DaimlerChrysler Der große Vertröster

DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp hat seine Hauptversammlung routiniert im Griff behalten. Er wehrte selbst Angriffe wichtiger Investoren ab und gab lieber die Rolle des Moderators, als sich dem Unmut zu stellen. Dabei war die Kritik heftig: Einige Aktionäre forderten seinen Rücktritt.
Von Karsten Stumm

Berlin - Thomas Körffgen hatte sich vorbereitet. Auf der Hauptversammlung von DaimlerChrysler , das hatte sich der Fondsmanager der SEB Invest fest vorgenommen, wollte er zum Angriff übergehen.

Sein Ziel: DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp. "Fünf Jahre Misswirtschaft sind genug", sagte Körffgen am Rande der Hauptversammlung zu manager-magazin.de.

Immer wieder brächen an immer neuen Stellen des Konzerns Probleme auf, immer wieder würde Besserung für die Zukunft versprochen - doch getan habe sich nichts, außer dass die Vorstandsbezüge in diesem Jahr um mehr als 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesunken seien. "Mich interessiert mal, wie viele Vorstände aufgrund der Misswirtschaft von Herrn Schrempp im vergangenen Jahr Einkommenseinbußen hinnehmen mussten", sagt Körffgen.

Als der Fondsmanager diesen Satz wenig später in Saal 1 des Berliner Kongresszentrums wiederholt, am Rednerpult, im vollen Scheinwerferlicht, scheint sich die Stimmung auf der Hauptversammlung des DaimlerChrysler-Konzerns erstmals gegen den Vorstandschef zu drehen.

"Total inakzeptable Ergebnissituation": Jürgen Schrempp spricht am Morgen in Berlin

"Total inakzeptable Ergebnissituation": Jürgen Schrempp spricht am Morgen in Berlin

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Werben um die Sympathie der Aktionäre: "Ihr Unternehmen"

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Genügend Unterstützer: Jürgen Schrempp mit Aufsichtsratschef Hilmar Kopper

Genügend Unterstützer: Jürgen Schrempp mit Aufsichtsratschef Hilmar Kopper

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Der Vormann und seine Statthalter: Mercedes-Chef Eckhard Cordes, Konzernchef Jürgen Schrempp und Chrysler-Chef Dieter Zetsche

Der Vormann und seine Statthalter: Mercedes-Chef Eckhard Cordes, Konzernchef Jürgen Schrempp und Chrysler-Chef Dieter Zetsche

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"Schönreden gehört zur Unternehmenskultur": Aktionäre nehmen Schrempp auf der Hauptversammlung im ICC Berlin ins Visier

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Eingespielte Partner: Jürgen Schrempp und Vorstandsmitglied Jürgen Hubbert

Eingespielte Partner: Jürgen Schrempp und Vorstandsmitglied Jürgen Hubbert

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Scharfe Schelte und genügend Unterstützer:
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Zwischenrufe unterbrechen Körffgen ab diesem Zeitpunkt immer wieder in seiner Rede, sei es bei den angeführten Qualitätsproblemen von Mercedes oder dem Milliardendesaster der Automarke Smart. "Die sollen die Produktion der Rikscha mit Hilfsmotor endlich dichtmachen", ruft ein Aktionär. Der Mann kann sich kaum beruhigen.

SEB-Fondsmanager Körffgen hat in diesem Moment den Saal auf seiner Seite, und so lässt er andere Vorwürfe gegen das Management, die er noch in seinem Redemanuskript stehen hatte, beiseite - und belegt Schrempp mit der Höchststrafe, die ein Fondsmanager zur Verfügung hat. "Wir können den Vorstand bei dieser Leistung nicht entlasten, auch wenn einzelne Vorstände das vielleicht verdient hätten", sagt Körffgen.

Dann brandet Applaus auf, laut und lang anhaltend. Nur Schrempp bleibt ruhig.

"Dieses Mal ist es Mercedes"

"Dieses Mal ist es Mercedes"

Thomas Körffgen ist nicht der einzige Fondsmanager, der Schrempp - und teils auch seinem Aufsichtsratsvorsitzenden Hilmar Kopper - den Rücktritt nahe legt oder die Entlastung verweigert. Thomas Maier, Fondsmanager der Union Investment, will Schrempps Vorstand ebenfalls aufgrund seiner Managementleistung nicht entlasten.

