Telekom-HV Das Telefon als Auslaufmodell

Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke wehrt sich auf der Hauptversammlung gegen Kritik an der Verschmelzung von T-Online und Telekom. Die hält er als Vorbereitung auf eine Welt ohne Festnetz-Telefon für notwendig. Die HV verläuft ruhig - obwohl der Systemwechsel schneller kommen könnte als erwartet.

Hannover - Man spricht wieder deutsch bei der Telekom. "Heute das Morgen sehen" heißt es schlicht auf den Bannern und Prospekten zur Hauptversammlung 2005, und der Ort könnte kaum passender sein. Wie aus einer anderen Welt wirkt das hannoversche Expo-Gelände mit unendlich viel Platz und seinen futuristischen Bauten: Besucher schlendern über die Weltausstellungsallee vorbei am raumschiffartigen "Planet M" direkt auf die Tui-Arena zu. Hier wird normalerweise Eishockey gespielt, wenn nicht gerade über die Zukunft der Deutschen Telekom diskutiert wird.

Mit dem Morgen ist das so eine Sache. Aktionäre der Deutschen Telekom  werden am morgigen Mittwoch 0,62 Euro je Aktie ausgeschüttet bekommen, insgesamt 2,5 Milliarden Euro und damit die in diesem Jahr höchste Ausschüttungssumme im Dax . Die Dividende erfreut nicht nur den Bund, der zusammen mit der KfW immer noch 38 Prozent der Telekom-Anteile hält. Sie ist vor allem ein Zeichen des Konzernchefs Kai-Uwe Ricke, dass es nach zwei Jahren Aufräumarbeit und Nulldiät für Aktionäre wieder eine Basis für künftige Gewinne gibt.

Helle Köpfe: Personalvorstand Heinz Klinkhammer, Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick, Vorstandschef Kai-Uwe Ricke und Aufsichtsratschef Klaus Zumwinkel (v.l.)

Helle Köpfe: Personalvorstand Heinz Klinkhammer, Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick, Vorstandschef Kai-Uwe Ricke und Aufsichtsratschef Klaus Zumwinkel (v.l.)

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In dubio pro Optimismus: Telekom-Chef Ricke

In dubio pro Optimismus: Telekom-Chef Ricke

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So einig, dass sogar die Krawattenfarbe gleich ist: Aufsichtsratschef Zumwinkel und Vorstandschef Ricke (v.l.)

So einig, dass sogar die Krawattenfarbe gleich ist: Aufsichtsratschef Zumwinkel und Vorstandschef Ricke (v.l.)

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Dienstleistungskonzern mit Gesicht
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Die Schulden hat Ricke auf 35 Milliarden Euro gesenkt und damit seit 2002 nahezu halbiert. Umsatz und Ertrag sind gestiegen, der bereinigte Überschuss 2004 beträgt 2,2 Milliarden Euro, die Mobilfunksparte T-Mobile hat sich vom Sorgenkind zum Wachstumstreiber entwickelt. Doch vor allem die Festnetzsparte T-Com steht vor einem dramatischen Wandel: Das klassische Festnetztelefon hat keine Zukunft, es verliert immer mehr Marktanteile an Mobilfunk und Internettelefonie. Höchste Zeit für die Deutsche Telekom, sich auf den künftigen Wandel einzustellen.

Den Wandel bekommen zunächst vor allem die Aktionäre von T-Online  zu spüren. Ihre Aktien werden zwangsweise in je eine halbe Telekom-Aktie umgewandelt, wenn sie denn nicht das Barangebot von 8,99 Euro je Aktie angenommen haben. Das Geschäft "Gib mir (im Emissionsjahr 2000) 27 Euro, ich gebe dir vier Jahre später 8,99 Euro" schien vielen Aktionären von T-Online nicht gerade fair, doch Ricke will sich heute durch dieses Thema nicht in die Defensive drängen lassen. Schließlich bekommen T-Online Aktionäre mit der T-Aktie "ein Papier, das große Zukunft hat", so Ricke vor der Hauptversammlung.

