Wirtschaftsmacht In Chinas Einkaufskorb

Mit der nun genehmigten Übernahme der PC-Sparte von IBM hat der Lenovo-Konzern den chinesischen Angriff auf westliche Blue-Chip-Konzerne eröffnet. Diesmal fand die Attacke zwar noch in den USA statt - doch schon bald dürften namhafte Europäer an der Reihe sein.
Von Henning Hinze

Hamburg - Der Sprecher von General Motors (GM)  war erkennbar wütend, als er sein Dementi herausschnaubte: "Das ist eine der dreistesten Spekulationen, die wir je gehört haben", schimpfte er "und sie geht in die völlig falsche Richtung".

Den ganzen Vormittag war er vor einigen Wochen einem Bombardement von Fragen ausgesetzt gewesen, nachdem die schwedische Wirtschaftszeitung "Dagens Industri" und der Radiosender SR unter Berufung auf anonyme Quellen berichtet hatten, die GM-Tochter Saab solle an einen chinesischen Konzern verkauft werden.

TCL verlagert die Produktion nach Osteuropa: Schneider-Werke in Türkheim im Allgäu

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Hutchison Whampoas Einstieg in den deutschen Einzelhandel: Rossmann-Drogerien

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Direkt vor dem Verkauf an Shanghai Automotive: MG Rover

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Verhalf TPV Technology zur Marktführerschaft: Philips-Monitorsparte

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TCLs dritter Streich: Handygeschäft von Alcatel

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Wütendes Dementi in Sachen Verkauf nach China: Traditionsautohersteller Saab

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TCLs zweite europäische TV-Marke neben Schneider: Fernsehgerätehersteller Thomson

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Kurze Phase des Optimismus nach dem Einstieg von D'Long: Insolventer Flugzeugbauer Fairchild Dornier

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Insolventer Flugzeugbauer Fairchild Dornier

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In Zukunft Teil des Maschinenbaukonzerns Shanggong: Nähmaschinenhersteller Dürkopp Adler

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Chinas Türöffner
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Saab, eine europäische Traditionsmarke, verkauft nach China? Noch vor zehn Jahren wäre die Nachricht nirgendwo ernst genommen worden. Doch inzwischen ist klar: Die Chinesen kommen. Oder besser, sie sind schon da.

So fand der nun von den Kartellbehörden genehmigte 1,3-Milliarden-Euro-Verkauf der IBM-PC-Sparte an den chinesischen Konzern Lenovo zwar in den USA statt. In Europa wird aber demnächst zum Beispiel eine Einigung zwischen dem chinesischen VW-Partner Shanghai Automotive Industry Corp. (SAIC) und Rover erwartet, die im Ergebnis den Verkauf des britischen Autoherstellers nach China bedeutet.

2002 kaufte der chinesische Hightech-Gigant TCL den insolventen Fernsehgerätehersteller Schneider und verlagert nun die Produktion aus Türkheim im Allgäu nach Polen und Tschechien, im Herbst 2003 übernahm TCL auch den französischen Schneider-Konkurrenten Thomson. Nebenbei verleibten sich die Chinesen noch die Handysparte von Alcatel ein. Ende Oktober vergangenen Jahres kaufte der Maschinenbaukonzern Shanggong 95 Prozent der Bielefelder Traditionsfirma Dürkopp Adler, einen der renommiertesten Nähmaschinenhersteller.

Auffällige Ahnungslosigkeit

Zugang zum europäischen Markt

Die Chinesen suchen ihre Übernahmekandidaten fast immer nach den gleichen Kriterien aus: bekannte Marke, günstiger Preis. Was sie ins Portfolio legen, will in Europa meist niemand mehr haben, weil die Substanz als schlecht gilt oder die Branche verblasst.

Für die chinesischen Investoren sind die europäischen Marken dagegen interessant, um Zugang zum europäischen Markt zu bekommen, sagte der Chefstratege von Credit Suisse Asset Management, Philipp Vorndran, kürzlich in einem Gespräch mit manager-magazin.de.

