Falk-Prozess Musketiere und Totengräber

Endet der Falk-Prozess vorzeitig oder dauert er noch ewig? Vorsorglich hat Richter Berger 57 weitere Tage terminiert. Am 21. Verhandlungstag sagte der Angeklagte Ralph S. aus. Dessen erster Kontakt zu Falk geriet zum Fiasko - dennoch erwies S. Falk heute einen Bärendienst. Auch der Grund für den Antrag auf Falks Privatinsolvenz wurde heute klarer.
Von Karsten Langer und Martin Scheele

Hamburg - Es gibt noch viel zu tun. Besonders im Falk-Prozess, denkt sich offenbar Richter Nikolaus Berger. Er hat sage und schreibe 57 weitere Verhandlungstage bis Ende Dezember dieses Jahres terminiert. Ein Paukenschlag zum Anfang des heutigen 21. Prozesstages.

"Das ist nur eine voraussichtliche Planung des Gerichts, nur eine grobe Übersicht, um nicht unter Druck zu geraten", erklärt ein Pressesprecher des Landgerichts Hamburg auf Nachfrage von manager-magazin.de.

Berger kommt mit der Terminierung gewissermaßen den Falk-Verteidigern entgegen; sie hatten deutlich mehr Verhandlungstage gefordert. Zum Teil wurde nur an vier Tagen im Monat verhandelt, nun ist der avisierte Durchschnitt: sieben Tage.

Den Eindruck, den damit das Landgericht - ob gewollt oder ungewollt - vermittelt, ist klar: Von einem vorzeitigen Ende des Prozesses kann keine Rede sein. Falks Verteidiger Gerhard Strate ist sich dennoch sicher: "Der Prozess wird garantiert früher beendet sein, darauf wette ich zwölf Flaschen Champagner", sagte er gegenüber manager-magazin.de. Fragt sich nur noch, wer jetzt gegen ihn wettet.

Als Grund für seine Gewissheit nennt Strate: "Die Richter werden in ihrem Datenmaterial ertrinken." Von Alexander Falk weiß er zu berichten: "Herr Falk würde, wenn es sein muss, auch noch für weitere drei Jahre in Haft bleiben. Er will eine Rehabilitation und keinen faulen Kompromiss."

Schnittig: Falk auf der Flicca II

Schnittig: Falk auf der Flicca II

Foto: YACHTBILD - Kai Greiser
Aus dem Ruder gelaufen: Auf seinem Schiff war Falk stets Kapitän

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Foto: YACHTBILD - Kai Greiser
Gruppenbild mit Skipper: Falk im Kreise seiner Crew

Gruppenbild mit Skipper: Falk im Kreise seiner Crew

Foto: YACHTBILD - Kai Greiser
Mondän: Falks Villa in Hamburg

Mondän: Falks Villa in Hamburg

Foto: Clemens von Frentz
Vergangenheit: Ehemalige Distefora-Zentrale in Hamburg

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Foto: Clemens von Frentz
Einst Teil des Falk-Imperiums: Bankhaus Hornblower Fischer

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Foto: AP
Falks unfreiwillige zweite Heimat: Untersuchungsgefängnis in Hamburg

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Foto: CLEMENS VON FRENTZ
Nikolaus Berger: Vorsitzender Richter im Strafverfahren gegen Alexander Falk

Nikolaus Berger: Vorsitzender Richter im Strafverfahren gegen Alexander Falk

Foto: DDP
Einer von vielen: Falk-Aktenordner

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Foto: DDP
Verschwunden: Das Börsensegment "Neuer Markt", auf dem auch Falk agierte, gibt es unter diesem Namen nicht mehr

Verschwunden: Das Börsensegment "Neuer Markt", auf dem auch Falk agierte, gibt es unter diesem Namen nicht mehr

Foto: DPA
Grundstein: Der Falk-Verlag, den Alexander verkaufte, brachte das Kapital für seine Börsenaktivitäten

