Chinas Autoindustrie Kampf um Kundenvertrauen in Europa

Überraschend hat der chinesische Autohersteller Chery angekündigt, schon in zwei Jahren Autos in einer eigenen europäischen Fabrik zu bauen und sie hier zu verkaufen. Der Vorstoß ist vermutlich weniger absurd, als er auf den ersten Blick scheint.

Hamburg - Manchmal verändert sich die Autowelt erschreckend schnell. Chinesische Autos - davor glaubten sich die europäischen Hersteller in ihrem Heimatmarkt sicher bis 2010. Mindestens, denn was die Chinesen zuhause zusammenschraubten, waren bestenfalls putzige Raubkopien europäischer Spitzentechnik, unverkäuflich in Europa.

Mit der Ruhe ist es vorbei, seit der chinesische Autohersteller Brilliance auf der Automesse in Leipzig sein Mittelklassemodell Zhonghua vorstellte - flott gezeichnet und brauchbar verarbeitet befanden Autokenner einhellig, und dabei groß wie die Mercedes E-Klasse und etwa auf dem Preisniveau eines Golf.

Auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt wollen im September nun gleich drei chinesische Hersteller Autos zeigen, die für den europäischen Markt geeignet sind: Brilliance, Geely und Chery. Was Chery dort zeigen will, soll eine Vorstellung geben von dem, was der Autohersteller ab 2007 auf dem europäischen Markt verkaufen - und in Europa bauen will.

Weg von der Auftragsfertigung

"Wir testen zurzeit mehrere mögliche Standorte in Ländern wie Polen, Tschechien, Rumänien", sagte der Marktanalyst von Chery, Lin Huaibin, der "Financial Times Deutschland". Das ist überraschend, denn bisher galt der zügige Vorstoß der Chinesen auf den europäischen Markt als aus der Not geboren: Im Jahr 2009 sollen einer Mercer-Studie zufolge die Kapazitäten in der Heimat bei acht Millionen Fahrzeugen liegen, verkauft werden können aber nur sechs Millionen Autos. Schon heute sind die Überkapazitäten erheblich.

Zurzeit stagnieren außerdem die Absatzzahlen, bei Brilliance hat sich die Zahl der vom Zhonghua verkauften Autos im vergangenen Jahr, dem zweiten vollen Jahr auf dem chinesischen Markt, sogar auf 13.000 Autos halbiert.

Das Chery nun die Flucht nach vorn antritt, erklären Autoanalysten vor allem damit, dass das Unternehmen so schneller auf Trends in den europäischen Märkten reagieren kann und dort als vertrauenswürdiger wahrgenommen wird. "Die chinesischen Autobauer wollen weg von der reinen Auftragsfertigung und richtige Autohersteller werden", sagt Marc René Tonn vom Bankhaus M.M.Warburg, "dabei spielt der Marketingaspekt eine wichtige Rolle".

"Produktion in China ist nicht billiger"

"Produktion in China ist nicht billiger"

Offenbar müssen die Chinesen bei der West-Produktion nicht einmal wesentliche Kostennachteile in Kauf nehmen. "Der Produktionsfaktor Arbeit ist zwar deutlich günstiger als in westlichen Ländern", sagt Tonn, "entscheidend ist aber, wie gut und günstig Zulieferteile beschafft werden können". Auf Importteile müssen in China häufig hohe Steuersätze gezahlt werden, was zu erheblichen Kostennachteilen führt.

Chery bietet seit 2002 Kleinwagen in Überseemärkten an. Bisher waren die Modelle aber nur in Südamerika, Asien und Afrika erhältlich. In diesem Jahr will Chery jedoch mit einem neuen, größeren Modell in den USA starten. Für Europa sollen fünf neue Fahrzeuge entwickelt werden. Daran ist auch der britische Kleinsthersteller Lotus beteiligt.

In der Vergangenheit war Chery vor allem durch dreiste Kopien westlicher Autos aufgefallen. So brachte der Hersteller 2001 eine Kopie des VW Jetta auf den chinesischen Markt, wogegen Volkswagen sich - weitgehend ohne Erfolg - zu wehren versuchte. Pikant war das unter anderem deswegen, weil einer der chinesischen Joint-Venture-Partner von VW, Shanghai Automotive Industrial Corporation (SAIC), auch Partner von Chery ist. Inzwischen betrachten die Wolfsburger die Sache als erledigt. Angeblich soll Chery immerhin drei Millionen Euro Entschädigung gezahlt haben.

Auch in ihrer Heimatregion hatten die Spezialisten von Chery offenbar abgekupfert. Das Modell Qirui QQ, immerhin im Jahr 2003 40.000 Mal verkauft, ähnelt dem Daewoo-Kleinwagen Spark so sehr, dass sich buchstäblich alle Teile austauschen ließen, bemängelte der Daewoo-Mutterkonzern General Motors. Und im Januar des laufenden Jahres vergaß der amerikanische Handelsminister Donald Evans in Peking alle diplomatische Zurückhaltung: Das Beispiel QQ, zürnte er, sei ein Beispiel für "flagranten Markendiebstahl von US-Produkten".

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