"Wir hatten Schnittstellenprobleme"

"Wir hatten Schnittstellenprobleme"

Eine große Zukunft muss es in der Tat sein. Die T-Aktie müsste in den kommenden Jahren schon von derzeit 15 Euro auf 54 Euro steigen, damit T-Online Aktionäre der ersten Stunde ihr Geld wiedersehen. Da muss man schon sehr weit in das Morgen sehen.

Doch die Telekom, die ihre Hauptversammlung von der Kölnarena nach Hannover verlegt hat, hat kaum eine Alternative. Der Umsatz von T-Online soll sich in den kommenden fünf Jahren mehr als verdreifachen - auch auf Kosten der Festnetzsparte T-Com, die mit den modernen DSL-Anschlüssen nicht nur der Onlinetochter, sondern auch der Konkurrenz den Weg für Onlinetelefonate sowie zahlreiche Anwendungen wie Film- und Musikdownloads ebnet.

"Die Welt von morgen ist eine völlig andere", hat Konzernchef Ricke den Aktionären zur Begrüßung ins Programm geschrieben. Er sieht die Telekom als Dienstleistungskonzern, die den Kunden mit komplexen, spartenübergreifenden Anwendungen bedient. Aus den vier Säulen, auf der Hauptversammlung vor einem Jahr noch zaghaft verteidigt, werden die Bereiche Breitband/Festnetz (T-Com und T-Online), Mobilkommunikation (T-Mobile) und Geschäftskunden (T-Systems). "Wir hatten in der Vergangenheit zu viele Schnittstellenprobleme und das hat uns nicht gut getan", sagt Ricke.

Die schwierigste Aufgabe kommt in den kommenden Wochen auf den neuen T-Com Chef Walter Raizner zu. Er muss nicht nur T-Online in T-Com zurückintegrieren und dafür sorgen, dass die beiden Sparten künftig aus einem Guss und nicht gegeneinander arbeiten. Er muss auch die T-Com-Sparte umkrempeln und auf die neue Zeit ohne Festnetztelefon einstimmen: "Re-invent" heißt das bei der T-Com, es geht doch nicht ganz ohne Englisch.

Zu vermitteln, dass sich die Telekom neu erfinden und die Streitereien von gestern hinter sich lassen muss, um im Markt von morgen zu bestehen, diese Aufgabe kommt heute Konzernchef Kai-Uwe Ricke zu.

Auftritt Kai-Uwe Ricke

10.20 Uhr: Auftritt Kai-Uwe Ricke

Kai-Uwe Ricke wird mit Applaus begrüßt. Er hat viel vor mit seiner Rede: Bei seinem dritten Auftritt als Vorstandschef kann er sich nicht nur auf die Sanierungserfolge der vergangenen zwei Jahre verlassen, er muss die Aktionäre auch auf die neue Zeit einschwören. Die Abkehr von den vier Säulen, die Rückholaktion von T-Online, kurz der "Wandel zu einem integrierten, kundenzentrierten Dienstleistungskonzern" ist nichts, was die Aktionäre spontan zu Jubelrufen animiert.

Ricke beginnt forsch und sachlich. Die Erfolge 2004 hakt er selbstbewusst und stakkatoartig ab: Profitables Wachstum, Umsatz und Ertrag gesteigert, 2,2 Milliarden Euro Überschuss, Dividendenzahlung, Schuldenabbau in 2004 um fast eine Milliarde Euro pro Monat. So weit, so gut.

"Der Erfolg von heute ist kein Garant für den Erfolg von morgen", betont Ricke. Ihn drängt es, das neue Modell Telekom vorzustellen, doch dieser Tage geht nichts ohne ein paar Worte zur Kapitalismuskritik. "Kapitalrendite und Verantwortung für unsere Mitarbeiter gehören für uns untrennbar zusammen", ruft Ricke.