Grundstein: Der Falk-Verlag, den Alexander verkaufte, brachte das Kapital für seine Börsenaktivitäten

Käufer des Falk-Verlags: Die Bertelsmann-Gruppe aus Gütersloh

Käufer des Falk-Verlags: Die Bertelsmann-Gruppe aus Gütersloh

Foto: DPA
Aktenberge: Eine Justizbeamtin sortiert Falk-Ordner

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Foto: DDP
Für Falk stehen die Ampeln derzeit auf Rot: Landgerichtsgebäude in Hamburg

Für Falk stehen die Ampeln derzeit auf Rot: Landgerichtsgebäude in Hamburg

Foto: Karsten Langer
Gegossen, aber ewig: Alexander Falk Holding

Gegossen, aber ewig: Alexander Falk Holding

Foto: Clemens von Frentz
Noch ein Ordner: Die Aktenlage ist umfangreich

Noch ein Ordner: Die Aktenlage ist umfangreich

Foto: DDP
Angeklagt: Verlagserbe Alexander Falk

Angeklagt: Verlagserbe Alexander Falk

Foto: DPA
Prozessvorbereitung: Ordner in Reih' und Glied

Prozessvorbereitung: Ordner in Reih' und Glied

Foto: DDP


Bilder aus dem Leben eines
Ex-New-Economy-Stars

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Der Prozess wird heute um 9.40 Uhr fortgeführt. Wie geplant beginnt der Mitangeklagte Ralph S. mit seiner Einlassung. Am Anfang steht die Erwähnung seiner persönlichen Daten. S., Jahrgang 1965, ist von Beruf Physiker und Mathematiker, er hat ein Diplom in Kernphysik gemacht. Der verheiratete Vater zweier Kinder arbeitete seit 1995 in einem Unternehmen namens Broadcasting Consulting Systems (BCS), das in Kiel ansässig war und später in der Bluetrix aufging.

Worüber sich Falk und Ralph S. heftig stritten

"Ich habe die Systeme nicht gekannt"

Im Juli 1999 kaufte ein Unternehmen namens Oltech 50 Prozent der Anteile an BCS , Oltech wiederum wurde von Distefora gekauft. Die Distefora-Holding war die Schaltzentrale des Imperiums von Alexander Falk. Mitte Oktober 1999 wurde BCS zu 100 Prozent von der Oltech und damit von der Distefora übernommen. Der Kontakt zu diesem Geschäft sei über Dirk W. zu Stande gekommen, berichtet S. vor Gericht. Dirk W. sitzt ebenfalls als Angeklagter im Gericht.

S. wurde auf einen Schlag ein vermögender Mann. Er erhielt nach eigenen Angaben für seine Anteile am Unternehmen 600.000 Mark, die S. nach eigenen Angaben zum Teil in die BCS reinvestierte. Trotz des Geldsegens verlief der Kauf nach Meinung von S. alles andere als angenehm. So sei er von einer Mitarbeiterin von Falk aufgefordert worden, eine Präsentation auf einem Investorentag durchzuführen. S. sah sich dazu außer Stande. "Ich habe Powerpoint nur rudimentär beherrscht und hatte auch keine Zeit", erzählt der Angeklagte vor Gericht.

Rechtsanwältin Annette Voges vertritt den Angeklagten Dirk W.

Rechtsanwältin Annette Voges vertritt den Angeklagten Dirk W.

