Falk-Prozess Kleine Morde unter Ex-Freunden

Dirk W., Mitangeklagter und ehemals rechte Hand von Alexander Falk, sagte heute aus. Auch W. outet sich als Fälscher von Dokumenten und entlastet so seinen Ex-Chef. Eine Schlappe für die Staatsanwälte. Heute würde der Beschuldigte Falk allerdings nicht mehr blind vertrauen.
Von Martin Scheele und Karsten Langer

Hamburg - Um 9.30 Uhr wird die Verhandlung eröffnet. Nach den üblichen Formalien nimmt um 10.00 Uhr der Mitangeklagte Dirk W. vor der Kammer Platz.

Gleich zu Beginn sagt W., dass die Aussage seines Kollegen S., der zusammen ihm selbst Dokumente gefälscht habe, die Falk belasten, richtig sei. Mit dieser Aussage gerät die Anklage der Staatsanwaltschaft weiter ins Wanken. Sollte sich bestätigen, dass die Hauptbeweise gegen Falk tatsächlich gefälscht sind, könnte Falk freigesprochen werden. Dann stünde der Stadt Hamburg eine teure Schadenersatzklage ins Haus.

W. schildert nach dem Geständnis seinen Lebenslauf. Geboren 1967 in Lahnstein, Vater Kaufmann, nach dem Abitur Banklehre und BWL-Studium. Nach einer kurzen Zwischenstation bei dem Wirtschaftsprüfer KPMG, bei dem er, wie er sagt, keine Zukunft sah, bewirbt sich W. Ende 1997 bei der Distefora als Assistent der Geschäftsführung. W. spricht ruhig und setzt seine Worte gewählt. Beim Bewerbungsgespräch lernte er Falk sofort persönlich kennen. "Ich war irritiert, wie jung Falk war. Ich hatte einen Herrn Mitte 50 erwartet", sagt W..

Lagebesprechung: Alexander Falk und sein Verteidiger Thomas Bliwier

Lagebesprechung: Alexander Falk und sein Verteidiger Thomas Bliwier

Foto: action press
Haftverschonung abgelehnt: Alexander Falk bleibt nach dem Willen der Staatsanwaltschaft weiter in U-Haft

Haftverschonung abgelehnt: Alexander Falk bleibt nach dem Willen der Staatsanwaltschaft weiter in U-Haft

Foto: action press
Noch guter Dinge: Alexander Falk und Thomas Bliwier vor der Rede von Staatsanwalt Heyen

Noch guter Dinge: Alexander Falk und Thomas Bliwier vor der Rede von Staatsanwalt Heyen

Foto: action press
Kennt keine Gnade: Staatsanwalt Heyner Heyen (Mitte, links seine Kollegin Nana Frombach) hält nichts von den Anträgen der Verteidigung

Kennt keine Gnade: Staatsanwalt Heyner Heyen (Mitte, links seine Kollegin Nana Frombach) hält nichts von den Anträgen der Verteidigung

Foto: action press
Verteidiger-Riege: Von rechts nach links: Rechtsanwälte Taschke und Rakob von der Sozietät Clifford Chance, die den Käufer Energis vertritt, daneben Rechtsanwältin Schulz und Rechtsanwalt Römmig, ganz außen ein Referendar

Verteidiger-Riege: Von rechts nach links: Rechtsanwälte Taschke und Rakob von der Sozietät Clifford Chance, die den Käufer Energis vertritt, daneben Rechtsanwältin Schulz und Rechtsanwalt Römmig, ganz außen ein Referendar

Foto: action press
Konzentriert: Verteidiger im Sitzungssaal

Konzentriert: Verteidiger im Sitzungssaal

Foto: action press
Im Gespräch vertieft: Rechtsanwältin Schulz und Rechtsanwalt Römmig

Im Gespräch vertieft: Rechtsanwältin Schulz und Rechtsanwalt Römmig

Foto: action press
Abwartend: Ein Referendar vor Prozessbeginn

Abwartend: Ein Referendar vor Prozessbeginn

Foto: action press
Vertreter des Adhäsionsantrags: Rechtsanwälte Taschke und Rakob von der Sozietät Clifford Chance

Vertreter des Adhäsionsantrags: Rechtsanwälte Taschke und Rakob von der Sozietät Clifford Chance

Foto: action press


Alexander Falk vor Gericht
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Falk und W. werden sich einig, im Juni 1998 wird W. bei der Distefora eingestellt. "Ich war ein Mann der ersten Stunde, Falk hat einen mit seiner Begeisterung angesteckt", sagt W.. Er betont gleichzeitig, dass er nie für Ision oder ein Ision-Tochterunternehmen gearbeitet habe. "Ich war Mädchen für alles", sagt W.. Als Protokollführer bei den Verwaltungsratssitzungen sei er ein paar Mal aus dem Raum geschickt worden - warum, sagt W. nicht. Später entwarf W. das Optionsmodell für das Distefora-Management. Der Auftrag kam direkt von Falk. "Es gab viele Diskussionen mit Schweizer Steuerbehörden, bevor wir das Projekt Ende 1998 umsetzen konnten", betont W..

