Nummer eins Hoch auf dem Baumkuchen

Die Garage von ARD-Komödiant Harald Schmidt ist zugestopft mit Baumkuchen. Zum Auftakt seiner "Good News From Germany"-Reihe hatte der Entertainer den Weltmarktführer für Backspezialitäten vorgestellt. Das Unternehmen Kuchenmeister taugt aber nicht nur für eine Scherz-, sondern auch für eine Mutmach-Story.
Von Christian Buchholz

mm.de:

Welche Stationen gab es auf dem Weg zur Marktführerschaft?

Trockels: An Zeitmarken würde ich das nicht festmachen wollen. Letztlich fußt unser Erfolg auf einem hohen Qualitätsanspruch und darauf, dass wir in der Produktentwicklung flexibler und schneller sind als andere.

mm.de: Wenn das Dr. Oetker hört ...

Trockels: Wir beschäftigen in unserer Produktentwicklung und Technik 24 Mitarbeiter, die an den Fertigungsanlagen kontinuierlich Verbesserungen vornehmen. Wir verändern die Maschinen selbst und entwickeln auch - beispielsweise haben wir die einzige vollautomatische Baumkuchenbackanlage der Welt in Betrieb. Daran haben wir fünf Jahre getüftelt.

mm.de: Und nun das Patent darauf?

Trockels: Ja - und es ist nicht das einzige. Wir schneiden mit einem hauchfeinen Wasserstrahl für Produkte, bei denen es früher oft Probleme mit verklebten Klingen gab. Das ist eine eigene Erfindung - aber doch auch abgeschaut: Ich besichtige häufig Produktionsstraßen in artfremden Branchen, zum Beispiel in der Automobilindustrie. Da finden sich häufig Entwicklungen, an die in der Lebensmittelbranche noch keiner gedacht hat - von denen man aber profitieren kann. So haben wir vor fünf Jahren die Robotik eingeführt.

mm.de: Dann werden die neuen Maschinen aufgestellt und ein paar Mitarbeiter eingespart?

Trockels: Nein. Selbstverständlich müssen sich die Maschinen lohnen, schließlich steht man im Wettbewerb. Neue Technik muss aber nicht zwingend zum Sparen führen - Produktinnovationen sind das andere wichtige Ziel. So bieten wir jetzt Lebensmittel an, bei deren Herstellung wir durch Reinraumtechnik, wie sie in Operationssälen oder bei der Produktion von PC-Chips genutzt wird, auf Konservierungsstoffe verzichten können. Das schmeckt man, eine säuerliche Note ist damit abgeschafft.

Umsatz wie ein Hefeteig

Aber zurück zu unserer Personalentwicklung am Standort D. Die kann sich sehen lassen, eben weil wir geschäftlich Erfolg haben. Seit Jahresbeginn gibt es 130 neue Mitarbeiter bei Kuchenmeister in Deutschland.
mm.de: Warum verlagern Sie Produktionen nicht ins Ausland, wie es derzeit in vielen Branchen Trend ist in Deutschland?

Trockels: Unter anderem, weil höhere Frachtkosten schnell das Einsparpotenzial bei den Personalkosten auffressen würden. Umgekehrt könnte es sich allerdings anbieten, irgendwann einmal in Portugal oder Spanien zu produzieren, weil die Lieferwege dorthin für uns sehr teuer sind.

mm.de: Gibt es konkrete Pläne?

Trockels Nein, derzeit nicht. Das liegt zum Teil auch daran, dass wir unsere 20 Lkw-Züge als Spedition betreiben, also auch Fremdaufträge annehmen und dadurch recht effizient arbeiten. Das wird anderswo kaum gemacht, beschert uns aber eine Rückfrachtquote von mehr als 90 Prozent.

mm.de: Der Kuchenmeister-Umsatz ist in den vergangenen Jahren aufgegangen wie ein Hefeteig - profitieren davon auch die Mitarbeiter?

Trockels: Ja. Aber mit einem wichtigen Unterschied zu vielen Boni-Modellen anderer Unternehmen. Die Dauer der Betriebszugehörigkeit spielt bei der Zuteilung von Leistungsprämien keine Rolle. Wie hoch sie ausfällt, entscheidet der jeweilige Vorgesetzte. Die Führungsriege ist direkt am Unternehmenserfolg beteiligt.

mm.de: Warum vermeiden Sie eine Treuekomponente bei den Prämien?

Ready to bake - 470 Prozent Absatzplus

Trockels: Als Konzern müssen wir uns täglich neu dem Wettbewerb stellen. Dass wir länger als hundert Jahre am Markt sind, zieht als Argument herzlich wenig. Ähnlich gilt das auch fürs Personal. Wenn jemand gute Leistungen bringt, muss das honoriert werden - egal, ob er nun erst ein Vierteljahr oder ein Vierteljahrhundert bei uns beschäftigt ist.
mm.de: Im vergangenen Jahr hat Kuchenmeister die Fertigkuchensparte von Kamps übernommen, 1999 kauften Sie den Bereich bei Südzucker heraus. Beide Betriebe arbeiteten verlustreich. Wie viele Mitarbeiter wurden nach der Übernahme entlassen?

