Deutschland paradox Wiedekings Brandrede

Deutschlands Gesetze und Verordnungen liegen wie Stacheldraht auf dem Weg der Unternehmer, kritisiert Porsche-Chef Wendelin Wiedeking. In einer Brandrede stellte er einen 5-Punkte-Plan vor, der für mehr Aufbruchstimmung sorgen soll. Weniger Förderalismus, mehr Bildung und kein Lohndumping lauten drei Kernforderungen.

Stuttgart - Die hohen Lohnkosten sind das größte Problem in Deutschland, sagen viele Volkswirte und Firmenbosse. Porsche-Chef Wendelin Wiedeking vertritt eine andere Position. Bei einem kämpferischen Auftritt vor Politikern im baden-württembergischen Landtag machte er andere Ursachen für die Krankheit des "deutschen Patienten" verantwortlich.

Es sei falsch zu glauben, Arbeitsplätze seien in Deutschland zu teuer und neue könnten nur noch im Ausland entstehen, sagte Wiedeking am Abend vor Abgeordneten des baden-württembergischen Landtags. "Die Lohnkosten sind wirklich nicht das eigentliche Problem in Deutschland." Er verwies auf sein eigenes Unternehmen. Porsches Stammwerk stehe "im Herzen des Hochlohnlandes Deutschland" - trotzdem sei der Konzern weltweit erfolgreich.

Auch von einer "baden-württembergischen Krankheit" könne keine Rede sein, so Wiedeking. Sie war noch im Sommer vergangenen Jahres oft mit Blick auf das Lohnniveau bei Autobauern wie Daimler diagnostiziert worden - der Begriff war vom damaligen Mercedes-Chef Jürgen Hubbert geprägt worden. Porsche spüre davon "herzlich wenig", sagte Wiedeking.

Standortverlagerung wird "unsinnig" besteuert

Besonders kritisch sieht er die Tatsache, dass Unternehmen bei Standortverlagerungen ins Ausland die Kosten für die Planung der Investition, den Transfer der Arbeitsplätze, die Verwaltung und die Finanzierung des Tochterunternehmens voll steuerlich geltend machen können.

"Es ist wenig sinnvoll, ja geradezu der Gipfel des Unsinns, wenn man in Zeiten, in denen mehr als fünf Millionen Menschen als Arbeitslose in Deutschland registriert sind, den Job-Export auch noch aus dem deutschen Steuertopf subventioniert."

Wiedeking: Steuersenkung erforderlich

Er fragte: "Und wieso zahlt die EU Zuschüsse für Firmenansiedlungen in den Beitrittsländern - übrigens auch mit den deutschen Beiträgen in die EU-Kasse - die den osteuropäischen Regierungen dann dazu dienen, Firmen aus Westeuropa mit besonders niedrigen Steuersätzen anzulocken?"

All dies seien Fehler im System, die viel gravierender seien als das Niveau der Gehälter in Deutschland. "Streichen Sie die Subventionen, die nur die Trägen belohnen, die Vergangenheit zementieren und einen Aufbruch in zukunftsfähige Märkte und Strukturen verhindert." Nach Auffassung Wiedekings sollte die Bundesrepublik die Milliarden Euro, die für EU-Standortförderungen ausgegeben werden, besser dazu verwenden, die einheimischen Unternehmen wettbewerbsfähiger zu machen - etwa durch Steuersenkungen.

"Mit welchem Geld soll der Deutsche konsumieren?"

"Mit welchem Geld soll der Deutsche konsumieren?"

Wiedeking warnte vor Plänen von Politikern und Wirtschaftsexperten, den Standort Deutschland im globalen Wettbewerb durch Lohn- und Sozialdumping abzusichern: "Die aber befinden sich ganz bestimmt auf dem Holzweg. Ich sage Ihnen: Wir verarmen, wenn wir asiatisch werden wollen". Chinesische Lohnkosten wären in Europa volkswirtschaftlicher Unsinn. "Mit welchem Geld soll dann der deutsche Arbeitnehmer konsumieren? Diese ganze Geiz-ist-geil-Mentalität ist doch das eigentliche Problem."

Zu wenig Mittel für Bildung und Innovationen

Erheblichen Nachholbedarf habe Deutschland beim Thema Bildung. Für Forschung und Entwicklung in den Betrieben, an den Hochschulen und Forschungsinstituten gäben Staat und Wirtschaft zusammen gerade einmal 2,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts aus - weniger als die USA, Japan oder andere, europäische Länder. Wiedeking forderte, den Anteil auf 3 Prozent zu erhöhen, so dass "die unbestreitbaren Stärken des Standortes Deutschland unterstützt werden".

Wenn er Lohn- und Sozialdumping als Trends kritisiere, rede er "keineswegs nur aus Unternehmersicht", betonte Wiedeking. Vielmehr könne ein Werksmitarbeiter anders als so mancher Manager nicht so einfach mit seiner Familie in ein fremdes Land mit einer anderen Sprache umziehen, um dort einen neuen Job zu finden.

"Derjenige, der seit zehn oder 20 Jahren für ein Unternehmen am Band gearbeitet hat, der seiner Familie in der Nähe der Fabrik inzwischen eine Eigentumswohnung gekauft oder ein kleines Häuschen gebaut hat, das er immer noch abbezahlt, der hat diese Option nicht", so Wiedeking. Unternehmer und Politiker seien deshalb gut beraten, die Sorgen der Menschen "ernster zu nehmen als bisher".

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