"Alles Kinderkram"

"Alles Kinderkram"

"Zu diesem Zeitpunkt", so W., habe eine regelrechte Aufbruchstimmung geherrscht, Falk wollte einen Technologiekonzern aufbauen. In dieser Zeit entstand auch der Begriff der Musketiere, zu denen W., Falk und die Distefora-Geschäftsführer zählten. "Heute", so W., "kommt mir das alles wie Kinderkram vor." Bei dem Wort "Kinderkram" muss Richter Nikolaus Berger schmunzeln. Staatsanwalt Heyner Heyen schmunzelt nicht. "Kinderkram" ist kein passendes Wort im Sinne der Anklage.

Schnittig: Falk auf der Flicca II

Schnittig: Falk auf der Flicca II

Foto: YACHTBILD - Kai Greiser
Aus dem Ruder gelaufen: Auf seinem Schiff war Falk stets Kapitän

Aus dem Ruder gelaufen: Auf seinem Schiff war Falk stets Kapitän

Foto: YACHTBILD - Kai Greiser
Gruppenbild mit Skipper: Falk im Kreise seiner Crew

Gruppenbild mit Skipper: Falk im Kreise seiner Crew

Foto: YACHTBILD - Kai Greiser
Mondän: Falks Villa in Hamburg

Mondän: Falks Villa in Hamburg

Foto: Clemens von Frentz
Vergangenheit: Ehemalige Distefora-Zentrale in Hamburg

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Foto: Clemens von Frentz
Einst Teil des Falk-Imperiums: Bankhaus Hornblower Fischer

Einst Teil des Falk-Imperiums: Bankhaus Hornblower Fischer

Foto: AP
Falks unfreiwillige zweite Heimat: Untersuchungsgefängnis in Hamburg

Falks unfreiwillige zweite Heimat: Untersuchungsgefängnis in Hamburg

Foto: CLEMENS VON FRENTZ
Nikolaus Berger: Vorsitzender Richter im Strafverfahren gegen Alexander Falk

Nikolaus Berger: Vorsitzender Richter im Strafverfahren gegen Alexander Falk

Foto: DDP
Einer von vielen: Falk-Aktenordner

Einer von vielen: Falk-Aktenordner

Foto: DDP
Verschwunden: Das Börsensegment "Neuer Markt", auf dem auch Falk agierte, gibt es unter diesem Namen nicht mehr

Verschwunden: Das Börsensegment "Neuer Markt", auf dem auch Falk agierte, gibt es unter diesem Namen nicht mehr

Foto: DPA
Grundstein: Der Falk-Verlag, den Alexander verkaufte, brachte das Kapital für seine Börsenaktivitäten

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Käufer des Falk-Verlags: Die Bertelsmann-Gruppe aus Gütersloh

Käufer des Falk-Verlags: Die Bertelsmann-Gruppe aus Gütersloh

Foto: DPA
Aktenberge: Eine Justizbeamtin sortiert Falk-Ordner

Aktenberge: Eine Justizbeamtin sortiert Falk-Ordner

Foto: DDP
Für Falk stehen die Ampeln derzeit auf Rot: Landgerichtsgebäude in Hamburg

Für Falk stehen die Ampeln derzeit auf Rot: Landgerichtsgebäude in Hamburg

Foto: Karsten Langer
In Bronze gegossen: Alexander Falk Holding

In Bronze gegossen: Alexander Falk Holding

Foto: Clemens von Frentz
Noch ein Ordner: Die Aktenlage ist umfangreich

Noch ein Ordner: Die Aktenlage ist umfangreich

Foto: DDP
Angeklagt: Verlagserbe Alexander Falk

Angeklagt: Verlagserbe Alexander Falk

Foto: DPA
Prozessvorbereitung: Ordner in Reih' und Glied

Prozessvorbereitung: Ordner in Reih' und Glied

Foto: DDP


Bilder aus dem Leben eines
Ex-New-Economy-Stars

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"Falk tätigte Finanztransaktionen meist per Telefon, ich kümmerte mich um den Papierkram und ging zum Notar", fährt W. fort. 1999 begannen dann aufgrund des starken Wachstums der Distefora die strukturellen Probleme, es gab einen regelrechten Akquisitionsmarathon. Falk interessierte das nicht besonders. "Er hatte ein mangelhaftes Interesse an den Banalitäten des Tagesgeschäfts", so W.. Das habe sich nie geändert.

