Volkswagen Gift im Glückskeks

Die Volkswagen-Aktionäre haben auf der Hauptversammlung des Konzerns wenig zu lachen: Mit staubtrockenen Vorträgen erklären Aufsichtsrat und Vorstand die Lage des Konzerns. Die hat sich zwar im ersten Quartal des laufenden Jahres etwas verbessert. Insbesondere im einstigen Wunderland China ist die Krise aber nicht ausgestanden.
Von Christian Buchholz

Hamburg - Volkswagen-Urgestein und Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch ist kein begnadeter Redner. Den Blick aufs Manuskript gesenkt, trägt er auf der Hauptversammlung des Volkswagen-Konzerns  am Donnerstagmorgen in Hamburg trocken die üblichen Personalien und Formalien vor.

Nur einmal gönnt er sich eine Kunstpause, ein verschmitztes Lächeln, vielleicht ist es Erleichterung. Piëch schnalzt mit der Zunge und sagt: "danke". Zuvor hatte er allen Mitarbeitern des Konzerns Dank und Anerkennung ausgesprochen - und das Publikum applaudierte. Kein aufbrausendes Klatschen zwar, aber unüberhörbar und überraschend.

Sanierer ab 1. Mai: Wolfgang Bernhard an der Seite von Bernd Pischetsrieder

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Die folgenden drei Quartale "auf jeden Fall besser": Bernd Pischetsrieder auf der Leinwand im Hamburger Kongresszentrum

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Wie wollen sie unsere Aktien aufpäppeln? Volkswagen-Aktionäre auf der Hauptversammlung

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Das Wichtigste auf vielen Seiten: Ausgabe der Volkswagen-Geschäftsberichte auf der Hauptversammlung im Hamburger Congresszentrum

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Foto: Christian Buchholz
Kalter Wind weht fast nur draußen: Anreise zur Volkswagen-Hauptversammlung

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Unter ihnen viele Niedersachsen: Volkswagen-Aktionäre in Hamburg

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Sportliche Figur: Prototyp des neuen Seat-Modells Leon

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580 PS brauchen im Stadtverkehr 33 Liter Benzin auf 100 Kilometer: Lamborghini Hochleistungssportwagen Morciélago

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Auch für Volkswagen-Kleinaktionäre bezahlbar: Hochdach-Golf-Version Golf Plus in der HV-Empfangshalle

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Blickfang zur Hauptversammlung: Der neue Audi A4 RS

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Sitzprobe im sportlichsten Audi: Sitzprobe im sportlichsten Audi

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Designed by Luc Donckerwolcke: Die Türen des Lamborghini Murciélago 6.2 werden zum Öffnen nach oben geklappt

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Weitgehend hell und freundlich
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Denn weder der Aktienkurs noch die Unternehmensentwicklung in den vergangenen Jahren geben den Aktionären Grund zur Freude, und Piëchs Weichenstellungen aus der Vergangenheit als Konzernchef haben daran ihren großen Anteil. Dass ihm nun Applaus entgegenschlägt an einer Stelle im Programm, an der DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp vor wenigen Tagen Totenstille übertönen musste, tut Piëch sichtlich gut.

Auch Vorstandschef Bernd Pischetsrieder, der im vergangenen Jahr am selben Ort noch von einem "miserablen Ergebnis" gesprochen hatte, strahlt auf der diesjährigen Hauptversammlung etwas mehr Zuversicht aus. "Unsere Modelloffensive war erfolgreich", sagt Pischetsrieder, das Konzernziel von mehr als fünf Millionen ausgelieferten Fahrzeugen konnte 2004 übertroffen werden.

"Größer werdende Krise in China"

Wolfgang Bernhard wird noch nicht sprechen

Der gebürtige Bayer lobt das Qualitätsprogramm "Volkswagen Excellence", weil es "Qualität und Zuverlässigkeit nachhaltig verbessert" habe. Mit erkennbarem Stolz verweist er auf seine Personalergänzung. Ein Coup, den er landete, als er den jungen und als knallharten Sanierer wahlweise gefeierten oder verschrieenen Wolfgang Bernhard holte, nachdem der bei DaimlerChrysler gefeuert worden war.

Nun soll Bernhard schon in zehn Tagen und damit früher als erwartet die Führung der Marke VW übernehmen. Eine Antrittsrede soll er heute dennoch nicht halten. "Aber es ist durchaus möglich, dass er auf Aktionärsfragen antworten wird", sagt ein Volkswagen-Sprecher.