Trockels: Wir haben deutlich mehr als 95 Prozent des Personals übernommmen, bis heute wurde die Zahl der Mitarbeiter in den Betrieben gesteigert. Die Übernahmen geschahen auch aus Wettbewerbsgründen; aber gelohnt haben sie sich, weil wir die Qualität nach oben schoben. Im Fall von Kamps, deren Produkte nach Veränderungen unter unserer Marke angeboten werden, liegt das Umsatzplus bei rund 50 Prozent.

mm.de: Ohne Werbekampagne?

Trockels: Ja, in unserem Bereich müsste man große Beträge einsetzen, um messbare Effekte zu erzielen. Zudem gibt es keine Supermarktkette in Deutschland, die wir nicht beliefern. Und es hat sich gezeigt, dass die Konsumenten bei Backwaren Qualität stark honorieren.

mm.de: Wer einmal Heinos Haselnusstorte von Kuchenmeister kostet, der bleibt auch dabei?

Trockels: Ganz so ist es auch wieder nicht. Es wird zwar immer Dauerbrenner wie Marmorkuchen geben, daneben wird der Markt aber auch von Trends bestimmt, wie beispielsweise bei der Kiwi-Welle vor zehn Jahren, oder dem heute noch intakten Trend zu kalorienarmen Produkten. Im Moment sind es 'Ready-To-Bake'-Kuchen, da gab es im vergangenen Jahr ein Absatzplus von 470 Prozent.

Zum Thema Verwaltungsbeamte

Da muss man natürlich dabei sein. Also schauen wir uns beispielsweise an, was im Ausland gut läuft und achten auch auf das Feedback unserer Kunden. Wenn dann die Entscheidung für einen Produktstart fällt, können wir schnell reagieren: Unsere Maschinen sind extra so eingerichtet, dass sie flexibel und zügig auf verschiedene Rezepte und Verpackungen umgerüstet werden können.
mm.de: Reicht denn Flexibilität als Schutzpanzer gegen die Konsumflaute in Deutschland aus?

Trockels: Ein Drittel unseres Umsatzes machen wir zwar im Ausland. Aber einen wirksamen Schutz gegen Konsumunlust in Deutschland kann wohl kein Unternehmen aus eigener Kraft aufbauen. Da braucht es schon beherzte Schritte der Regierung. Ich habe gerade heute an einem Roundtable mit Unternehmern und Behördenvertretern teilgenommen und kann nur sagen, der Zwang für Veränderungen wird stark empfunden.

mm.de: Was sollte verändert werden?

Trockels: Wir müssen viel innovativer werden. Stattdessen zeigt sich, dass neue EU-Verordnungen in Deutschland rigide umgesetzt werden - Sinnhaftigkeit hin oder her. In anderen europäischen Ländern schaut man sich die Bestimmungen zwar an, wie dann in der Praxis damit verfahren wird, steht auf einem anderen Blatt. Dadurch wird Deutschland natürlich nicht Gewinner im EU-Wettbewerb.

mm.de: Klingt ja fast wie ein Boykott-Aufruf.

Trockels: Ist es aber nicht. Deutschland braucht eine umfassende Entbürokratisierung. Das wird ja auch von den Politikern erkannt. Nach der NRW-Wahl ist zu hören, dass die Union die Zahl der Mitarbeiter bei der Landesverwaltung reduzieren will.

Chronik - 120 Jahre gebacken

Aber nur um 1,6 Prozent pro Jahr! Das ist viel zu wenig. Spürbar besser ginge es Deutschland, wenn bundesweit mindestens 50 Prozent aller Beamtenstellen in der Verwaltung gestrichen werden. Denn was dort verwaltet wird, ist teilweise schlichter Unsinn. Wir haben es hier mit einem stark sanierungsbedürftigen, kranken Unternehmen zu tun.
Kuchenmeister-Chronik - 120 Jahre gebacken

1884 gründete Julius Trockels in der Osthofenstrasse in Soest eine Bäckerei, 60 Jahre später wird das Gebäude, das mittlerweile dem Sohn gehört, im Zweiten Weltkrieg zerbombt. Günter Trockels, Vater des heutigen Firmenchefs Hans-Günter Trockels, baut die Bäckerei wieder auf und installiert 1961 eine automatische Waffelröllchenanlage. Ein putziges Wort, aber wirtschaftlich eine lohnende Investition und der Beginn einer rasanten Expansion, die sich bis heute fortsetzt.

1982 überschreitet die Kuchenmeister GmbH die Marke von 20 Millionen Mark Umsatz. Nach Zukäufen, unter anderem bei Kamps und Südzucker, hat sich die Summe bis heute auf mehr als 170 Millionen Euro hochgeschraubt, wobei die Umsätze einiger Töchter darin noch gar nicht enthalten sind. 30 Prozent des Umsatzes wird derzeit mit Auftragsfertigung für Hausmarken, meist von Supermarktketten, eingefahren.

Produziert wird im Stammhaus in Soest (NRW) sowie in Duingen bei Hannover und in Mettingen bei Osnabrück. In Deutschland beschäftigt der Konzern rund 900, in ganz Europa 1400 Mitarbeiter. 1996, ein Jahr nach Hans-Günter Trockels Übernahme des Chefpostens, wurde ein Arbeitszeitmodell eingeführt, das eine lange Spanne in der Regelarbeitszeit für die Beschäftigten vorgibt: Sie arbeiten seitdem zwischen 25 und 48 Stunden pro Woche, je nach Auftragslage.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.