"Jeder hat zu dieser Zeit am Computer den virtuellen Wertzuwachs seiner Optionsscheine errechnet", schildert W. die euphorische Stimmung. Im Laufe des Jahres lernte W. die beiden Distefora-Manager Christian von L. und Hubertus W. kennen. Letzterer sei die "graue Eminenz" der Distefora gewesen, so. W., der damit die gleiche Formulierung wie Ralph S. benutzt.

"Falk schmiss uns das Geld nicht hinterher"

Nach einer kurzen Pause fährt W. um 10.45 Uhr mit seinen Ausführungen fort. Im Frühjahr 2000 handelte W. neue Arbeitsverträge mit Falk aus. "Ich wollte mehr verdienen", so der Angeklagte. Seinem Wunsch wurde entsprochen. "Falk war zwar großzügig, schmiss uns das Geld aber nicht hinterher", so W. weiter.

Das Jahr 2000 stand im Zeichen des Projekts TV NRW, berichtet W.. Erst habe Falk das Projekt wegen der Höhe der Investitionen abgelehnt. Außerdem fiel der Distefora-Aktienkurs, die neuen Töchter sollten erst einmal integriert werden. "Noch im Juli 2000 regte sich Falk über den Vertrieb auf und drohte mit dem Verkauf von Ision", so W..

Mit dem Kick-off-Meeting vom 19. September 2000 änderte sich W. zufolge Falks Haltung zum Projekt TV NRW schlagartig. "Ich war vorher im Urlaub, wusste nicht, was Sache war", so W., Falk sei im Meeting unter Zeitdruck gewesen und sprach Defizite an, das Projekt TV NRW sei detailliert behandelt worden. Überraschend für W.: "Die Investitionsbereitschaft von Falk war auf einmal da." W. unterstreicht aber, dass das Meeting keinen konspirativen Charakter hatte. "Es gab keinen Betrugsplan in dem Meeting, es wurde nicht einmal darüber diskutiert. Wäre das passiert, wären die meisten aus Protest aus dem Raum gegangen."

"Sie können ruhig unterzeichnen"

"Sie können ruhig unterzeichnen"

Dann folgte der Verkauf von Ision - schneller, als W. erwartet hatte: "Ich hätte nie gedacht, dass der Verkauf so schnell über die Bühne geht." Bis zuletzt sei er aber über den Verkauf im Unklaren gelassen worden, so W.: "Ich erhielt keine Infos über Verkaufsverhandlungen."

Sichtlich gelöst: Alexander Falk nach seiner Entlassung

Sichtlich gelöst: Alexander Falk nach seiner Entlassung

Foto: DDP
Siegerlächeln: Alexander Falk (m.) mit seinen Verteidigern Gerhard Strate (l.) und Thomas Bliwier

Siegerlächeln: Alexander Falk (m.) mit seinen Verteidigern Gerhard Strate (l.) und Thomas Bliwier

Foto: DPA
Aus der U-Haft entlassen, dann nach Hause: Falk gibt ein Statement ab

Aus der U-Haft entlassen, dann nach Hause: Falk gibt ein Statement ab

Foto: DPA
Auf dem Sprung: Das Gepäck von knapp zwei Jahren U-Haft passt in eine Reisetasche

Auf dem Sprung: Das Gepäck von knapp zwei Jahren U-Haft passt in eine Reisetasche

Foto: DDP


Alexander Falk bei seiner Entlassung
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Mitte Dezember 2000 erreichte W. ein Anruf des Falk-Anwalts Christian von L.. Es könne bald zur Unterzeichnung eines Kaufvertrages kommen, sagte von L.. Trotz Nachfrage habe er keine Informationen über Käufer oder Konditionen erhalten, so W.. Erst am Tage des 18. Dezember 2000 habe ihn von L. in kurzfristig seine Kanzlei zitiert. Das Gebäude sei verschlossen gewesen, "ich musste klingeln und wurde dann hereingebeten", so W..