So geraten sie an Sanierungsfälle, an denen sich die erste Liga der europäischen Konzerne eine blutige Nase geholt hat. Beispiel Rover: Das Milliardendebakel von BMW  schreckte Chinas zweitgrößten Autokonzern SAIC nicht vor dem Einstieg bei den Briten ab.

Gelegentlich auffällige Ahnungslosigkeit

Mit einem Umsatz von rund zwölf Milliarden Dollar und 700 Millionen Dollar Gewinn im Jahr 2003 ist SAIC inzwischen ein wichtiges Unternehmen, das in Asien wie auch in Europa seit Monaten auf Expansionstour ist. Ein Börsengang in diesem Jahr gilt als wahrscheinlich.

SAIC will nun sein Bargeld komplett in Rover investieren. Marke und Fabrik sollen den Zugang zum europäischen Automarkt sichern und gleichzeitig für einen Imagegewinn in Asien sorgen. Als Sanierungsvorschlag soll intern bereits von einer Verlagerung von Teilen der Rover-Produktion geredet werden - natürlich nach China. 2000 der 6100 verbliebenen Arbeitsplätze beim einstigen britischen Massenhersteller könnten damit schon in Kürze aus dem Stammwerk ins Reich der Mitte verschwinden.

Während die Chinesen angesichts der hohen deutschen Löhne die Sanierungsmaßnahme Produktionsverlagerung schnell parat haben, tun sie sich mit den Feinheiten der europäischen Geschäftswelt dagegen oft noch schwer. So kaufte der D'Long-Konzern im vorletzten Jahr den insolventen bayerischen Flugzeugbauer Fairchild Dornier. Die gefeierten Retter taten sich vor Ort jedoch vor allem durch auffällige Ahnungslosigkeit hervor - und gingen schließlich selbst Pleite.

Europäische Blue Chips im Visier

Europäische Blue Chips könnten bald ins Visier geraten

Trotzdem: "Es ist durchaus denkbar, dass irgendwann auch große europäische Blue Chips ins Visier asiatischer Unternehmen geraten", sagt Credit-Suisse-Stratege Vorndran. "China wird bald in Europa zugreifen". An die großen amerikanischen Firmen trauen sich die Chinesen schon heute, zumindest an Teile, wie das Beispiel Lenovo und IBM beweist.

Bei den Unternehmensberatungen verursacht der Expansionshunger der Chinesen inzwischen noch hektischere Betriebsamkeit als gewöhnlich. Berger-Berater aus Europa rotieren in China derzeit angesichts eines ungenannten Großprojekts; bei der Strategieberatung Boston Consulting Group sind die lokalen Übersee-Spezialisten ebenfalls mit Aufträgen mehr als ausgelastet.

Die Übernahmen der vergangenen Jahre, soviel ist inzwischen sicher, sind erst der Anfang. Deutsche Mittelständler sind längst im Visier und werden gekauft wie zum Beispiel die brandenburgischen Welz Gas Cylinder Werke von der chinesischen Huapeng Trading Company. Vor allem die Unternehmen ohne geeigneten Nachfolger stehen auf dem Einkaufszettel.

Attacke im Handel

Auch auf europäische Konzernsparten lauern die Chinesen längst, wie bei Philips , wo das Monitorgeschäft an TPV Technology verkauft wurde. Der Konzern wurde dadurch Weltmarktführer. Wiederholt kolportiert und von Siemens  bestritten ist bisher ein chinesisches Interesse an der Handysparte des deutschen Prestigekonzerns.

Doch nicht mehr nur die Industrie ist gefragt: Der Hongkonger Mischkonzern Hutchison Whampoa, eigentlich bekannt für Telekommunikation und IT, kauft sich seit Jahren systematisch Drogeriebeteiligungen in Europa: 3300 Filialen gehören inzwischen der Tochtergesellschaft A.S. Watson, unter anderem hält sie eine 40-Prozent-Beteiligung an Rossmann.

Der neueste Coup: Der wegen Bilanzierungsfehlern Ende vergangenen Jahres unter Druck geratene französische Parfümerie-Filialist Marionnaud benötigt einen starken Partner. A.S. Watson bot eine 100-Prozent-Übernahme an. Beobachter rechnen nun damit, dass Marktführer Douglas mit einem deutlich härteren Wettbewerb rechnen muss.