"Selbst sieben Jahre nachdem die angeblich himmelstiftende Ehe zwischen Daimler und Chrysler geschlossen worden ist, bringt sie keinen Erfolg", sagt Maier unter anderem zur Begründung. DWS-Fondsmanager Klaus Kaldemorgen kritisiert kurz danach, dass der DaimlerChrysler-Chef bei absehbaren Problemen oft zu spät reagiere. "Und dieses Mal ist das Problem die Autosparte Mercedes", sagt Kaldemorgen, dieses Mal geht es ums Eingemachte."

Wieder lang anhaltender Applaus, viele Zwischenrufe, die niemand mehr verstehen kann, und doch: Jürgen Schrempp bleibt ruhig.

Schrempp wirkt wie ein Moderator

Mit sonorer Stimme beantwortet der DaimlerChrysler-Chef die Fragen und Angriffe der Fondsaktionäre und Aktionärsschützer. Er gibt nach, wo das vergleichsweise schwache Abschneiden seiner Drei-Welten AG offen zu Tage tritt ("Wir sind mit der Entwicklung des Aktienkurses natürlich nicht zufrieden") - wie ein Moderator, der zwischen Vorstand und den Aktionären vermittelt.

Wer in diesem Moment erstmals in den Hauptversammlungssaal treten würde, käme nie auf die Idee, dass Jürgen Schrempp selbst in der Kritik steht. Dass er einem Publikum gegenübersitzt, in dem viele Aktionäre nicht recht an das neue Sanierungskonzept glauben und froh wären, wenn sie Schrempp bei der nächsten Hauptversammlung nicht wieder als Vorstandsvorsitzenden ans Rednerpult treten sähen.

Doch Schrempp hat Erfolg. Je länger er spricht, desto ruhiger werden die Kleinaktionäre der DaimlerChrysler AG. Mit seinen ruhigen Antworten, vorgetragen ohne Hast und nur selten lauter werdend, hat er den Aktionären den Wind aus den Segeln genommen.

Nur wenige Aktionäre melden sich nach der ersten Rederunde noch zu Wort, viele nehmen die Antworten des Konzernchefs nur noch nebenbei wahr - am Buffet, übertragen über Monitore und Lautsprecher, die überall auf den Gängen des Kongresscenters installiert sind.

"Warum soll ich mich noch aufregen?"

"Warum soll ich mich auch noch aufregen?", kommentiert ein Mittsechziger aus Schwaben die Reden der Fondsmanager und des Vorstandsvorsitzenden. "Der Mann ist doch der große Vertröster, das muss man wissen, bevor man hierher kommt." Seit dem Jahr 2000 höre er "vom Daimler" immer das Gleiche: "Immer soll es im kommenden Jahr besser werden."

Warum er dann noch zur Hauptversammlung fährt? "Ich wollte mir zusammen mit meiner Frau den Reichstag anschauen, der soll ja ganz interessant sein."

Dann drängt ein anderer Aktionär den Mann bei Seite und mischt sich ins Gespräch ein: "Man muss hier hinkommen. Ich will von Schrempp genau wissen, woher er seinen Professor-Titel hat." Dann dreht er sich um und steuert auf Saal 1 der Hauptversammlung zu. Er will es wissen.

Das Abstimmungsergebnis über den Vorstand ist schließlich besonnen ausgefallen. DaimlerChrysler-Chef Schrempp hat die Aktionäre auf seine Seite ziehen können. Er erhielt zusammen mit seinen Vorstands-Kollegen 94,5 Prozent der Stimmen. Das ist für Schrempp sogar eine Verbesserung: Im vergangenen Jahr hatte er bei einem positiven Ergebnis in Höhe von 88,49 Prozent einige Stimmen weniger erhalten.

Allerdings waren in diesem Jahr auch nicht allzu viele Aktionäre anwesend. Gerade mal 36,5 Prozent aller Aktionäre, die ihre Stimme hätten abgeben können, haben sich auf den Weg ins Berliner Kongresszentrum gemacht.

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