"2005 kein weiterer Wegfall von Stellen"

Nach der Rosskur des ehemaligen Staatskonzerns, der seit dem Börsengang vor zehn Jahren rund 10.000 Stellen pro Jahr abgebaut hat, sei der Druck des Marktes zwar weiterhin sehr hoch. "Für die Deutsche Telekom wird es im Jahr 2005 aber keinen weiteren Wegfall von Stellen geben", sagt Ricke.

Der Telekom-Chef lenkt noch einmal auf die Entwicklung 2004, doch er hat es damit sehr eilig, spricht fast ohne Pause. Stolz sei er auf den Free Cashflow von inzwischen 10,2 Milliarden Euro, und auch die Kundenzahl von T-Mobile (77 Millionen) ist ihm eine eigene Erwähnung wert. T-Mobile sei weiterhin "der Motor des profitablen Wachstums im Konzern. Impulse kommen vor allem aus dem US-Geschäft", so Ricke.

Bleibt die Frage, wie es dagegen in der Festnetzsparte T-Com aussieht, die von allen Seiten unter Druck gesetzt wird. Der Umsatz des Vorjahres konnte nicht gehalten werden: umso wichtiger, auf die Konkurrenz wie Pre-Selection, Call by Call, Internettelefonie und die weitere Liberalisierung des Telefonmarktes zu reagieren. "Die Regulierungsbehörde will, dass wir Marktanteile verlieren", sagt Ricke betont sachlich. Kein Vorwurf, keine Klage. Aber ein Grund mehr, den Wandel voranzutreiben.

"Wir sollen Marktanteile verlieren"

"Die RegTP will, dass wir Marktanteile verlieren"

Entscheidend ist für Ricke der "dynamische technologische Wandel, der ungebrochen anhält": "Die Integration Telekommunikation und Informationstechnologie wird in der gesamten Branche immer stärker zum Wegfall von Schnittstellen führen", so Ricke. Das habe auch zur Folge, dass Aufgaben und Stellen überflüssig werden.

Ricke bemüht das warnende Beispiel des US-Konzerns AT&T: Bis in die 90er galt AT&T als Vorbild, vor kurzem wurden die verbliebenen Unternehmensteile des einstigen Monopolisten von Wettbewerbern übernommen. "Heute gibt es AT&T in seiner alten Form nicht mehr", so der Telekom-Chef.

Auf den "Kunden" bezieht sich der Telekom-Chef immer wieder, statt wie sein Vorgänger Ron Sommer von den künftigen Möglichkeiten eines globalen Telekom-Konzerns zu schwärmen. Wechsel von der Innensicht zur Kundensicht: Auch hier geht am Umbau kein Weg vorbei.

Rickes ehrgeiziges Ziel

"Wir müssen uns immer aufs Neue fragen: "Was will der Kunde?", sagt Ricke. "Ein Ansprechpartner, ein Vertrag - das müssen wir hinbekommen." Das seien die wichtigsten Schritte zu dem Ziel, das "wachstumsstärkste integrierte Dienstleistungsunternehmen in Europa" zu werden.

Ricke spricht außerdem von der Qualitätsoffensive und dem bedauerlichen Zustand, das die "nachweisbare Qualität" der Kunden - das heißt eine rasche Bedienung der Kunden - noch immer im Gegensatz zur "gespürten Qualität der Kunden" steht. Die Konsequenz: In keinem T-Punkt sollen die Kunden künftig länger als fünf Minuten warten. Ein hehres Ziel, das zunächst einmal nur für Berlin und Ostdeutschland gelten soll.

Die Verschmelzung von T-Online in die Deutsche Telekom sei das "Kernelement der strategischen Neuausrichtung", so Ricke. Nur durch die Kombination von Netzzugang, Kommunikation und Unterhaltungsdiensten werde man den Umsatz pro Kunde erhöhen und die Rückgänge im traditionellen Festnetz auffangen.

