Merck & Co. Versicherer steigen bei Pharmakonzernen aus

Der Prozess um das Schmerzmedikament Vioxx könnte zum höchsten jemals ausgezahlten Schadenersatz eines Pharmakonzerns führen. Das trifft nicht nur Hersteller Merck. Die größten Versicherungskonzerne ziehen sich schon heute aus dem Geschäft mit Pharma-Multis zurück. Das Risiko sei insbesondere in den USA nicht mehr kalkulierbar.

Hamburg - In der Pharmaindustrie droht wegen der steigenden Zahl von Klagen wegen gefährlicher Nebenwirkungen von Medikamenten offenbar ein Versicherungsnotstand.

Wie das Nachrichtenmagazin "DER SPIEGEL" berichtet, zog sich der weltweit zweitgrößte Rückversicherer, Swiss Reinsurance , als erster seiner Branche aus dem Pharmageschäft zurück.

Zudem erhöhte der Marktführer Münchener Rück  drastisch die Prämien und versichert die Pharma-Klientel nur noch "sehr selektiv", so ein Sprecher des Konzerns. Weltweit hätten Versicherer die Höchstschadensgrenze je Unternehmen innerhalb von zwei Wochen von 750 Millionen auf 600 Millionen Dollar gesenkt.

Die steigende Zahl von Klagen, vor allem auf dem wichtigsten Pharmamarkt USA könne zu extrem hohen Schadenersatzansprüchen führen, begründet "DER SPIEGEL" den Rückzug der Versicherungskonzerne.

So muss der US-Konzern Merck & Co. , dessen vom Markt genommenes Schmerz- und Rheumamittel Vioxx mit 30.000 Todesfällen in Verbindung gebracht wird, mit bis zu 30 Milliarden Dollar Schadensersatz rechnen. Versichert ist Merck mit 630 Millionen Dollar.

Blockbuster nicht mehr zu versichern?

30 Blockbuster künftig nicht mehr versicherbar?

In neuen Verträgen wollen die Versicherer deshalb das Risiko von Schadensersatz auf die Unternehmen abwälzen. Produktlinien wie etwa die Cox-2-Hemmer, zu denen Vioxx gehört, könnten dennoch bald nicht mehr versicherbar sein. Analysten schätzen, dass bereits 30 Massenmedikamente mit Milliardenumsätzen auf der schwarzen Liste der Versicherer stehen.

Wegen des erhöhten Herzinfarktrisikos des Mittels könnte Merck schon bald mit der größten jemals gegen einen Pharmakonzern eingereichten Klage konfrontiert sein. Rund hundert britische Patienten, die während der Vioxx-Einnahme Herzinfarkte oder Schlaganfälle erlitten, haben sich der Sammelklage einer US-Anwaltskanzlei angeschlossen, berichtete die Wochenzeitung "The Business Weekly" unter Berufung auf einen Anwalt der klagenden Locks Law Firm.

Warum Mercks Aktienkurs haussierte

Die Kanzlei vertritt bereits rund 300 US-Patienten bei individuellen Klagen im US-Bundesstaat New Jersey, dem Sitz von Merck. Die Kanzlei sammle noch Beweismittel, wolle aber die Klagen im April einreichen, hieß es.

Der US-Pharmakonzern hatte Vioxx im vergangenen September wegen des erhöhten Risikos von Schlaganfällen und Herzinfarkten zurückgezogen. Studien zufolge soll das Medikament allein in den USA für bis zu 140.000 Fällen von Herzkrankheiten verantwortlich sein. Die Rücknahme hat Merck nach eigenen Angaben allein im vierten Quartal des vergangenen Jahres 700 bis 750 Millionen Dollar (535 bis 573 Millione Euro) Umsatz gekostet.

Noch am Freitag hatte sich der Aktienkurs des US-Pharmakonzerns jedoch deutlich verbessert. Das Unternehmen gab bekannt, es erwäge, das vom Markt genommene Rheumamittel Vioxx gegebenenfalls wieder zu verkaufen. Dies könne der Fall sein, wenn nach Einschätzung von Experten die Vorteile dieser Art von Medikamente das Risiko einiger Patientengruppen wettmachten, sagte der Leiter der Forschungsabteilung des Unternehmens, Peter Kim. Derzeit überprüft ein Expertengremium der US-Gesundheitsbehörde FDA die Risiken von Schmerzmitteln wie Vioxx.

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