Airbus-Klage Kampf um 50 Luftelefanten für Indien

Airbus fühlt sich bei der Vergabe eines 5,4-Milliarden-Auftrags übervorteilt. Der Konzern will den Entschluss der staatlichen Air India anfechten, 50 Flugzeuge beim Konkurrenten Boeing zu ordern. "Wir wollen, dass die Regierung eine objektive Untersuchung der Auftragsvergabe einleitet", sagte ein Konzernsprecher.
Von Christian Buchholz

Neu Delhi - Indien ist nach Einschätzung von Branchenexperten einer der am stärksten wachsenden Märkte für den Flugverkehr weltweit. Für die Regierung des heute wirtschaftlich viertstärksten Landes in Asien gehört der Sektor damit zu den vielversprechendsten Einnahmequellen, wird doch das Angebot von den beiden Staatskonzernen Air India und Indian Airlines mit zusammen rund 100 Flugzeugen noch dominiert.

Bei Steigerungsraten von 25 bis 30 Prozent pro Jahr bis 2010, den Experten allein für den Inlandspassagierverkehr prognostizieren, bleibt allerdings auch Platz für Mitbewerber. So orderte der Billigflieger Air Deccan zu Jahresbeginn 30 Airbus-Jets, im Mai werden Kingfisher Airlines aus Bangalore mit 33 Airbus-Modellen und SpiceJet mit zehn Boeings starten.

Vorteil Airbus? Nicht bei der staatlichen Linie Air India, die vorgestern 50 neue Flugzeuge bestellte. Gewinner der Ausschreibung für diesen Auftrag ist Boeing  - zumindest vorläufig. Denn Airbus, Tochter des deutsch-französisch-spanischen Luftfahrt- und Rüstungskonzerns EADS , behauptet, dass es bei der Auftragsvergabe nicht objektiv zugegangen ist. "Wir sind nicht fair und gerecht behandelt worden", sagte Airbus-Vize Nigel Harwood der indischen Nachrichtenagentur PTI. Er werde gegen die Entscheidung von Air India, die neben 27 Modellen des 787 "Dreamliners" acht B777-200 und 15 B777-300 umfasst, beim Luftfahrtministerium in Neu-Delhi Berufung einlegen.

Vorwurf 1: A350 fehlen "lächerliche sechs Zentimeter"

Ein Airbus-Sprecher in Toulouse behauptete gegenüber manager-magazin.de, dass einige Konditionen für den Auftrag zu Gunsten von Boeing  eingeflochten wurden. So sei als eine zentrale Bedingung festgelegt worden, dass in den größten Flugzeugen der Bestellung neun Sitze nebeneinander montiert werden müssten. Dieses Kriterium erfüllte nach Einschätzung der Entscheider bei Air India angeblich nur der Boeing 787 "Dreamliner". Das Modell ist derzeit im Entwicklungsstadium und soll 2008 auf den Markt kommen.

Dem A350 von Airbus, dessen Serienreife bisher für 2010 angekündigt ist, wird diese Kapazität von den indischen Airline-Managern dagegen abgesprochen. Doch die Breite des Fußbodens der beiden Flugzeugmodelle unterscheidet sich nach Angaben des Sprechers "nur um knapp sechs lächerliche Zentimeter".

Vorwurf 2: Boeing kann Lieferfrist nicht einhalten

Zudem soll aus der Begründung für die Pro-Boeing-Entscheidung hervorgehen, dass der ursprünglich vorgesehene Auslieferungstermin für die größten Flugzeuge von Air India in Bezug auf die Boeing 787 nach hinten verschoben wurde. Vor 2008 wird das Modell nicht marktreif sein.

Die Aufhebung der Zeitspanne, die anfangs auf die Jahre 2006 bis 2007 festgelegt war, galt nach Angaben von Airbus jedoch nicht. Auch der A350 wird dann zwar noch nicht lieferbar sein, "aber hier wurde ebenfalls mit zweierlei Maß gemessen", so der Airbus-Sprecher gegenüber manager-magazin.de.

