Ermittlungen EnBW-Chef unter Verdacht der Bilanzfälschung

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen EnBW-Chef Utz Claassen wegen des Verdachts der Bilanzfälschung. Damit steht der Ruf des erfolgreichen und knallharten Sanierers auf dem Spiel. Der Konzern spricht von "haltlosen" Vorwürfen und "falschen Annahmen".

Hamburg/Stuttgart - Die Staatsanwaltschaft Mannheim hat gegen den Vorstandschef des Energiekonzerns EnBW , Utz Claassen, ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Bilanzfälschung eingeleitet. Die Schwerpunktabteilung für Wirtschaftskriminalität ermittelt wegen der möglicherweise "unrichtigen Darstellung der wirtschaftlichen Verhältnisse der Gesellschaft in der Rechnungslegung des Jahres 2003", erklärte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft am Donnerstag auf Anfrage von manager-magazin.de. Er bestätigte damit einen Bericht der "Stuttgarter Nachrichten".

Das Unternehmen verhalte sich bei den seit März laufenden Ermittlungen "kooperativ", ergänzte der Sprecher, wollte aber keine weiteren Angaben machen. Es sei noch zu früh, um zu Details Stellung zu nehmen.

Dem Zeitungsbericht zufolge untersuchten die Ermittler massive Wertberichtigungen in der Bilanz, die Claassen bei seinem Amtsantritt im Mai 2003 vorgenommen hatte. So habe Classen zum Beispiel das noch unter seinem Vorgänger Gerhard Goll erworbene 30 Prozent-Paket an den Düsseldorfer Stadtwerken um 208 Millionen Euro abgewertet. Insgesamt beliefen sich die Wertberichtigungen auf rund 1,3 Milliarden Euro. Ende 2003 wies der Energiekonzern darauf hin einen Vorsteuerverlust von 1,1 Milliarden Euro aus.

Claassen wies seinerzeit Spekulationen zunächst zurück, Vorgänger Goll habe ihm eine "Baustelle" überlassen, sprach später aber selbst von "Altlasten". Damit stellte sich die Frage, ob Goll die Beteiligungen in der von ihm zu verantwortenden Bilanz 2002 womöglich zu hoch ausgewiesen habe. Sie hätten sich "noch im legalen Rahmen" bewegt, zitierte die "Stuttgarter Zeitung" Claassen Anfang Feburar. Anderen Berichten zufolge hatte der Vorstandschef öffentlich auch von "konstruktiver Ergebnisgestaltung" gesprochen. Die Wirtschaftsprüfer von Price-Waterhouse-Coopers (PWC) hatten indes beide Bilanzen ohne Einschränkung testiert.

Goll geriet damit in den Verdacht der Bilanzfälschung. Die Strafanzeige gegen den ehemaligen Vorstandschef ließ nicht lange auf sich warten. Die Mannheimer Staatsanwälte leiteten gegen Goll ein Ermittlungsverfahren ein, das noch nicht abgeschlossen ist. Dem Bericht der Stuttgarter Nachrichten zufolge habe Goll inzwischen aber die Anwälte davon überzeugen können, dass nicht er, sondern möglicherweise Claassen die Unternehmensbilanz geschönt haben könnte.

EnBW: "Vorwürfe haltlos und unbegründet"

EnBW: "Vorwürfe haltlos und unbegründet"

Die Staatsanwaltschaft Mannheim wollte sich dazu nicht äußern. Allem Anschein nach geht sie aber genau diesem Verdacht nach. EnBW selbst teilte am Donnerstag schriftlich mit: "Der in der Zeitung genannte Verdacht und die beschriebenen Vorwürfe gegen den Konzernchef sind in jeglicher Hinsicht haltlos und unbegründet. Die entsprechenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft basieren schon im Ansatz auf völlig falschen Annahmen. Dies ist eindeutig und zweifelsfrei urkundlich beweisbar." Eine weitere Stellungnahme wollte das Unternehmen auch auf Anfrage dazu nicht abgeben.

Claassen selbst hatte in jüngsten Presseberichten Spekulationen entschieden zurückgewiesen, er habe die wirtschaftliche Lage besonders dramatisch dargestellt, um später als strahlender Sanierer dazustehen. Er habe nichts schlecht gerechnet, die Vorwürfe seien absurd und substanzlos, hieß es. Nach dem Milliardenverlust in 2003 wies EnBW in diesem Januar für das Jahr 2004 nach vorläufigen Zahlen einen Vorsteuergewinn von 707 Millionen Euro aus.

"Eine Art Wunderheilung"

Hat sich also der der Sanierungsfall EnBW innerhalb kürzester Zeit wirklich zu einem kraftstrotzenden Konzern gemausert? Die erstaunliche Entwicklung komme einer "Art Wunderheilung" gleich, kommentierte die "FAZ" kürzlich, ohne damit die Sanierungsleistungen von Utz Claassen in Frage zu stellen. Solange die Vorwürfe gegen den Vorstandschef aber nicht abschließend geklärt seien, bleibe ein "schaler Nachgeschmack".

Vor diesem Hintergrund dürfte die für den 29. April angesetzte EnBW-Hauptversammlung für Claassen kein Spaziergang werden, zumal gestern erhebliche Kritik an seinem Gehalt laut geworden war. Nach Medienberichten hatten Verteter des Betriebsrates den französischen Großaktionär EdF überstimmt und Claassen ein üppiges Salär von knapp 4,2 Millionen Euro für das Geschäftsjahr 2004 bewilligt.

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