"Richtschnur für künftige Dividenden"

"Richtschnur für künftige Dividenden"

Der Konzern hat viel vor, doch man gibt sich optimistisch. Die Dividende von 0,62 Euro soll "Richtschnur für künftige Dividenden sein", so Ricke. Ein selbstbewusstes Versprechen angesichts einer stolzen Dividendenrendite von rund 4 Prozent, die zumal für einen Technologiekonzern ungewöhnlich hoch ist. "Wir wollen auch künftig eine attraktive Ausschüttung bieten", so Ricke. Kein Trostpflaster also, sondern Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins. Wichtig auch die Glaubwürdigkeit: "Wir haben unser Versprechen, wieder eine ordentliche Dividende zu zahlen, gehalten".

Selbstbewusst verteidigt Ricke auch die Rückholaktion von T-Online in den Konzern. Die Verschmelzung voranzutreiben, habe hohe Priorität: Der Abfindungspreis für T-Online Aktionäre sei überdies von unabhängigen Prüfern und einem "Verschmelzungprüfer" festgelegt worden. "Die Aktionäre bekommen für ihre T-Online-Aktien mit der T-Aktie ein Papier, das große Zukunftschancen hat", so Ricke. So einfach ist das.

Stille im Saal, kein Wort der Kritik. Am heutigen Dienstag kann er das als Telekom-Konzernchef noch leichthin sagen. Am Donnerstag, wenn Ricke als Aufsichtsratschef bei der Hauptversammlung von T-Online in diesem Saal sitzt, dürfte es anders aussehen.

Wortreich erläuterter Wachstumsprozess

Ricke ist "fest überzeugt, auf dem richtigen Weg zu sein": Erste Resultate der strategischen Neuausrichtung würden sich bereits in diesem Jahr zeigen: "Der volle Effekt wird aber 2006 sichtbar werden", verspricht Ricke. Die neue Struktur sei die entscheidende Voraussetzung, am Wachstum teilzuhaben.

"So konsequent wie wir in den vergangenen drei Jahren entschuldet haben, so konsequent werden wir die kommenden drei Jahre den Kurs des profitablen Wachstums vorantreiben", verspricht Ricke. Ihm bleibt kaum etwas anderes übrig, will man Wachstumsprimus in Europa werden.

Ricke erläutert wortreich die Wachstumsstrategien "Re-invent" (Neuaufstellung der Festnetz- und Breitbandsparte), "Save for Growth" (Sparen für weiteres Wachstum im Bereich T-Mobile) sowie "Focus on Growth", (Schwerpunkt Wachstum) für den Bereich Dienstleistungen.

Applaus für Standortbekenntnis

Applaus für Standortbekenntnis

Zustimmung des Publikums erhält er, als er von diesen Strategien abweicht und sich zum Standort Deutschland bekennt: "Hier in Deutschland haben wir unsere Wurzeln, hier erwirtschaften wir immer noch mehr als die Hälfte unserer Umsätze", so Ricke. "Daher fühlen wir uns dem Standort in besonderer Weise verbunden - wir bekennen uns auch zur Mitverantwortung für die Zukunft unserer Gesellschaft." Den Satz wird er künftig noch öfter zu hören bekommen, doch hier, während der Hauptversammlung, erntet er erstmals einen längeren Applaus.

"Nicht kurzfristige Umsatz- oder Ertragssteigerungen sind unser Ziel. Wir verfolgen stattdessen eine langfristige Wachstumsstrategie", so Ricke. Stolz ist er darauf, das viel gescholtene Mautsystem verteidigt zu haben: "Unser Mautsystem ist auf dem Weg zu einem Exporterfolg. Eine Reihe von Ländern zeigt Interesse daran", so Ricke.

Doch ohne Wünsche an den Gesetzgeber ist auch Ricke nicht: In den USA lasse man den Entwicklungen im Bereich Breitband oder Internettelefonie erst einmal freien Lauf. In Deutschland dagegen würden bereits harte Regulierungskonzepte diskutiert. "Wer Innovationen fordert, muss auch Voraussetzungen schaffen, dass sich die Milliardeninvestitionen für ein Unternehmen auch rechnen", so Ricke.