Die Aktionäre haben womöglich einige Fragen an ihn. Denn insbesondere im für VW zweitwichtigsten Markt China zeigt die Marke alarmierende Schwächen. Zwar ist VW nach eigenen Angaben noch Marktführer - bei einem von etwa 50 Prozent binnen weniger Jahre steil abgestürzten Marktanteil bleibt das aber ein schwaches Ergebnis im Land, dass VW früher Geld und Glück brachte. Das kann auch Pischetsrieder nicht wegwischen, der den Aktionären erklärt: "Marktanteile sind uns wichtig, aber nicht um jeden Preis." So habe VW Rabattschlachten nicht mitgemacht.

"Volkswagen vor größer werdender Krise in China"

Die US-Investmentbank Goldman Sachs  hatte jüngst festgestellt, dass "Volkswagen vor einer größer werdenden Krise in China steht". Die Banker prognostizieren, dass der Verlust dort im Jahr 2005 mindestens 400 Millionen Euro betragen wird. Pischetsrieder hält die Prognose für weit übertrieben. Seine Erwartung ist vielmehr, dass der Konzern in China 2005 ein ausgeglichenes Ergebnis erreicht, verkündet er.

Pischetsrieder geht selbstkritisch mit dem Absatzeinbruch in China um: "Wir arbeiten mit Hochdruck daran, den VW-Konzern in China neu auszurichten." So soll das veraltete Vertriebsnetz verbessert werden, andere Modelle auf den Markt gebracht werden und die Marken schärfer getrennt werden. In China musste der Konzern einen Absatzeinbruch um rund 30 Prozent auf unter 100.000 Fahrzeuge wegstecken. Im vergangenen Jahr halbierte sich der VW-Gewinn auf dem Automarkt, der zu den am härtesten umkämpften der Welt zählt.

Auch insgesamt seien die Auslieferungen des Konzerns im März um 4 Prozent auf 495.000 Einheiten gesunken. Hauptursache sei der Absatzrückgang auf dem chinesischen Markt gewesen, meldete Volkswagen. Allein in China seien konzernweit im März rund 23.000 Fahrzeuge und im ersten Quartal rund 57.000 Fahrzeuge weniger ausgeliefert worden.

"Steigende Erträge"

"Steigende Erträge in den nächsten Quartalen"

Die schlechte Entwicklung bei den Absatzzahlen des ersten Quartals in China ist laut Pischetsrieder auch einer Umstellung der Statistik in der Region geschuldet. Während das Rekordquartal des Vorjahres auf den Auslieferungen an die chinesischen Händler basierte, beziehen sich die aktuellen Zahlen auf die Auslieferungen an Endkunden. Laut Pischetsrieder wirkt sich das zu Ungunsten von VW aus, weil die Bestände bei den Händlern abgebaut wurden.

Im weiteren Jahresverlauf erwartet Pischetsrieder steigende Erträge. Im ersten Quartal seien Anlaufkosten für die Modelle Golf Plus, Passat, Fox und Jetta zu verkraften gewesen. "Daher steht das Ergebnis des ersten Quartals für das niedrigste Quartalsergebnis dieses Jahres", sagt er. Die folgenden drei Quartale "werden auf jeden Fall besser ausfallen". Dies gelte sowohl für das operative Ergebnis wie auch für das Vorsteuerergebnis.

Weltweit gesehen zeigt der harte Sparkurs bei Volkswagen Wirkung: Der Autobauer verbesserte im ersten Quartal das operatives Ergebnis um 135 Millionen Euro oder 41,2 Prozent auf 464 Millionen Euro. Gleichzeitig fiel der Umsatz aber um 2,4 Prozent auf 21,1 Milliarden Euro. Die Vorstellung der Zahlen wird unterbrochen, weil Pischetsrieder mit einem Frosch im Hals kämpft. Ein Glas Wasser, das ihm Aufsichtsratschef Piëch reicht, hilft, die Stimme wieder fit zu bekommen: "Denken Sie nur nicht, es sei das Ergebnis, das mich heiser macht." Für unbefriedigend hält er die Zahlen aber doch.

Investitionen zurückgenommen

Der Konzern macht allerdings auch darauf aufmerksam, dass die Investitionen deutlich zurückgenommen worden sind. Die Verbesserung des Gewinns wurde im Wesentlichen durch die Einsparungen im Konzernbereich Automobile erreicht, zur Hälfte von der Markengruppe Volkswagen. Der Konzern zeigt sich zuversichtlich, mit dem Sparprogramm "ForMotion" das Ziel von 3,1 Milliarden Euro Einsparungen zu erreichen. 2004 war der operative Gewinn um 12 Prozent auf zwei Milliarden Euro gefallen, die Stammmarke VW schrieb rote Zahlen.