Foto: mm.de
Letzte Vorbereitungen: Rechtsanwältin Voges (r.) mit einer Kollegin

Letzte Vorbereitungen: Rechtsanwältin Voges (r.) mit einer Kollegin

Foto: mm.de
Koffer auspacken: Rechtsanwalt Gerhard Strate (l.) und Kollege Thomas Bliwier

Koffer auspacken: Rechtsanwalt Gerhard Strate (l.) und Kollege Thomas Bliwier

Foto: mm.de
Neu dabei: Anwalt Sven Thomas und sein Mandant Alexander Falk

Neu dabei: Anwalt Sven Thomas und sein Mandant Alexander Falk

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Beweisantrag gestellt: Sven Thomas

Beweisantrag gestellt: Sven Thomas

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Kurz vor Beginn des Verhandlungstages: Anwaltsriege

Kurz vor Beginn des Verhandlungstages: Anwaltsriege

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Prozessbeteiligte
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Zu diesem Zeitpunkt lernt er Falk das erste Mal kennen. S. bleibt die Erfahrung sehr nachdrücklich in Erinnerung. "Ich wurde von Herrn Falk massiv unter Druck gesetzt, diese Präsentation zu halten, Herr Falk schrieb mir E-Mails mit derben Ausdrücken".

S. lässt sich schließlich überreden. Während er selbst mit sich zufrieden ist, stößt seine Arbeit bei Falk auf wenig Gegenliebe. "Ich fand meine Arbeit gut, Falk fand sie entsetzlich", sagt S., der zu diesem Zeitpunkt sehr aufrichtig wirkt. Eine folgenreiche Konsequenz hatte diese Auseinandersetzung mit Falk. Der New-Economy-Unternehmer bricht den Kontakt zu S. komplett ab. "Wenn ich in die Distefora-Zentrale an der Palmaille kam, war ich für Herrn Falk Luft", so S. weiter. Und gebraucht noch ein stärkeres Bild um "die Scheidung" darzustellen. "Der Kreis der Musketiere hat sich mir verschlossen."

Von 10 Uhr an beschreibt S. detailliert - selbst genaue Tageszeiten weiß er noch - wie sich die Geschäfte von BCS, die später unter dem Namen Bluetrix firmierte (S. wurde Geschäftsführer der Distefora-Tochter) und des Regionalsenderprojekts TV-Nordrhein-Westfalen (TV-NRW) entwickelten. S. erwähnt, dass er zu dieser Zeit nur mit Dirk W. zu tun hatte, nicht mehr mit Falk.

Mehrfach betont er, dass er seine Sorgfaltspflichten als Geschäftsführer auf das Genaueste erfüllt habe. "Von Scheinumsätzen kann keine Rede sein", unterstreicht S. "Das waren reale Geschäfte". Im Gegensatz zu Ex-Ision-Finanzvorstand Maarten R., der sich heute blendend mit Falk versteht, belastet S. damit Falk nicht. Seine Aussage wirkt auf den ersten Blick stichhaltig und schlüssig. In seiner Erscheinung eines jung gebliebenen, aber seriös auftretenden 40-Jährigen wirkt er nicht wie jemand, der vorsätzlich Straftaten begehen würde.

"Nur Pro forma nach AGB bilanziert"

Das verschachtelte Firmenimperium des Alexander Falk ist gleichfalls Thema seiner Ausführungen. So sollte BCS eigentlich von einer GmbH in eine Holding umgewandelt werden. Dafür seien schon die Spitzenposten personell festgelegt worden. Dirk. W. sollte Sprecher der Geschäftsführung werden, Michael B. für die technischen Fragen zuständig und er, S., für das Marketing - und damit verantwortlich für das Projekt TV-NRW.

Doch diese Absicht wurde gesellschaftsrechtlich nie in die Tat umgesetzt. "Das war nur ein Label, die BCS bestand nach wie vor als GmbH. Wir haben zum Beispiel die gesamte Materialbeschaffung erledigt. Das erklärt auch, warum es auf den Geschäftskonten der BCS so starke Umsatzbewegungen gab", so S.