Rickes Suche nach Konsens

Zum Abschluss seiner Rede kommt es Ricke darauf an, die Deutsche Telekom noch einmal als verantwortungsvolles Unternehmen darzustellen und jeden Verdacht der Raubtiermentalität weit von sich zu weisen. Ricke nimmt die Vorlage von SPD-Chef Franz Müntefering dankbar auf: Der Schwenk auf die Kapitalismusdebatte dient auch dazu, auf ein übergeordnetes Thema, konsensfähiges Thema zu kommen, statt sich über Details der Konzernumwandlung zu streiten.

"Wir wollen den Erfolg. Wir wollen ihn auch teilen, mit Aktionären, Beschäftigen, Kunden und Lieferanten", sagt Ricke. "Dafür werden wir hart arbeiten - vor allem an unserem Heimatstandort Deutschland." Damit trifft er den Nerv des Publikums - langer Applaus nach Ende der einstündigen Rede.

Getrübt wird die fröhliche Magenta-Stimmung um halb zwölf von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). "Wie Sie mit den Aktionären von T-Online umgegangen sind, war nicht in Ordnung", kritisiert deren Sprecher Carsten Heise. "Sie werden die Quittung wahrscheinlich am Donnerstag in Form lautstarker Kritik bekommen".

"Risiko abgewälzt"

"Risiko auf T-Online-Aktionäre abgewälzt"

Es sei äußerst fragwürdig, die Aktionäre in den Jahren 2000 bis 2004 das Risiko eines Investments tragen zu lassen und ihnen zu dem Zeitpunkt, wo T-Online sich zu erholen beginne, die Aktie zu einem Drittel des Emissionspreises wieder abzunehmen. "Sie haben kein Geld zu verschenken, aber das rechtfertigt noch nicht dieses Vorgehen", sagt Heise. Der DSW-Mann stellt zudem die Umsatzprognosen für den Bereich Breitband/Festnetz in Frage: "Wie wollen Sie auf die immer stärkere Konkurrenz reagieren?" fragt Heise. Das Jahr 2004 war für die Telekom "ordentlich, aber es ist Geschichte".

In dieselbe Kerbe schlägt Lars Labryga von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. "Wenn Licht am Horizont erscheint, werden die T-Online-Aktionäre vor die Tür gebeten", sagt Labryga. Die Alternative wäre gewesen, einen Beherrschungsvertrag abzuschließen, was eine gerichtlich angreifbare Barabfindung von rund 15 Euro bedeutet hätte. "Dies hätte die Mehrheit der Aktionäre sicherlich als fair empfunden", so Labryga.

Um halb zwei meldet Aufsichtsratschef Klaus Zumwinkel, dass 54 Prozent des Grundkapitals in Höhe von 10,7 Milliarden Euro auf der Hauptversammlung vertreten seien. Die Tui-Arena leert sich zur Essenszeit deutlich. Keine Telekom-Hauptversammlung seit dem Jahr 2001 war so unaufgeregt, nüchtern und entspannt wie das diesjährige Aktionärstreffen in Hannover.

"Der Umzug ist eine Flucht vor den Aktionären"

Dennoch nutzt Aktionär Hans Martin Buhlmann die Gelegenheit noch einmal zum Frontalangriff. Den Umzug der Telekom-Hauptversammlung aus der Kölnarena nach Hannover nennt er "Flucht vor den Aktionären". "Sie hoffen, dass kein Kritiker hinterherkommt", ruft Buhlmann.

Dass die Telekom die Kölnarena nicht nutzen konnte, weil der Kölner Eishockeyclub Kölner Haie dort vor Wochen eine Option für Playoff-Spiele angemeldet hatte, will Buhlmann nicht einleuchten. Ihm scheint der Umzug aufs weitgehend leere Weltausstellungsgelände in Hannover eine Flucht in stille Gewässer.