Wolfgang Bernhard, der heute noch nicht reden darf, wird ab dem 1. Mai offiziell Chef der Marken VW, Skoda und Bentley. Bei seinem ersten Auftritt vor den Aktionären sagte er, er wolle erst die Mitarbeiter über "gegebenenfalls erforderliche Maßnahmen" zur Profitabilitätssteigerung informieren.

Die andere Markengruppe aus Audi, Seat und Lamborghini wird von Martin Winterkorn geführt. Insgesamt wird der Konzernvorstand nach einer heute von Pischetsrieder herausgegebenen Meldung auf sechs Personen verkleinert. Produktionschef Folker Weißgerber und der Entwicklungschef der Marke VW, Wilfried Bockelmann werden nach ihrem Ausscheiden nicht ersetzt.

Qualitätsproblem wie bei Mercedes

Höhere Dividende, Champagner statt Wasser

Hansgeorg Martius, Vorstand der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) macht Konzernchef Pischetsrieder in der Aktionärs-Fragestunde ein Kompliment: "Wir sind positiv überrascht - auch von Ihrer Aussage, dass dieses Quartal das schlechteste des Jahres sein wird." Ein großer Kritikpunkt seien allerdings die Verluste im US-Geschäft. Hier bestehe Handlungsbedarf.

Von 15 Milliarden Euro in 2003 sank der Umsatzerlös in der Region um 11,3 Prozent auf 13,3 Milliarden. Pischetsrieder hatte in seiner Rede darauf hingewiesen, dass mit der Einführung neuer Modelle des Passat und des in den USA beliebten Jetta eine Trendwende zu schaffen sein sollte. "Weniger Incentives, mehr Erlös", prognostiziert der Konzernchef für den US-Markt.

Ulrich Hocker, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW), kritisiert die "zurecht in Moll kommentierten Zahlen". Der Konzern habe seine Ertragsprognosen "im Großen und Ganzen verfehlt". Unruhe entstehe auch, weil die Aktionärsstruktur aus Sicht von Hocker "in Bewegung gekommen ist". Mit den Scheichs von Abu Dhabi, die von Pischetsrieder im vergangenen Jahr als kommende Großaktionäre avisiert worden waren, gebe es nun "nur eine Kooperation". Wie diese sich künftig entwickeln soll, will Hocker wissen. Abschließend forderte er nach der in diesem Jahr "eingefrorenen Dividende" von 1,05 Euro eine höhere im kommenden Jahr. "Dann sollte Herr Piëch Herrn Pischetsrieder Champagner reichen statt Wasser", sagte Hocker in Anspielung auf den Heiserkeitsvorfall.

Fondsmanager: Massive, aber nicht unlösbare Probleme

Ein Bündel Kritisches hatte Thomas Körfgen von SEB Invest zusammengetragen, die 400.000 Volkswagen-Aktien verwaltet. Vor Jahren, so der Fondsmanager, sei es "undenkbar gewesen", dass Volkswagen im wichtigen CSI-Index (Customers Satisfaction Index / Kundenzufriedenheit) von J.D. Powers hinter Citroen und Kia im hinteren Drittel landen könnte. Im Jahr 2004 aber sei dies passiert. Ein Indiz für Körfgen, dass "Mercedes nicht als einziger deutscher Konzern mit Qualitätsproblemen zu kämpfen hat". Der Autospezialist forderte zudem, dass der Konzern "sein teures Hobby Bugatti" aufgebe und wie mit den Luxuslimousinen von Bentley Gewinn erzielt werden könne, müsse ebenfalls erst noch bewiesen werden.

"Volkswagen war im vergangenen Jahr die zweitschlechteste Aktie im Dax und erreichte ein dividendenbereinigtes Minus von 22 Prozent", sagte Körfgen, der mit einer kritischen Salve auf der vergangenen DaimlerChrylser-Hauptversammlung bereits von sich Reden gemacht hatte. VW kämpfe mit massiven Problemen - die aber nicht unlösbar seien. So schlug Körfgen vor, Volkswagen solle dafür sorgen, dass die Zulieferindustrie steigende Rohstoffkosten in höherem Maße selbst trage und somit für den Konzern "mit abfedert". Konkret verwies auf den Dax-Wert Continental , dessen Performance seit einem Jahr über alle anderen Mitgliedern des Index liegt.

Nach Vorlage der Quartalszahlen am Vorabend und dem Abschluss des Umbaus an der Konzernspitze stiegen Volkswagen-Aktien während der Hauptversammlung zeitweise um 2,28 Prozent auf 33,70 Euro.