Diese Äußerung muss man vor dem Hintergrund sehen, dass die starken Umsätze auf den Konten der Bluetrix vom Gericht als Beweis für Scheinumsätze gewertet werden. Nach Angaben von S. wurden die BCS-Konten von der Distefora aber benutzt, um Verluste anzuhäufen. Die Gewinne der BCS wurden auf andere Firmen verteilt. Den Exkurs über das Bilanzgebaren des Falkschen Firmengebildes setzt S. mit der Bemerkung fort: "Hubertus W. [Berater von Falk, wegen Erkrankung ist das Verfahren gegen ihn eingestellt worden, Anm.d.Red.] sagte mir einmal: 'Die Distefora bilanziert nur Pro forma nach AGB.'

Ralph S., "die Totengräber" und Clifford Chance

"Theo Baltz wollte Programmdirektor werden"

Auch zu dieser Zeit scheint das Verhältnis zwischen Falk und S. weiter gestört. S.: "Im Nachhinein warf mir Falk vor, bei der BCS so immense Schulden angehäuft zu haben."

Bezüglich des Projektes TV-NRW, dem größten von Bluetrix, unterstreicht der Ex-Geschäftsführer seine besonderen Verdienste. "Die technischen Komponenten waren dazu geeignet, einen gewinnträchtigen Geschäftsverlauf gegenüber Konkurrenten zu bewirken." Vor allem die Übertragungstechnik sei günstiger als die der Konkurrenten gewesen, schildert Marketingmann S. seine Sicht der Dinge. "Von der technischen Seite her waren wir im August 2000 startklar."

Noch wenig los am Beginn des 13. Prozesstages

Noch wenig los am Beginn des 13. Prozesstages

Foto: mm.de
Beratung: Alexander Falk mit seinen Anwälten Gerhard Strate (l.) und Thomas Bliwier

Beratung: Alexander Falk mit seinen Anwälten Gerhard Strate (l.) und Thomas Bliwier

Foto: mm.de
Moment der Entspannung: Alexander Falk geht in sich

Moment der Entspannung: Alexander Falk geht in sich

Foto: mm.de
Morgendliches Ritual: Falk begrüßt seine Verteidiger

Morgendliches Ritual: Falk begrüßt seine Verteidiger

Foto: mm.de
In Diskussion vertieft: Falk, seine Anwälte und der Angeklagte Maarten R.

In Diskussion vertieft: Falk, seine Anwälte und der Angeklagte Maarten R.

Foto: mm.de
Alle Argumente nochmal geprüft? Falk mit seinem Anwalt Thomas Bliwier

Alle Argumente nochmal geprüft? Falk mit seinem Anwalt Thomas Bliwier

Foto: mm.de
Geheime Besprechung: Anwälte im Falk-Prozess

Geheime Besprechung: Anwälte im Falk-Prozess

Foto: mm.de
Vor kurzem Renovierung abgeschlossen: Plenarsaal 300 des Hamburger Landgerichts

Vor kurzem Renovierung abgeschlossen: Plenarsaal 300 des Hamburger Landgerichts

Foto: mm.de
Ohne Aktenmaterial geht nichts: Falk mit seinen Anwälten

Ohne Aktenmaterial geht nichts: Falk mit seinen Anwälten

Foto: mm


Eindrücke vom Prozess:
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Bis Anfang September 2000 sollte die Lizenz für die Einspeisung des Regionalsenders sowohl in das Kabelnetz als auch in das Satellitennetz erteilt werden. In diesem Zusammenhang erwähnt S. auch Theodor Baltz, Ex-Ehemann von Sabine Christiansen, der laut einem Memo gerne Programmdirektor von TV-NRW werden wollte. "Herr Baltz fädelte eine Kooperation mit den Verlagen WAZ und Dumont Schauberg ein. Das geht aus diversen Schreiben hervor", erzählt S. Die beiden Verlage wollten sich an TV-NRW beteiligen, um keinen zu starken Konkurrenten im lokalen Anzeigengeschäft zu haben.

Hintergrund: Ein Ermittlungsverfahren gegen Baltz wegen des Verdachts der Beihilfe wurde eingestellt. In diesem Ermittlungsverfahren ging es um den angeblichen Relaunch der Website von Sabine Christiansen - und angeblich überhöhte Rechnungen von Ision .

