Deutsche-Bank-HV Ackermann und der "Raubtier-Kapitalismus"

Verdi-Proteste vor dem Versammlungsort, deutliche Kritik an der Personalpolitik von Aufsichtsratsmitglied Margret Mönig-Raane - doch das Management der Deutschen Bank will nicht vom geplanten Stellenabbau abrücken. Vorstandschef Josef Ackermann formuliert stattdessen einen Aufschwung-Appell.
Von Arne Stuhr

Frankfurt am Main - Im strahlenden Sonnenschein wehen die Flaggen der Deutschen Bank  bei leichter Brise vor den Frankfurter Messehallen. Eine Etage unter den großen, dunkelblau-weißen Tüchern flattern knallrote Verdi-Wimpel und etwa 150 Gewerkschaftsprotestler machen mit gellenden Pfeif- und Rasselkonzerten ihrer Entrüstung Luft.

Zur Hauptversammlung von Deutschlands größter Bank war mit Protesten zu rechnen: "Personalbbau trotz Rekordgewinn" - diese Schlagzeile der Deutschen Bank wurde schnell zur Steilvorlage für Kritiker eines kalten Kapitalismus.

Zu den prominentesten Politikern, die Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann für den rigiden Personalsparkurs scholten, zählt SPD-Chef Franz Müntefering. Er rügte Ackermann schon vor seiner viel zitierten Heuschrecken-Rede und zählte ihn zu den "Unternehmern, bei denen die Ethik nicht stimmt."

Auf den Transparenten der Demonstranten liest sich das so: "Eigentum ist Raub, Besitz für alle!", "Ich fühle mich als Deutsche-Bank-Immobilienopfer, peanuts-opfer.de", auf einem anderen Plakat wird Ackermann (im Schiller-Jahr) als Hauptdarsteller im Drama "Die Räuber" bezeichnet.

"Wir sind nicht einverstanden, dass Gewinne und Renditen zu Lasten der Beschäftigten gesteigert werden", sagt Margret Mönig-Raane, die die Gewerkschaft Verdi im Aufsichtsrat der Bank vertritt. Der Konzern will trotz Milliardengewinnen weltweit 6400 Stellen streichen. In Deutschland sollen netto 1920 Jobs wegfallen.

Mit moderner Interpretation eines Klassikers: Protest gegen Stellenabbau bei der Deutschen Bank

Mit moderner Interpretation eines Klassikers: Protest gegen Stellenabbau bei der Deutschen Bank

Foto: DPA
Einer von beiden hat gerade ganz andere Sorgen: Deutsche-Bank- und Deutsche-Börse-Aufsichtsratschef Breuer, Deutsche-Bank-Chef Ackermann

Einer von beiden hat gerade ganz andere Sorgen: Deutsche-Bank- und Deutsche-Börse-Aufsichtsratschef Breuer, Deutsche-Bank-Chef Ackermann

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Wo ich stehe ist oben: Deutsche-Bank-Chef Ackermann bei seiner Rede

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Ob er eine Politik der ruhigen Hand empfiehlt? Aufsichtsratschef Breuer, Vorstandschef Ackermann

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Betretene Miene trotz guter Nachrichten: Deutsche-Bank-Chef Ackermann während seiner Rede

Betretene Miene trotz guter Nachrichten: Deutsche-Bank-Chef Ackermann während seiner Rede

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Jetzt heißt es zuhören: Aufsichtsratschef Breuer, Vorstandschef Ackermann auf dem Podium

Jetzt heißt es zuhören: Aufsichtsratschef Breuer, Vorstandschef Ackermann auf dem Podium

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Hab ich Sie richtig verstanden? Breuer blickt kritisch vom Podium

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Volles Haus: Deutsche-Bank-Hauptversammlung in den Frankfurter Messehallen

Volles Haus: Deutsche-Bank-Hauptversammlung in den Frankfurter Messehallen

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150 Protestler und eine Menge Transparente: Demonstration vor der Hauptversammlung

150 Protestler und eine Menge Transparente: Demonstration vor der Hauptversammlung

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Wütender Protest und gespannte Gelassenheit
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"Schmerzhafte Maßnahmen - aber ohne Alternative"

Später im Versammlungssaal, unterhält sich Möning-Raane mehrere Minuten lang kurz vor Eröffnung der Versammlung angeregt mit Ackermann.

Über dem Haupteingang der Messehallen prangt der aktuelle Slogan der Bank, "Leistung aus Leidenschaft", etwas hölzern ist auf eine Verdi-Fahne angehängt: "... - ohne qualifizierte Mitarbeiter geht's nicht". Eines ist sicher: Alles, was Deutsche-Bank-Chef Ackermann heute zum Thema Beschäftigung und Personalentwicklung sagen wird, trifft auf empfindsame Ohren.

