Übernahme Merckle bietet für HeidelbergCement

Kommt der nächste Coup eines schillernden Unternehmers? Adolf Merckle, unter anderem bereits Eigentümer der Pharmakette Ratiopharm, will plötzlich Deutschlands größte Zementfirma kaufen, das Unternehmen HeidelbergCement. Deren Sprechern hat es erst einmal die Sprache verschlagen.

Hamburg - Der Unternehmer Adolf Merckle will für rund 6,5 Milliarden Euro Deutschlands größten Zementhersteller HeidelbergCement  übernehmen. Er bietet den HeidelbergCement-Aktionären deshalb die Übernahme aller Aktien zu je 60 Euro an, sofern der angestrebte Zusammenschluss durch die Kartellbehörden freigegeben werde.

Damit erhielten die Aktionäre für ihre Aktien rund 20 Prozent mehr, als die Anteilsscheine am Freitag an der Börse wert waren; zum Handelsschluss kosteten HeidelbergCement-Aktien 50,25 Euro. Die Titel sind im Nebenwerteindex MDax  gelistet.

Bieter für das größte deutsche Zementunternehmen ist formal die weitgehend unbekannte Spohn Cement GmbH mit Sitz im schleswig-holsteinischen Norderfriedrichskoog. Werner Harder, alleiniger Geschäftsführer der Spohn Cement GmbH und Vorstand der Kötitzer Ledertuch- und Wachstuchwerke AG sagte, sein Unternehmen habe bereits die Finanzierungszusage einer Großbank.

Spohn Cement gehört zur Firmengruppe Merckles, der mit seinem direkt gehaltenen Aktienbesitz von zuletzt knapp 13 Prozent als einflussreichster Aktionär bei HeidelbergCement gilt. Analysten gehen jedoch davon aus, dass der wenig bekannte 70 Jährige über Beteiligungsfirmen und Familienmitglieder deutlich höhere Kapitalanteile am drittgößten Zementhersteller Europas hinter Lafarge  und Holcim  kontrolliert. Zudem steht Merckle auch in enger Verbindung zum größten HeidelbergCement-Aktionär (22,44 Prozent), dem Ulmer Zementhersteller Schwenk: Die Frau von Adolf Merckle ist eine geborene Schwenk.

Autoritärer Firmenlenker

Merckle besitzt bereits die Pharmahandelsgesellschaft Phoenix und den Generika-Hersteller Ratiopharm, bedeutende Anteile hält der Investor auch an dem Pistenbully-Hersteller Kässbohrer. So unorthodox der Produktmix, so ungewöhnlich auch die Managementmethoden des Merckle-Clans. Familienoberhaupt Adolf führt seinen Konzern nach Meinung ehemaliger Mitarbeiter wie ein Industrieller seine Fabriken im vorigen Jahrhundert beherrschte.

Merckle besetzt wichtige Leitungspositionen oftmals aus einem engen Kreis persönlicher Vertrauter. Wer für ihn arbeiten will, müsse ihm treu ergeben sein, sagen seine ehemaligen Angestellten. Tatsächlich liegt der Rechtsanwalt mit mehr Menschen im Klinsch, als andere Unternehmener Golfpartner haben - und Merckle scheintkeinem Prozess aus dem Weg gehen zu wollen. Der Umsatz seines Firmenkonglomerats wird auf mehr als 18 Milliarden Euro geschätzt, er zählt zu den reichsten Bundesbürgern.

HeidelbergCement schweigt

Die HeidelbergCement AG will zu dem Übernahme-Angebot durch die Vermögenverwaltungs-Gesellschaft Spohn Cement GmbH für ihre Gesellschaft nichts sagen. "Wir können das Übernahmeangebot erst einmal nicht kommentieren", sagte eine Sprecherin am Samstag auf Anfrage. Zunächst einmal müsste das Unternehmen auf Details warten.

Merckle hat seinen Einfluss beim weltweit viertgrößten Zementhersteller mit Sitz in Heidelberg seit dem vergangenen Jahr deutlich verstärkt, nachdem mehrere Banken ihre Engagements beendeten oder reduzierten. Mit dem seit Ende Januar amtierenden Vorstandschef Bernd Scheifele und dem seit Herbst 2004 bei HeidelbergCement tätigen Finanzchef Lorenz Näger hat der im Aufsichtsrat vertretene Investor Merckle bereits zwei Vertraute an der Führungsspitze des Zementherstellers eingesetzt. Beide Manager waren zuvor bei Phoenix Pharmahandel tätig - bei Firmenbeobachtern gilt das als typischer Managementschachzug des Investors aus dem kleinen Ort Blaubeuren.

Einfluss Schritt für Schritt ausgebaut

Durch die Einbringung von Anteilen an dem indonesischen Zementhersteller Indocement in HeidelbergCement Ende Mai und die Teilnahme an der Barkapitalerhöhung im Frühjahr baute die Merckle-Familie ihre Stellung danach weiter aus. Derzeit hält der Versicherungsriese Allianz  hält noch knapp fünf Prozent des Kapitals von HeidelbergCement, Fonds des französischen Versicherers Axa  gut zehn Prozent der insgesamt rund 109 Millionen ausgegeben Aktien.

Auch die Bietergesellschaft Spohn Cement ist bereits eng mit dem Namen Merckle verknüpft. Seit Juni 2002 hält der Investor mehr als 75 Prozent der Stimmrechte an der Beteiligungsgesellschaft Kötitzer Ledertuch- und Wachstuch-Werke AG, die die Spohn Cement konsolidiert. In der Bilanz ist Spohn Cement mit einem Buchwert von 280 Millionen Euro berücksichtigt. Stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende bei Kötitzer Ledertuch mit zuletzt zwei Mitarbeitern ist mit Jutta Merckle ein Mitglied der Merckle-Familie.

Die Gesellschaft erwirtschaftete im Jahr 2004 bei einem marginalen Umsatz von 32.000 Euro aus Mieterträgen einen Überschuss von 158,4 Millionen Euro. Auch die ebenfalls zur Merckle-Gruppe gehörende VEM Vermögensverwaltung GmbH mit Sitz in Dresden hält Anteile an der Kötitzer Leder. Allen drei Gesellschaften sind bedeutende Stimmrechtsanteile an HeidelbergCement zuzurechnen.

Die vor 132 Jahren gegründete HeidelbergCement AG war im vergangenen Jahr erstmals in der Nachkriegsgeschichte mit 333 Millionen Euro tief in die roten Zahlen gerutscht, da vor allem auf die ausländischen Tochtergesellschaften Wertberichtigungen von rund 700 Millionen Euro anfielen. Im Frühjahr erhöhte das Traditionsunternehmen sein Kapital um 270 Millionen Euro und tilgte damit teilweise eine Hochzinsanleihe.

HeidelbergCement hat in den vergangenen Jahren seine internationale Präsenz durch die Übernahme von Indocement gestärkt, in Deutschland kaufte HeidelbergCement Marktanteile durch die Übernahme kleinerer Konkurrenten wie Teutonia Zementwerke und Anneliese Zement in Nord- und Westdeutschland zu.

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