Wie bekannt, wurde das Projekt TV-NRW nie realisiert. S. erwähnt, dass ihm nach einem Telefonat zwischen Dirk W. und Falk klar wurde, dass die Distefora kein Kapital für den Kauf von Content zur Verfügung stellen wollte. Dieser Streit sei aber später beigelegt worden. Gleichsam geheimnisvoll bleibt S. zu diesem Zeitpunkt mit der Schilderung der Gründe, die zu der Nichtverwirklichung des Projektes führten.

Falk streckt siegesgewiss seinen Daumen in die Höhe

"Am 19. September 2000 war das Projekt gestorben, die wahren Totengräber werden uns noch erklären, warum TV-NRW, das in den Forcat-Bilanzen immerhin mit 14 Millionen Mark bewertet wurde, trotz intensiver Arbeit und der Genehmigung der Landesmedienanstalt abgeblasen wurde." Kritiker des Projekts weist S. rückblickend in die Schranken. "Die Ernsthaftigkeit des Projekts erkennt man daran, dass diverse Konkurrenten sich um den Sendeplatz bewarben."

An dieser Stelle bringt S. die Rechtsanwaltskanzlei Clifford Chance Pünder ins Gespräch. Vertreter der Kanzlei sitzen derzeit als Adhäsionsantragsteller im Gericht. Noch bevor S. den Namen der Sozietät zum ersten Mal erwähnt, dreht sich Falk in Richtung Zuschauerraum um und streckt einen Daumen siegesgewiss nach oben.

"Clifford Chance hat damals ein Bewerberkonsortium vertreten", erzählt S. Nachdem aber klar wurde, dass sie bei der Landesmedienanstalt NRW keine Chancen auf die Sendelizenz haben würden, seien sie ausgestiegen. Für S. ist der damalige Vorgang offenbar an Pikanterie nicht zu überbieten: "Clifford Chance, die selbst um einen Sendeplatz kämpften, sagen heute, dass es sich bei TV-NRW um ein Luftschloss handele, dass nur Scheinumsätze generiert habe."

Londons Börsenchefin als Zeugin im Gespräch

Wie Staatsanwälte und Verteidiger sich bekämpfen

Nach einer einstündigen Mittagspause wird der Prozess um 13.10 Uhr fortgesetzt.

Weil eine Verteidigerin von Ralph S. einen anderen Termin wahrnehmen muss, wird S.'s Einlassung erst am kommenden Prozesstag fortgeführt. Jetzt ist die Zeit für Staatsanwälte und Verteidiger gekommen, sich zu Anträgen der vergangenen Verhandlungstage zu äußern.

Staatsanwältin Nana Frombach schmettert die vorangegangenen Beweisanträge der Verteidigung mit dem schlichten Fazit ab: "Es ist durchaus ein Vermögensschaden bei Energis festzustellen." Ihr Kollege Heyner Heyen setzt sich mit den Vorwürfen der Falk-Verteidigung auseinander, Energis sei ein stark angeschlagenes Unternehmen gewesen, das beim Kauf von Ision, Aktien geringeren Wertes ausgetauscht habe. Heyen: "Der innere Wert der Energis war hoch, Ision war fast pleite, Energis dagegen ein solides finanziertes Unternehmen."

Nicht verwunderlich, dass die Falk-Verteidigung darauf repliziert. Rechtsanwalt Sven Thomas wirft in seinem Kurzvortrag erstmal mit Millionensummen und Rechenbeispielen nur so um sich, dass einigen Zuhörern fast schwindelig wird. Schlussendlich zieht er das Resümee, dass nicht Ision, sondern vielmehr Energis nicht den Wert hatte, den es selbst präsentiert hat. "Es ist kein Vermögensschaden eingetreten", sagt Thomas.