Angesichts anhaltender Kritik von Politik und Gewerkschaften hatte Ackermann den Schritt bei der Vorlage der Bilanz für das erste Quartal 2005 verteidigt: "Die Maßnahmen sind schmerzhaft, aber wir haben keine Alternative." Ackermann will den Branchenprimus profitabler machen und sein Ziel einer Eigenkapitalrendite von 25 Prozent in diesem Jahr auch durch den Stellenabbau erreichen.

Breuer-Kirch-Zwist tobt weiter

Der Breuer-Kirch-Zwist tobt weiter

Außer Ackermann steht bei der Hauptversammlung erneut der Aufsichtsratsvorsitzende Rolf-E. Breuer im Fokus der Aktionärskritik. Im schwelenden Streit zwischen der Deutschen Bank und dem Ex-Medienunternehmer Leo Kirch wollen Kirchs Anwälte den früheren Vorstandssprecher in die Mangel nehmen.

Breuer hatte sich als Deutsche-Bank-Chef öffentlich über die Kreditwürdigkeit der Kirch-Gruppe geäußert und damit aus Sicht Kirchs den Zusammenbruch des Unternehmens ausgelöst. Kirch trat daraufhin eine Prozesslawine gegen die Deutsche Bank los. In einem kurz vor der Hauptversammlung veröffentlichten SPIEGEL-Interview wiederholte Kirch seine Vorwürfe gegen Breuer.

Auch bei einem weiteren Thema werden klärende Worte erwartet. Die Bank hat einen Bericht über einen möglichen Rücktritt ihres Vorstandschefs bei einer Wiederaufnahme des Mannesmann-Verfahrens nicht kommentiert. Das Magazin "Stern" hatte unter Berufung auf Kreise der Bank berichtet, es schwebe ein "Damoklesschwert" über Ackermann.

Wenn der wegen seines öffentlichen Auftretens und des angekündigten Stellenabbaus umstrittene Bankchef erneut vor Gericht müsse, sei die Frage eines Rücktritts "eine Entscheidung, die zunächst auch Ackermann selbst zu treffen hätte". Er hatte als Mitglied des Aufsichtsratspräsidiums von Mannesmann den umstrittenen Abfindungen für den ehemaligen Firmenchef Klaus Esser und andere Manager zugestimmt.

Breuer: Zwang zum Personalabbau

Aufsichtsratschef Breuer geht gleich zu Beginn seiner Rede auf den angekündigten Stellenabbau ein. "Es fällt uns nicht leicht, uns von Mitarbeitern trennen zu müssen", sagt Breuer. Um die "Stellung als globaler Anbieter zu festigen" sei die Bank im "internationalen Wettbewerb" aber zu diesen Maßnahmen "gezwungen". Es sei wichtig, "nicht erst zu reagieren, wenn ein Geschäftsjahr mit Verlust beendet wurde".

Zum Thema Corporate Governance hebt Breuer hervor, dass die Deutsche Bank auch in Zukunft in einem Punkt vom Deutschen Corporate Governance Kodex abweichen werde. Der Selbstbehalt bei den so genannten Directors & Officers Versicherungen entspreche nicht der internationalen Praxis.

Die durchschnittliche Vergütung der Aufsichtsräte des deutschen Branchenprimus beziffert Breuer mit 90.000 Euro. Damit liege sein Haus im Mittelfeld, sagt Breuer. Die Spitze markiere Schering  mit 174.000 Euro, am unteren Ende rangierten Infineon  und Lufthansa  mit circa 31.000 Euro.

Kurzer Dank an Ulrich Cartellieri

Das Ausscheiden der Aufsichtsräte Ulrich Cartellieri, Michael Otto und Karl-Hermann Baumann handelt Breuer kurz und knapp ab. Er dankt den drei Herren für die "konstruktive und vertrauensvolle Zusammenarbeit". Besonders die nicht gesonderte Erwähnung der Leistungen Cartellieris, der nach wie vor ein hohes Ansehen bei vielen Deutschbankern genießt, zeigt deutlich, dass die Gräben in der Deutschen Bank tiefer denn je sind.

Bevor Ackermann seine Rede beginnt, kommt es zu einer unterwarteten Verzögerung. Ein Kirch-Anwalt stellt den Antrag, dass Breuer als Leiter der Versammlung abgewählt wird. Die Live-Übertragung der HV auf der Internetseite der Bank wird unterbrochen. Um kurz vor elf Uhr haben die Aktionäre über die Abwahl Breuers abgestimmt - er bleibt Sitzungsleiter.

Ackermann will Dividende anheben

Ackermann will Dividende anheben

Ackermmann beginnt seine Ausführung mit einem Zahlenreigen: Gewinn 2004 vor Steuern plus 46 Prozent, nach Steuern plus 81 Prozent, Eigenkapitalrendite auf 16 Prozent gesteigert, im ersten Quartal 2005 - vor Restrukturierungsaufwand - sogar auf 33 Prozent. Daher schlägt er der Hauptversammlung eine Dividendenerhöhung von 20 Cent auf 1,70 Euro vor. Da brandet erstmals Applaus auf, Ackermann nutzt die Pause für einen Schluck aus dem Wasserglas.

