachricht zwar klar dementiert. Nach dem Hexal-Deal traut der Markt der Nachricht aber offenbar einen gewissen Wahrheitsgehalt zu", erklärte Analystin Silke Stegemann von der Landesbank Rheinland-Pfalz auf Anfrage von manager-magazin.de.

Die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) berichtete am Freitag, Stada-Chef Retzlaff habe die Deutsche Bank  mit der Suche nach einem Käufer beauftragt. Der Kaufpreis solle um die zwei Milliarden Euro betragen. Dies entspreche einem Preis von 35 bis 36 Euro je Aktie. Ein Angebot für Stada liege bereits vor: Teva wolle bis zu 36 Euro für jede Stada-Aktie zahlen.

Laut Stegemann entspreche der mögliche Übernahmepreis knapp dem 2,5-fachen des Jahresumsatzes von Stada und liege damit im branchenüblichen Rahmen, erläuterte die Analystin weiter. Auf Basis des gestrigen Schlusskurses von 26,50 Euro sei dies ein Aufschlag von knapp 40 Prozent.

Stada-Vorstandschef Retzlaff hatte hingegen auf der Hauptversammlung die Übernahme von Hexal als "Benchmark" bezeichnet. Laut Retzlaff war Hexal im Februar mit mehr als dem dreifachen seines Jahresumsatzes bewertet worden. Eine Stellungnahme des Vorstandes werde bei einem möglichen Übernahmeangebot diese Bewertung zu berücksichtigen haben.

Nach Angaben des Stada-Sprechers erwarte das Unternehmen in diesem Jahr einen Umsatz von rund einer Milliarde Euro. "Damit liegt das angebliche Angebot noch weit von dieser Benchmark entfernt", sagte der Sprecher, ohne damit weiteren Spekulationen Vorschub leisten zu wollen.

Hoher Streubesitz macht Stada anfällig

In Branchenkreisen werde Teva bereits seit langem als möglicher Käufer in der deutschen Generikabranche gehandelt, erklärte LRP-Analystin Stegemann. Der israelische Konzern suche nach einer Einstiegsmöglichkeit und müsse jede Chance nutzen, wenn er in der obersten Liga mitspielen wolle. Neben Teva seien dem SZ-Bericht zufolge aber auch der französische Pharmakonzern Sanofi-Aventis  und der US-Konsumgüterkonzern Johnson & Johnson  an Stada interessiert.

Ein mögliches Interesse dieser Unternehmen hält Stegemann durchaus für plausibel. "Diese Namen fallen immer wieder, wenn große Übernahmen in der Pharma- und Generikabranche anstehen oder am Markt diskutiert werden." Zudem gelte Stada wegen seines Streubesitzes von 100 Prozent als besonders anfällig für eine Übernahme, so Stegemann.

Gespräche über Abwehrstrategie?

Stada schweigt zu möglichen Abwehrplänen

Die Gefahr eines hohen Streubesitzes scheint auch dem Management bewusst zu sein, das nach einem Vorabbericht des "Handelsblatt" (Montagausgabe) deshalb bereits intensiv an einer Abwehrstrategie gegen eine feindliche Übernahme arbeite. Stada habe bereits Vertreter von Investmentbanken eingeladen, um über die Vergabe eines möglichen Mandats zu verhandeln, heißt es in dem Bericht, den das Unternehmen am Freitag eben nicht kommentieren wollte.

Der Generikamarkt ist ein Wachstumsmarkt

Der Markt für Nachahmerpräparate ist ein Wachstumsmarkt. Er profitiert von dem verstärkten Sparzwang der Krankenkassen auch hier zu Lande und von den vielen auslaufenden Patenten. Allein in den USA laufen nach jüngsten Presseberichten bis 2006 Patente für Medikamente in einem Volumen von rund 32 Milliarden Dollar aus. Diese Entwicklung trifft insbesondere die großen Pharmakonzerne.

In Deutschland würden nach Angaben von "Pro Generika" bis 2008 Arzneimittel patentfrei, die derzeit einen Umsatz von 1,5 Milliarden Euro erzielen. "An ihre Stelle werden Generika treten, die oft schon wenige Monate nach ihrer Markteinführung weniger als die Hälfte des ursprünglichen Originalpreises kosten", ist der Verband überzeugt. "Pro Generika" wurde im Herbst vergangenen Jahres gegründet. Der Verband zählt 15 Mitglieder, darunter die führenden deutschen Hersteller dieser Branche wie Ratiopharm, Stada und Hexal.

Nach einer von dem Verband Anfang Juni veröffentlichten Studie erwirtschaftete die Branche in 2004 einen Umsatz von 5,2 Milliarden Euro in Deutschland. Darunter versteht "Pro Generika" die Umsätze jener Unternehmen, die explizit als Generikahersteller am Markt auftreten. Zum Vergleich: Die gesetzlichen Krankenkassen gaben im vergangenen Jahr rund 24 Milliarden Euro (Apothekenverkaufspreise) für Arzneimittel aus.

Etwa jede zweite Arzneimittelpackung, die in einer Apotheke über den Ladentisch ging, war demnach ein Generikum. Deutschland stelle damit den zweitgrößten Generikamarkt weltweit dar, so die Studie.

Deutsche unter den Top 10 weltweit

Politik nimmt Einfluss auf die Preise

Gleichwohl hat die Branche insbesondere im eigenen Land zu kämpfen. Die drei großen deutschen Hersteller teilen im Wesentlichen den deutschen Markt unter sich auf und verdrängen zusehends kleinere Mitbewerber. Zugleich nimmt die Politik in hohem Maße Einfluss auf die Preise.

So hatte sich das Umsatzwachstum in 2004 im Zuge der Gesundheitsreform durch die Ausgrenzung nicht verschreibungspflichtiger Arzneimittel, die von den Krankenkassen nicht mehr erstattet werden, auf 3,5 Prozent verlangsamt. Problematisch habe sich auch die in 2004 veränderte Praxis der Zuzahlung ausgewirkt. Wer heute ein preiswertes Arzneimittel erwirbt, zahlt in jedem Fall mindestens fünf Euro dazu.

Bei günstigen Arzneien fördere das nicht gerade den Anreiz der Patienten, von dem behandelnden Arzt ein Medikament mit möglichst geringer Zuzahlung zu verlangen, schreibt der Verband. 90 Prozent der Generika seien laut "Pro Generika" preiswerter als 50 Euro. Das heißt, der Patient zahle nahezu im jeden Fall mehr als 10 Prozent hinzu. Deshalb fordert der Verband pauschal 10 Prozent Zuzahlung statt der Eigenbeteiligung von mindestens fünf Euro.

Gemessen am Umsatz zählten der Studie zufolge gleichwohl fünf deutsche Hersteller zu den Top 10 der globalen Generikaproduzenten. Die besagte israelische Teva erwirtschaftete demnach im vergangenen Jahr weltweit einen konsolidierten Umsatz von 3,9 Milliarden Euro. Ratiopharm und Hexal kamen jeweils auf rund 1,3 Milliarden Euro, Stada auf rund 0,8 Milliarden Euro Umsatz.

Insofern darf nach dem Hexal-Deal das Interesse ausländischer Investoren oder Konkurrenten an Stada nicht verwundern. Die "Pro Generica"-Studie geht davon aus, dass Internationalisierung und Partnerschaften die Nachahmerindustrie in Zukunft nachhaltig verändern werden. Generikahersteller würden sich künftig noch stärker international ausrichten und Originalhersteller verstärkt um strategische Partnerschaften mit den Nachahmerunternehmen eingehen oder den Aufbau eigener Portfolios vorantreiben.

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