Kein Verhandlungstag vergeht, ohne dass ein Antrag gestellt wird. Diese Tatsache beweist sich auch heute. Thomas will keine Geringere als Clara Furse einbestellen, die Vorstandschefin der Londoner Börse. Auch sie soll dazu beitragen, dass Richter und Staatsanwälte erkennen, dass Energis ein Unternehmen ist, das mit "Buchungsmanipulationen" gearbeitet habe. Ebenfalls will Thomas einen Sachverständigen der Investmentbanken Goldman Sachs , Lehman Brothers  oder Merrill Lynch laden, um die Rechtmäßigkeit des Kaufvertrags in allen Einzelheiten zu klären.

Später Nutzen des Falk-Insolvenzverfahrens

Nach einer kurzen Pause geht um 14.25 das Antragsgeplänkel weiter. Gewissermaßen im Kontrast zu der Flut der Verteidigeranträge fordert Falks Verteidiger Thomas Bliwier das Gericht auf, das Verfahren zu beschleunigen. Er wiederholt den Vorwurf, dass selektiv Akten an Clifford Chance herausgegeben wurden.

Wider Erwarten bekommt der allseits bekannte Schlagabtausch dann doch noch eine erkenntnisreiche Note. Denn offenbar war es eine Falk nahe stehe Person, die den Antrag auf Privatinsolvenz über dessen Privatvermögen Anfang März gestellt hat. Einerseits darf Falk zwar so nicht mehr über sein Vermögen verfügen, andererseits werden Maßnahmen zur Zwangsvollstreckung einschließlich der Vollziehung eines Arrests untersagt. Mehr noch: Nach Ansicht von Anwalt Thomas haben die Adhäsionsantragsteller von Clifford Chance für die Zeit der Insolvenzantragsstellung kein Recht, als Adhäsionskläger im Verfahren aufzutreten. Sollte Thomas Recht haben, müssten die fünf Verhandlungstage im März wiederholt werden.

Genau das fordert der Anwalt. Auf Gegenliebe der Kammer stößt er mit seinem Antrag nicht. Richter Berger sagt, dass die Kammer schon zu dem Beschluss gekommen sei, den Antrag abzulehnen. Darauf entspinnt sich ein reger Schlagabtausch zwischen den streitenden Parteien, in dessen Verlauf Anwalt Jürgen Taschke der Sozietät Clifford Chance das erste Mal seine Stimme erhebt, ohne nach dem ersten Wort von der Falk-Verteidigung niedergebrüllt zu werden. Die Verteidigung vertrat bisher die Auffassung, dass die Vertreter der Adhäsionsklage im Verfahren kein Rederecht hätten. Ebenso wie die Kammer und die Staatsanwaltschaft lehnt Taschke den Antrag von Thomas ab.

Der besteht aber auf seiner Forderung, die Verhandlungstage im März wiederholen zu lassen. Andernfalls sei der Adhäsionskläger vom Verfahren auszuschließen. Richter Berger nimmt schließlich sichtlich genervt den Antrag im Protokoll auf. Um 15.30 Uhr schließt er die Sitzung. Nächster Verhandlungstermin ist Donnerstag, der 21. April.

Hintergrund zum Verfahren

Falk muss sich neben fünf weiteren Angeklagten seit Anfang Dezember vor dem Hamburger Landgericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft dem studierten Betriebswirt und Politologen im Zusammenhang mit dem Verkauf seines Internet-Unternehmens Ision Kursmanipulation, Betrug und Steuerhinterziehung vor. Falk soll den Wert von Ision durch Scheingeschäfte künstlich in die Höhe getrieben haben, um einen weit überhöhten Verkaufspreis zu erzielen.

Das britische Unternehmen Energis kaufte Ision Ende 2000 für 762 Millionen Euro. Die Anklage beziffert den Mindestschaden für Energis auf etwa 47 Millionen Euro. Falk droht bei einer Verurteilung eine Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren.

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