Bevor auch Ackermann auf den angekündigten Stellenabbau eingeht, fordert er in einem Appell dazu auf, den "tief greifenden, politischen und gesellschaftlichen Wandel" nicht nur zu "akzeptieren", sondern "aktiv zu gestalten". Er bedauert, dass der Wandel "von vielen Menschen in Deutschland nicht als Gewinn an Freiraum wahrgenommen wird, sondern als Verlust von Sicherheit und Stabilität". Man müsse aufpassen, dass sich "unser Land nicht selbst lähmt". Ackermann bringt ein Bild von der Flucht vor einem Bären. Wer überleben wolle, "muss zwar nicht unbedingt so schnell laufen können wie der Bär, aber bitte doch schneller als die Mitläufer", so Ackermann.

Ackermann: Die Bank muss noch effizienter werden

Den Nettoabbau von 1920 Stellen in Deutschland bezeichnet Ackermann als "schmerzhaft". Es falle weder ihm noch seinen Kollegen leicht, Stellenkürzungen vorzunehmen. "Wir wissen sehr wohl, welche Bedeutung der Arbeitsplatz für jeden Einzelnen und seine Familie hat." Das Ziel bleibe, betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden. Dennoch müsse die Deutsche Bank "noch effizienter werden, um ihre Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig zu stärken".

Beim Thema Kapitalismuskritik stört sich Ackermann weniger daran, dass die Vorwürfe zum Teil auf die Deutsche Bank und auf ihn persönlich gerichtet sind. Das finde er zwar beschämend, lenke aber vom eigentlichen Problem ab. Es gehe nämlich um die "grundsätzliche wirtschaftspolitische Ausrichtung unseres Landes", sagt Ackermann.

Niemand wolle einen "Raubtier-Kapitalismus". Das seien Vokabeln "aus der Zeit des realen Sozialismus". Wohin dieser geführt habe, sei ja bekannt. Die ganze Debatte habe keinen einzigen Arbeitsplatz geschaffen und sei im Ausland mit Verwunderung und Kopfschütteln verfolgt worden. "Der Aufschwung ensteht so nicht", so Ackermann. "Was hat man in Deutschland gegen ausländische Investoren, die für Kapital sorgen und Arbeitsplätze schaffen?". Ob diese Investoren künftig einen Bogen um Deutschland machen sollten, lautete die provokante Abschlussfrage des Bankchefs zu diesem Thema.

Der mediale Gau wirkt nach

Der mediale Gau wirkt nach

In der Fragestunde der Aktionäre spricht Klaus Schneider von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) zwar von beachtlichen Geschäftszahlen, bezeichnet aber gerade vor dem Hintergrund des verkündeten Gewinnsprungs die vorgeschlagene Dividendenerhöhung als "kümmerlich". Auch die Entwicklung des Aktienkurses und das damit verbundene Zurückfallen der Deutschen Bank im Ranking der börsennotierten Banken erwecken seinen Argwohn. In Sachen Stellenabbau kritisiert Schneider nicht die Tatsache an sich, sondern das damit verbundene "Kommunikationsdesaster".

Auch andere Aktionäre kritisieren die Öffentlichkeitsarbeit der Deutschen Bank. Es komme ihm manchmal vor wie "ein schlechter Film aus dem Kirch-Archiv" wenn die Deutsche Bank, obwohl Vorreiter bei der Transparenz der Vorstandsgehälter, auch in dieser Diskussion noch als schlechtes Beispiel herangezogen wird, bemängelt ein Anteilseigner.

Ein bisschen Pech war auch dabei

Auch Klaus Nieding von der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW) hat an der Geschäftspolitik der Deutschen Bank nicht viel auszusetzen. Er spricht den Führungskräften aber das Gespür für die Stimmung in der Bevölkerung ab. Durch den "medialen Gau" der diesjährigen Bilanzpressekonferenz sei es möglich, geworden, dass "linke Politiker pharisäerartig [...] den Heuschrecken das Gesicht des Vorstandsprechers der Deutschen Bank" geben konnten. Gegen die Verknüpfung von Milliardengewinn und Stellenabbau seien die "Peanuts" eines Hilmar Koppers eben genau diese.

In seiner Antwort auf die erste Fragerunde weist Ackermann den Vorwurf eines kommunikativen Versagens zurück. Auf der Bilanzpressekonferenz Anfang Februar seien lediglich bereits bekannte Tatsachen als "Paket" vorgetragen worden.

Man hätte schließlich nicht Rückstellungen bekannt geben können, ohne auch die geplante Verwendung der Gelder zu nennen. Dass einige Stunden zuvor bekannt geworden war, dass die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland auf über fünf Millionen gestiegen war, bezeichnete der Deutsche-Bank-Sprecher wörtlich als "Pech".

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