Nokia Heimspiel im Eispalast

Hat der Handyhersteller Nokia das Gespür für Design verloren? Die Aktionäre des Weltmarktführers machten sich auf der Hauptversammlung ernsthaft Sorgen. An Nokia-Chef Jorma Ollila perlte die Kritik jedoch ab - wie das Wasser an den Gummistiefeln, mit denen die Finnen einst ihr Geld verdienten.

Helsinki - Er fällt kaum auf, wenn er den Saal betritt. Umringt von seinen Kollegen, wirkt der Mann mit Brille und Halbglatze nur wie einer von vielen. Sitzt er dann in einer Reihe mit den übrigen Vorstandsmitgliedern, sticht der 54-Jährige nur dadurch hervor, dass er sichtbar kleiner ist als die anderen.

Die Rede ist von Jorma Ollila, Vorstandschef des weltweit führenden Handyherstellers Nokia . Mit Kameras und Blitzlichtern hat er Erfahrung, schließlich steht der Finne nun schon seit 1992 an der Spitze des Unternehmens. Doch von Selbstinszenierung hält er gar nichts, wie Ollila einmal mehr bei der Nokia-Hauptversammlung am Donnerstag in einem Eishockeystadion in Helsinki demonstriert. Die Fotografen warten vergebens auf eine lässige Pose, ein Lächeln oder zumindest ein Augenzwinkern des Firmenbosses. Ollila ignoriert die Pressemeute einfach.

Ähnlich distanziert tritt er den rund 2000 anwesenden Aktionären gegenüber. Ollila redet schnörkellos, auf Metaphern verzichtet er völlig - mit einer Ausnahme. Die wachsende Konkurrenz, insbesondere aus Asien, verleitet ihn zu dem Satz: "Der Wettbewerb ist so heftig wie ein Lokalderby hier in dieser Eishockeyarena." Was die Substanz seiner Ausführungen anbelangt, zeigt sich Ollila ebenfalls sparsam. In dem neunseitigen Manuskript seiner Rede, die nur rund 30 Minuten dauert, widmet er gerade einmal zwei Seiten der Darstellung seiner künftigen Strategie.

Strategische Ziele nur vage angerissen

Einiges spricht dafür, dass der Mobilfunkkonzern seine Expansion in Wachstumsmärkten wie Indien, Russland, China und Lateinamerika fortsetzt. Am Mittwoch hatte Nokia verkündet, dass im indischen Chennai eine neue Handy-Produktionsstätte entstehen soll. Doch das erwähnt Ollila eher am Rande.

Ein zentrales strategisches Ziel, erklärt Ollila vage, sei die Konzentration auf Spitzenprodukte. Nokia werde in diesem Jahr wieder "einige neue mobile Geräte" auf den Markt bringen, darunter zehn UMTS-Telefone. "Wir werden uns auch in der Zukunft auf unsere Kerngeschäfte konzentrieren", fährt der Nokia-Chef fort.

Was jedoch zum Kerngeschäft gehört und was nicht, erläutert Ollila nicht näher. Mit keinem Wort erwähnt er etwa den Taschencomputer N-Gage, mit dem Nokia einen Ausflug auf den Markt der Spielekonsolen wagte - und seit Oktober 2003 nur rund 1,4 Millionen Geräte verkauft hat. Zum Vergleich: Konkurrent Nintendo setzte bereits innerhalb der ersten 14 Tage nach Verkaufsstart 500.000 Modelle seiner neuen Konsole Nintendo DS ab - allein in Europa.

Allerdings fällt es kaum jemandem auf, wenn der Vorstandschef auch mal ein Thema weglässt. Denn Ollila, als passionierter Tennisspieler bekannt, spricht in sportlichem Tempo. Wenn er Zahlen präsentiert, veranschaulicht er seine Ausführungen mit Grafiken auf Großleinwänden. Doch man hat kaum die Zeit, die Überschrift eines solchen Schaubildes zu lesen, da redet Ollila schon über die nächste Grafik.

Aktienrückkauf für fünf Milliarden Euro

Aktienrückkauf für fünf Milliarden Euro

Der Umsatz des Mobilfunkriesen ist im vergangenen Jahr um 1 Prozent auf 29,3 Milliarden Euro gesunken, der Gewinn schrumpfte gar um 14 Prozent auf 4,3 Milliarden Euro. "Der Rückgang des Gewinns lag in erster Linie an der verschlechterten Rentabilität und dem gesteigerten Preisdruck in der Mobiltelefon-Sparte", sagt Ollila. Positiver sei es in den Bereichen Multimedia und Netzwerke gelaufen. Punkt. Nächstes Schaubild.

Als wichtige künftige Strategie nennt Ollila die Verbesserung der Kundenzufriedenheit. Insbesondere wolle das Unternehmen maßgeschneiderte Produkte anbieten. Beispiel: das Modell 6102, das Nokia speziell für Nutzer in China entwickelt hat. Doch was Ollila als Kundenoffensive präsentiert, stellt für Kritiker einen fragwürdigen Kurswechsel dar. Der einstige Handytrendsetter Nokia verrichtet neuerdings Auftragsarbeit für Mobilfunkbetreiber - im Fall des 6102er-Handys für den Netzanbieter China Mobile.

Einige Aktionäre befürchten außerdem, Nokia habe das Gespür für Designtrends verloren. Nachdem Konkurrenten wie Motorola  oder Samsung  große Erfolge mit Klapphandys erzielten, hat Nokia inzwischen nachgezogen und ähnliche Modelle auf den Markt gebracht. Doch auch jetzt noch sei das Angebot "nicht konkurrenzfähig genug", kritisiert ein Anteilseigner, "man muss sich bloß die stilvollen Modelle von Samsung ansehen". Dagegen seien die Nokia-Geräte "etwas zu eckig und zu groß".

Nokia-Chef Ollila zeigt sich unbeeindruckt von solcher Kritik. Ungern diskutiert der Nokia-Chef seine Zukunftspläne. Er bevorzugt es, über die Vergangenheit zu reden: "Wir waren die Ersten, die farbige Handyschalen eingeführt haben". Zudem sei Nokias Weltmarktanteil von 34 Prozent "ein Zeichen, dass wir auf dem richtigen Weg sind". Dass der Handykonzern im Jahr 2003 noch einen Anteil von 38 Prozent hatte, lässt Ollila unerwähnt. Ebenso zieht er es vor, die ursprünglich gesetzte Zielmarke von 40 Prozent nicht erneut zu nennen.

Doch scheint ihm das kaum jemand übel zu nehmen. Das fünf Milliarden Euro schwere Aktienrückkaufprogramm passiert die Hauptversammlung ohne Probleme. Die Hoffnungen der Aktionäre ruhen also immer noch auf Jorma Ollila - auch wenn die spärliche Dividende von 33 Cent je Aktie einigen Anteilseignern sauer aufstößt. Nach wie vor gilt er für viele Finnen als Personifizierung von Aufschwung und Erfolg. "Ich weiß jedenfalls keinen besseren Kandidaten", sagt Aktionär Tapio Savolainen. Größere hausgemachte Probleme sieht er nicht. "Die Leute sind von Nokia exzellente Ergebnisse gewohnt", sagt Savolainen. Doch nun, da der finnische Mobilfunkkonzern auch mal Schwächen zeigt, stelle sich eben heraus: "Nokia ist ein Unternehmen wie jedes andere".