Kapitalismuskritik "Münteferings Kampagne ist unverantwortlich"

Die Kritik von SPD-Chef Franz Müntefering am Kapitalismus zeugt nicht nur von tiefer Ratlosigkeit der Regierung, meint Deutschland-Kenner André Leysen. Die Kampagne, die vor allem Neid wecke, drohe als Bumerang auf den Standort Deutschland niederzukommen.
Von Andreas Nölting

mm.de:

Heuschrecken, Anarcho-Kapitalisten, gewissenlose Profit-Maximierer - was halten Sie von den letzten Äußerungen führender Politiker über die Rolle der Unternehmer?

Leysen: Ich hatte zunächst einige Schwierigkeiten diesen "fortschrittlichen Gedanken" zu assimilieren. Ich war erstaunt, dass der Vorsitzende der SPD die ausländischen Unternehmer als kahl fressende Heuschrecken bezeichnet hat. Richtig übersetzt heißt das Signal aber "Mayday, Mayday".

mm.de: Fühlen Sie sich als Ausländer, der in Deutschland tätig war, persönlich betroffen?

Leysen: Nicht im Geringsten. Ich habe elf Jahre für Deutschland, und zwar vier Jahre im Rahmen des Präsidiums der Treuhandanstalt und sieben Jahre als Mitglied des Präsidiums der Deutschen Telekom, als nicht hungrige, falsch programmierte Heuschrecke gearbeitet. Spaß beiseite! Ich habe in den Unternehmen, die maßgeblich von der deutschen Regierung abhängen, unentgeltlich gearbeitet. Ich habe stets gemeint, dass ich für Ihr Land, in dem ich so lange tätig war, auch etwas zurückgeben musste.

mm.de: Verurteilen Sie die Unternehmerschelte von Herrn Müntefering?

Leysen: Ideologie und Ökonomie reimen sich, aber vertragen sich schlecht. Herr Müntefering weiß auch nicht mehr ein und aus. Da er einsieht, dass die heutige finanzielle Lage eine weitere Umverteilung nicht mehr erlaubt, bietet Herr Müntefering das Produkt "Neid" an.

Die finanzielle Lage ist die folgende: Inklusive der Pensionsverpflichtungen ist Deutschland mit mehr als 300 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes verschuldet. Das Wachstum fällt auf 1 bis 2 Prozent zurück. Man geht davon aus, dass es 10 Prozent Arbeitslose gibt. Mit einer solchen Bilanz ist kein Staat zu machen.

mm.de: Sind die Unternehmerattacken einiger Politiker also ein Zeichen der Ratlosigkeit?

Leysen: Herr Müntefering spricht von den Errungenschaften der sozialen Marktwirtschaft. Kann man es eine Errungenschaft nennen, wenn das Vermögen der Kinder schon ausgegeben wurde? Fairerweise muss man sagen, dass die Verschuldung nicht nur durch die heutige Regierung verursacht wurde, sondern auch durch die vorhergehenden. Sie hat aber bei ihrem Antritt Lösungen versprochen, die sie nicht erfüllt hat.

Diese Regierung hat aber bei ihrem Antritt große Erwartungen geweckt. Man kann verstehen, dass Herr Müntefering die Flucht nach vorne ergreift. Indem er den Neid zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen weckt, zeigt er einerseits seine Ratlosigkeit und andererseits versucht er, Geister zu wecken, die wir vielleicht nicht mehr loswerden können.

mm.de: Schadet die Diskussion über die angeblich fehlende Moral einiger Unternehmer dem Standort Deutschland?

Leysen: Nicht die Diskussion, sondern die Haltung dieser Manager ist schädlich für Deutschland. Man muss aber auch erkennen, dass gewisse Unternehmer durch Geldgier und Unvernunft getrieben inkorrekt gehandelt haben, alles aber schön verpackt in einem Mäntelchen der Legalität. Ich wiederhole, dass eine Revision der Gesetzgebung notwendig ist. Das Betriebsverfassungsgesetz und das Mitbestimmungsgesetz sind Instrumente in den Händen derer geworden, die sich ihrer bedienen können. Herrn Münteferings Kampagne ist unverantwortlich und droht im europäischen Rahmen wie ein Bumerang auf Deutschland nieder zu kommen. Der Kanzler ist da gefordert.

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