Falk und von L. hätten ihn aufgefordert, den Kaufvertrag zu unterzeichnen. "Ich musste den Vertrag unterschreiben, obwohl ich ihn nicht lesen durfte", so W.. Von L. habe versucht, seine Zweifel zu zerstreuen: "Sie können ruhig unterzeichenen." Falk habe betont, dass jede Seite des über 100 Seiten starken Vertrags einzeln zu unterzeichnen sei. Eine Kopie des Vertrages sei ihm verweigert worden, sagt W.. Darüber habe er sich gewundert. Dann fragt W. rhetorisch in Richtung Staatsanwalt Heyen: "Was hätte ich machen sollen? Den Vertrag erst aus dem Englischen übersetzen lassen? Dann hätte ich eine fristlose Kündigung erhalten."

"Missbraucht und betrogen"

"Missbraucht und betrogen"

Um 11.50 Uhr wird deutlich, warum W., sich von Falk in finanzieller Hinsicht hintergangen fühlt: "Im Januar 2001 kam Falk mit der Aufforderung auf mich zu, meine Ision-Aktien, die ich mit einem persönlichen Darlehen bezahlt hatte, auf die Distefora zu übertragen. Ich fragte 'Zu welchem Preis?' Falk sagte: 'Sie erhalten im Gegenzug Energis-Aktien. Das ist ein erfolgreiches Unternehmen.' Ich reagierte zögerlich." Nur am Rande, so W., habe Falk erwähnt, dass für die Aktien eine Sperrfrist von sechs Monaten gelte. Trotzdem sei er auf Falks Vorschlag eingegangen.

Rechtsanwältin Annette Voges vertritt den Angeklagten Dirk W.

Rechtsanwältin Annette Voges vertritt den Angeklagten Dirk W.

Foto: mm.de
Letzte Vorbereitungen: Rechtsanwältin Voges (r.) mit einer Kollegin

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Foto: mm.de
Koffer auspacken: Rechtsanwalt Gerhard Strate (l.) und Kollege Thomas Bliwier

Koffer auspacken: Rechtsanwalt Gerhard Strate (l.) und Kollege Thomas Bliwier

Foto: mm.de
Falk-Anwalt: Wirtschaftsrechtler Sven Thomas

Falk-Anwalt: Wirtschaftsrechtler Sven Thomas

Foto: mm.de
Beweisantrag gestellt: Sven Thomas

Beweisantrag gestellt: Sven Thomas

Foto: mm.de
Kurz vor Beginn des Verhandlungstages: Anwaltsriege

Kurz vor Beginn des Verhandlungstages: Anwaltsriege

Foto: mm.de


Prozessbeteiligte
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Ein folgenschwerer Fehler, wie sich nur wenige Monate später herausstellen sollte. "Nach Ablauf der Sperrfrist war der Wert meines Depots von 600.000 auf 30.000 Mark zusammengeschmolzen", so W.. Warum Falk ihn zu der Transaktion überredete, erläutert W. nicht.

Dafür schildert er minuziös den Niedergang der Distefora. "Mit der Ernennung des neuen Chefs der Distefora im Frühjahr 2001 gingen die Schreckensnachrichten los", sagt W.. "Er wurde von Falk geschützt", so W. weiter.

Der neue CEO gerierte sich danach wie ein Sonnenkönig. Er habe alle Verträge persönlich geprüft, auch wenn sie bedeutungslos waren. W. fühlte sich degradiert. Er sei es auch gewesen, der in letzter Sekunde das Projekt TV NRW stoppte. "30 Personen haben 16 Monate daran gearbeitet dass der erste digitale TV-Sender Europas auf Sendung geht - und dann ist alles aus, von einer Minute auf die andere", erzählt W.. Im Sommer 2001 habe bei der Distefora der Rotstift regiert. "W.'s und der neue Chef verlangten von mir Kostensenkungspläne und eine Gehaltsliste aller Mitarbeiter. Über 100 Mitarbeiter sollten plötzlich gehen. Und zwar nach dem Motto: Wer am meisten verdient, fliegt als Erstes."

Gegen 12.45 Uhr schildert W., wie sein neuer Chef Wiens am 10. Oktober 2001 einen minuziösen Zeitablauf zum Projekt TV NRW verlangte. Er habe die Geduld verloren und geschrieen: "Was für ein Theater spielen sie uns hier vor?" Wiens habe nur seelenruhig erwidert: "Es gibt Gedankenspiele im Verwaltungsrat über eventuelle Pflichtverletzungen ihrerseits und vom Kollegen S." Die Summe von 30 Millionen Euro Schadensersatz sei genannt worden, sagt W. und schließt an: "Wir fühlten uns missbraucht und betrogen."