Er bestätigte zudem, dass Airbus Air India anstelle des kleineren, projektierten A350 den jüngst zum Jungfernflug gestarteten, größeren A380 als Alternative anbietet. "Mit der Auslieferung des Flugzeugs können wir mindestens zwei Jahre früher beginnen als Boeing mit der 787. Wir können als einziger Hersteller den in der Ausschreibung genannten Zeitplan erfüllen." Im Vertrauen auf eine funktionierende rechtliche Kontrolle in einem demokratischen Staat sei Airbus zuversichtlich, dass die Boeing-Order durch das zuständige Ministerium zurückgerufen werde.

Bestellung nicht abgeholt

Die Investitionen, die an den indischen Airports vorgenommen werden müssten, wenn eine Entscheidung zu Gunsten des A380 fiele, bezeichnete der Airbus-Sprecher als "vertretbar".

Zwar seien für die Abfertigung des Flugzeugs Umbauten nötig - das größte Passagierflugzeug der Welt benötige aber keine breiteren oder längeren Lande- und Startbahnen als der bisherige Spitzenreiter in puncto Größe, die Boeing 747. Zudem habe unter anderen die britische Virgin Airlines, die Indien auf der Langstrecke anfliegt, sechs A380 geordert. Es sei davon auszugehen, dass Virgin mit den neuen Maschinen bald auch Neu-Dehli und Bombay ansteuern wolle.

Vorwurf 3: Airbusse bestellt und nicht abgeholt

Schließlich verweist Airbus in seiner harschen Kritik an Air India auf eine Ausschreibung, über die im November 2003 entschieden wurde. Demnach hatte die Airline entschieden, 18 Modelle der 737-Serie von Boeing zu ordern und zehn Airbus A340, enhanced (erweitert).

Doch während der Auftrag für Boeing in die Tat umgesetzt worden sein soll, wurde die Lieferung der Airbus-Modelle von Air India faktisch storniert. "Die vereinbarte Lieferung der A340-Modelle ist aus uns unerfindlichen Gründen seitens des Auftraggebers nicht eingeleitet worden", so der Sprecher.

Gleichwohl ist Airbus auch in Indien im Geschäft: Zu den 45 Airbus-Modellen der A320-Familie über die Indian Airlines heute verfügt, wurden nach einer Ausschreibung aus März 2002 weitere 43 Flugzeuge der Reihe im Wert von mehr als zwei Milliarden Dollar geordert. Die Auslieferung soll in wenigen Monaten beginnen, als letzte Instanz muss die indische Regierung das Projekt noch bewilligen. Airbus geht nach Angaben des Sprechers fest von einem positiven Votum aus.

A380 besucht Frankfurt

A380 kommt nach Frankfurt

Der neue Großraum-Airbus A380 wird im Rahmen von Probeflügen Ende dieses Jahres erstmals nach Frankfurt am Main kommen. Davon geht der Flughafenbetreiber Fraport  aus. Bis zum regulären Linienverkehr, der 2007 starten soll, müssten noch rund 150 Millionen Euro in Um- und Ausbauarbeiten am Flughafen investiert werden, sagte Fraport-Chef Wilhelm Bender.

Ab Mitte dieses Jahres steht laut Bender eine Position am Terminal 2 für das Großflugzeug bereit. Eine der beiden Passagierbrücken dort werde durch ein neues Hubbein in der Lage sein, am A380-Oberdeck anzudocken, sagte Bender. Neue Vorfeldmarkierungen und die Einrichtung mehrerer Parkpositionen sowie die Vergrößerung von Ankunftsräumen folgten bis 2007. Zudem würden neue Schlepper für den Riesen-Airbus benötigt.

In Frankfurt am Main will die Lufthansa 2007 ihre A380-Flotte von langfristig mindestens 15 Flugzeugen stationieren und warten lassen. Ab 2010 erwartet Fraport dann täglich rund 20 Starts und Landungen des A380, der seinen Jungfernflug ohne Zwischenfälle absolvierte.