Die knapp 4 Prozent Dividendenrendite der T-Aktie sind für Buhlmann kein Qualitätssignal. "Sogar DaimlerChrysler schafft mehr als 4 Prozent - schauen Sie sich doch die kümmerliche Kursentwicklung der beiden Aktien an", sagt der Vertreter des Aktionärsverein V.I.P. Für Heiterkeit und ein wenig Leben in der Arena sorgt Buhlmann, als er auf die Qualitätsoffensive der Telekom zu sprechen kommt: "Sie wollen jede E-Mail binnen 24 Stunden beantworten - doch Sie geben leider keine E-Mail-Adresse bekannt."

Als Buhlmann zum Abschluss die berühmt-berüchtigte Telekom-Servicenummer mit der Bemerkung "da wird man vertröstet und verschoben" abkanzelt, erntet er stärkeren Applaus. "Sie tun den T-Aktionären keinen Gefallen, wenn Sie uns jetzt das Gefühl geben, jetzt wenigstens mal T-Online erfolgreich ausgenommen zu haben", ruft er dem Telekom-Vorstand zu. Dies sei nicht die Basis, auf der ein erfolgreiches Unternehmen wachsen könne.

HV so ruhig wie seit Jahren nicht

Ab 2012 alle Festnetzgespräche über Internet

Konzernchef Ricke beantwortet die ersten Fragen der Aktionäre. Im Bereich T-Com stehe zunächst ein technischer Wechsel an: Bis zum Jahr 2012 sollen alle Gespräche im Festnetz über Internettechnologie transportiert werden. Dies bedeute für den Kunden zunächst jedoch keine Veränderung, es werde weiterhin Festnetzgeräte und Festnetztelefonie geben. Ihren Geschäftskunden biete die Deutsche Telekom schon heute die Umstellung auf das "Voice over IP", also Vermittlung der Gespräche über Internet, an.

Ricke lässt sich die Gelegenheit nicht entgehen, bei diesem Thema noch einmal für die Reintegration von T-Online in den Telekom-Konzern zu werben. Der Schwerpunkt der Internetnutzung habe sich durch die Einführung des Breitbandanschlusses verschoben. "Deshalb brauchen wir die Verschmelzung von T-Online und T-Com", so Ricke. Sie werde beiden Unternehmen ermöglichen, ihr Know-how für die Entwicklung neuer Anwendungen einzubringen. Ziel von T-Online sei nicht, der billigste Anbieter zu sein, sondern mit seinen Anwendungen zu überzeugen.

Kontaktsperre für Journalisten

Man habe zudem keine weiteren Akquisitionen nötig, um den Umsatz zu steigern und die stolzen Wachstumsziele zu erreichen, so Ricke. "Wir sind nicht im Akquisitionsmodus, schließen aber auch keine Übernahmen aus", schiebt der Konzernchef pflichtgemäß hinterher. Zu diesem Zeitpunkt hat mehr als die Hälfte der Aktionäre die Halle bereits verlassen.

Vorstand und Aufsichtsrat können weitere Kritik einzelner Aktionäre entspannt abtropfen lassen. Kritische Anmerkungen in und vor der Halle sind nicht erwünscht. Damit sie nicht doch den Weg in Radio, Zeitungen und Onlinemedien finden, hat sich die Telekom etwas Ungewöhnliches einfallen lassen: Vor jeder Tür steht Sicherheitspersonal, das peinlich genau darauf achtet, dass Journalisten keinen Zutritt zum allgemeinen Aktionärsbereich bekommen. Falls das doch nötig wird, leistet der Wach- und Schließdienst der Telekom Geleitschutz.

Um 14 Uhr ergreift Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick das Wort: Die höchst, korrekten, aber staubtrockenen Ausführungen des sympathischen Vorstandsmitglieds waren auch in den Vorjahren ein verlässliches Mittel, um weitere Aktionäre aus dem Saal zu vertreiben. Wenn diese Hauptversammlung 2005 - mit neuem Strategiekonzept und neuer Dividendenpolitik - wirklich ein Hinweis auf die Zukunft der Deutschen Telekom ist, dürften auch die kommenden Hauptversammlungen des Konzerns deutlich ruhiger werden.

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