"Ich stellte Falk zur Rede"

Gleichzeitig habe sich die Stimmung bei der Distefora dramatisch verschlechtert. "Gehälter wurden nicht gezahlt, Topanwälte sorgten dafür, dass missliebige Mitarbeiter gingen, Detektive bespitzelten uns", schildert W. die Situation. Also habe er gemeinsam mit seinem Kollegen, dem Bluetrix-Geschäftsführer Ralph S. beschlossen, das Projekt Ision 2000 zu erfinden, dass beider Existenz sichern sollte.

Kurz darauf schloss sich für W. das Kapitel Distefora: "Im April 2002 unterzeichnete ich meinen Aufhebungsvertrag. Nach meiner Meinung hätte mir die Distefora noch 800.000 Mark geschuldet, tatsächlich habe ich aber nur 280.000 bekommen."

Anfang 2003 kamen W. die ersten Zweifel, ob bei dem Ision-Deal alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Immer häufiger hätten Journalisten nach Details zum Ision-Verkauf gefragt. Also habe er Christian von L. angerufen. Von L. sagte: "Wir haben doch alle gut verdient beim Ision-Verkauf." W. war verwirrt. Auf ihn traf von L.'s Aussage nicht zu. Im Nachhinein habe er dann erfahren, dass er neben wenigen anderen der Einzige gewesen sei, der die Sperrfrist für die Energis-Aktien eingehalten hatte - mit den entsprechenden Verlusten.

"Am 25. April 2003 stellte ich Falk zu Rede", schildert W. seine letzte Begegnung mit dem Ision-Gründer. Falk habe nur gesagt: "Ich bin sicher, dass Ihnen ein solcher Fehler nicht mehr passiert." Das waren die letzten Worte, die Falk ihm gegenüber persönlich geäußert habe. Dann hätten sich die Ereignisse überschlagen. Am 3. Juni 2003 sei er ins Hamburger Landeskriminalamt gebeten und von Staatsanwälten befragt worden, so W.. Die beiden Staatsanwälte Uwe Hitziger und Heyner Heyen hätten ihm ihre Version vom betrügerischen Ision-Verkauf geschildert und gesagt, dass der entstandene Schaden größer sei als bei Flowtex.

Dann hätten sie ihm ein Straffreiheits-Rabattsystem erklärt. Es habe drei Stufen, so Heyen und Hitzinger gegenüber W.: Auf der Stufe eins stünde das Geständnis. Die zweite Stufe sei die Zeugenaussage, mit der andere Angeklagte überführt werden können. Ab der dritten Stufe würde man davon absehen, ihn ins Gefängnis zu schicken. Dafür müsste er maßgeblich an der Überführung des Hauptangeklagten Falk mitarbeiten. "Darauf ließ ich mich nicht ein. Mir ging es um die Wahrheit", schließt W.. seine Ausführungen. Nach W.s Aussage endet der Verhandlungstag. Nächster Termin im Falk-Prozess ist - anders als geplant - Donnerstag, der 30. Juni um 9.30 Uhr.

Hintergrund zum Verfahren

Hintergrund zum Verfahren

Die Strafsache Falk ist das größte Wirtschaftsverfahren, das der Stadtstaat Hamburg je erlebt hat. Die Akten umfassen 700 Ordner und füllen einen Extraraum im Gericht. Die 283-seitige Anklageschrift nennt 76 Zeugen, 369 Urkunden und 6 Gutachten. Aufgrund der Komplexität des Verfahrens kann das Landgericht gegenwärtig keine Angaben zur Prozessdauer machen. Beim Betrugsvorwurf könnte sich der Mindestschaden laut Landgericht auf 46,7 Millionen Euro belaufen.

Falk soll im Jahr 2000 bei seiner Internetfirma Ision den Umsatz manipuliert haben. Ision und die Firma Bluetrix, beides Töchter der Distefora-Holding, sollen durch Scheingeschäfte untereinander sowie durch Scheingeschäfte mit "befreundeten Unternehmen" wie KM1, Medienkontor und Studio Kiel laut Anklage Umsatz vorgetäuscht haben. Bei einem Kick-off-Meeting im Herbst 2000 soll Falk vorgefühlt haben, wie sich die Umsätze von Ision in die Höhe treiben lassen.

Das Gericht hatte die gegen Falk gerichtete Anklage der Staatsanwaltschaft Hamburg mit Modifizierungen zugelassen und das Hauptverfahren gegen ihn eröffnet. Dem 35-Jährigen wird verbotene Kursmanipulation in zwei Fällen, Betrug in einem besonders schweren Fall in Tateinheit mit Beihilfe zur unrichtigen Darstellung der Verhältnisse einer Kapitalgesellschaft und Steuerhinterziehung vorgeworfen.

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