Überkapazitäten Oetker schließt Brauereien

Deutschlands größter Bierhersteller, der Oetker-Konzern, konzentriert den Braubetrieb in Dortmund und Berlin in zwei statt bisher vier Braustätten und baut dabei hunderte Arbeitsplätze ab. Vor allem die Auswahl der Zukunftsstandorte überrascht.

Berlin/Dortmund - Der Braubetrieb in der Dortmunder Brauerei Brinkhoff werde im kommenden Jahr eingestellt, teilte ein Oetker-Sprecher mit. Das gelte auch für die traditionsreiche Kindl-Brauerei in Berlin, die nach mehr als 130 Jahren geschlossen werde, erklärte die Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG) am Dienstag.

Zugleich soll der Braubetrieb bei den anderen beiden Oetker-Brauereien in Dortmund und Berlin, DAB und Schultheiss, ausgebaut werden. Dazu sollen insgesamt 50 Millionen Euro investiert werden, 30 Millionen in Dortmund.

Über die Konzentration war bereits spekuliert worden, weil Oetker an beiden Standorten über deutliche Überkapazitäten verfügte. Allein in Dortmund sollen sie 75 bis 100 Prozent betragen. Die Konzentration zu Ungunsten des Brinkhoff-Standorts kommt aber insofern überraschend, als Brinkhoff über die erheblich modernere der beiden Dortmunder Oetker-Brauereien verfügt.

450 Stellen in Gefahr

Die beiden nicht mehr benötigten Brauereien will Radeberger allerdings nicht verkaufen. Damit solle vermieden werden, dass Billigbier-Anbieter zugriffen und den Preiswettbewerb weiter verschärften, sagte der Chef der Biersparte, Ulrich Kallmeyer.

Gleichzeitig sagte Kallmeyer, die noch im Bau befindliche Hauptverwaltung des im letzten Jahr von Oetker gekauften und für das Biergeschäft zuständigen Brau und Brunnen-Konzerns soll nicht vom Unternehmen genutzt werden. Der rund 20 Millionen Euro teure Neubau werde deshalb an Interessenten vermarktet.

Insgesamt fallen in Dortmund künftig 115 von 640 Stellen weg. In Berlin konzentriert Brau und Brunnen die Bierproduktion ab 2006 auf die Schultheiss-Brauerei, während die Kindl-Braustätte geschlossen wird. Hier sind weiteren Angaben zufolge 160 von 700 Arbeitsplätzen in der Bierproduktion betroffen. Insgesamt sollen im Rahmen des Sanierungsprogramms bei Brau und Brunnen 450 Stellen, davon auch in Absatz und Verwaltung, wegfallen.

Die NGG hat Arbeitszeitverkürzungen statt Stellenabbau bei der Brauerei Brinkhoff gefordert. Der am Dienstag angekündigte geplante Abbau von 115 Arbeitsplätzen in der Dortmunder Brauerei ließe sich dadurch möglicherweise vermeiden, sagte ein Gewerkschaftssprecher. Oetker müsse zudem Geld bereitstellen, um mögliche Umsatzeinbußen durch die Arbeitszeitverkürzungen aufzufangen.

Niedergang einer Bierhauptstadt

Dortmund: Niedergang einer Bierhauptstadt

Viele Jahrzehnte lang galt Dortmund als die Bierhauptstadt in Deutschland und Europa. Bereits um 1900 lag der Schwerpunkt der deutschen Bierproduktion in Dortmund. Bier war ein Exportschlager, den die Dortmunder Brauereien mit der lange haltbaren Sorte Export fleißig lieferten. Mitte der 60er Jahre wurde jeder zehnte Liter Bier der Bundesrepublik in Dortmund gebraut, mehr als 6800 Menschen arbeiteten in den Brauereien der Westfalenmetropole. In Dortmund gab es die ersten Brauereien, die mehr als eine Million Hektoliter Bier pro Jahr herstellten und damit Branchenkönige waren.

In den 70er Jahren verloren sie aber den Anschluss an den Markttrend. Mit dem Aufstieg der milderen Biersorte Pils ging ein Abstieg der Bierhochburg Dortmund mit ihrem kräftigeren Export einher. Davon profitierten die Privatbrauereien im Sauerland und im Siegerland, die nach und nach Marktanteile im Ruhrgebiet eroberten und damit den Dortmunder Braustätten Biermengen wegnahmen.

Seit Beginn der 90er Jahre sinkt die Zahl der Beschäftigten in den Dortmunder Brauereien. Von 1989 bis 1999 ging die Zahl der Arbeitsplätze im Brauwesen, einst das dritte Standbein der Stadt neben Stahl und Kohle, von mehr als 2600 auf weniger als 900 zurück. Auch die Zahl der Brauereien schrumpfte. Von sieben Braustätten blieben nach Zusammenlegungen zwei Großbetriebe übrig: Die Dortmunder Actien-Brauerei (DAB) und Brinkhoff.

Marktführer im deutschen Biermarkt

Der Lebensmittelkonzern Dr. Oetker ist der größte Bierhersteller in Deutschland. Das westfälische Familienunternehmen kauft schon seit Jahren traditionsreiche Biermarken auf, um sie aus einer Hand anzubieten. Der Aufstieg zum nationalen Bierkönig gelang vor knapp einem Jahr mit der Übernahme des Dortmunder Getränkeunternehmens Brau und Brunnen. Zuvor war Oetker mit der Frankfurter Radeberger-Gruppe (ehemals Binding) bereits kräftig auf dem deutschen Biermarkt aktiv.

Zu den zahlreichen Biermarken aus dem Hause Oetker gehören neben Radeberger und Jever unter anderem auch Schöfferhofer Weizen, Clausthaler Alkoholfrei, Berliner Kindl, DAB, Brinkhoffs, Schlösser Alt, Sion Kölsch, Berliner Pilsner, Rostocker, Reudnitzer, Sternburg. Auch bei Mineralwasser mischt Oetker dank Brau und Brunnen kräftig mit. Zu Selters kamen durch die Dortmunder Übernahme Sinziger, Glashäger, Spreequell, Margon und Thüringer Waldquell hinzu.