Flutkatastrophe "Deutlich dreistellige Zahl deutscher Opfer"

Bundeskanzler Gerhard Schröder hat klar gemacht, wie sehr Deutschland direkt von der Flutkatastrophe im Indischen Ozean betroffen ist. Neue Schätzungen sprengen derweil alle bisherigen Vorstellungen von der Gesamtzahl der Opfer.

Cuddalore - Schweren Schrittes betritt ein Paar die Leichenhalle. Nach einem Blick auf den kleinen toten Körper auf der Bahre brechen die Eltern in Tränen aus. Dr. S. Narayanswamy muss ihnen keine Fragen mehr stellen, er weiß, die Leiche ist identifiziert. Er nickt nur, und ein Sanitäter bindet ein Etikett am Arm des toten Jungen fest.

Inmitten der Heerscharen von Verzweifelten, die in der Flutkatastrophe vom Sonntag ihre Liebsten oder ihr Haus verloren, wirkt Narayanswamy fast regungslos. Er gehört der Gruppe der Beamten und Ärzte an, die sich Trauer und Schock nicht leisten können: Ihre Aufgabe ist es, die Leichen zu zählen.

Seit Tagen werden die Opferzahlen ständig nach oben korrigiert, teilweise in Schritten von mehreren Tausend, wenn eines der am stärksten betroffenen Länder seine Schätzungen erneut anhebt. 77.000 getötete Menschen sind inzwischen gezählt, und auch damit wird die Katastrophe noch nicht endgültig erfasst sein. Das internationale Rote Kreuz stellt inzwischen die Zahl von 100.000 Toten in den Raum.

Nach dem ungeheuren Seebeben vom Sonntagmorgen ist klar, dass es eine genaue Bilanz niemals geben wird. In Indonesien etwa werden wegen der Seuchengefahr Leichen bestattet, die amtlich nicht registriert wurden.

Die Verlässlichkeit der ehemaligen Kronkolonie

Die Angaben aus Indien sind mit Abstand die verlässlichsten aus dem Katastrophengebiet. Die britische Exkolonie mit ihrem wohlstrukturierten Netz aus Gesundheits-, Polizei- und Steuerbeamten führt jeden Toten in einer fünfspaltigen Tabelle mit Namen, Alter, Name der Eltern, Adresse und zwei Identifizierungsmerkmale auf; außerdem wird jede Leiche fotografiert. Das mag makaber erscheinen, doch auf diese Weise verfügen die indischen Behörden schon seit Sonntag über eine einheitliche Statistik, in der die rund 8.000 Vermissten nicht zu den Toten gerechnet werden, so lange sie nicht offiziell registriert sind.

In Indonesien dagegen, einem unübersichtlichen Archipel aus 13.000 Inseln und Inselchen, ähneln selbst behördliche Schätzungen bisweilen einem Ratespiel. Eine Volkszählung seit über zehn Jahren nicht mehr stattgefunden und die Melderegister vieler Gemeinden sind sehr lückenhaft. Da in einigen Küstengebieten der Insel Sumatra offenbar ganze Dörfer von der Flutwelle davongerissen wurden, wird nie zu erfahren sein, wie viele Menschen dort lebten und wie viele nun umgekommen sind.

Die zu Indien gehörenden Inselgruppen der Andamanen und Nikobaren sind dagegen bis jetzt kaum erreicht worden. Dort könnten ganze Volksstämme ausgelöscht worden sein, die als Jäger und Sammler und einzige steinzeitliche Völker überhaupt ohne regelmäßigen Kontakt zur Außenwelt gelebt haben. Der UN-Koordinator für humanitäre Hilfe in Indonesien, Michael Elmquist, sagte der Nachrichtenagentur Reuters, alleine in der Küstenstadt Meulaboh seien 40.000 Menschen gestorben. Diese Zahl galt noch gestern mehrfach angehoben worden. Zunächst waren 10.000 bis 15.000 Tote geschätzt worden.

1000 vermisste Deutsche

1000 deutsche Touristen werden vermisst

Angesichts dieser Zustände wollte sich Bundesaußenminister Joschka Fischer auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Bundeskanzler Gerhard Schröder am Mittwochmittag nicht festlegen, ob alle durch die Flutwelle getöteten deutschen Urlauber identifiziert und zu ihren Angehörigen zurückgebracht werden können. Er wies darauf hin, dass das Meer einen Teil der Opfer nicht mehr freigeben werde.

Bundeskanzler Schröder bestätigte erstmals, dass 26 tote Deutsche identifiziert worden seien. Er sprach mit Blick auf Deutschland aber von einer "deutlich dreistelligen Opferzahl". 1000 deutsche Touristen werden zurzeit noch vermisst. Fast vier Tage nach dem Seebeben schwindet die Hoffnung, dass sie alle Schutz gefunden haben könnten und noch keine Gelegenheit hatten, sich zu melden. Schröder wies aber darauf hin, dass die Kommunikation mit den völlig zerstörten Küstenregionen außerordentlich schwierig sei.

Ähnlich stark betroffen wie Deutschland ist unter den europäischen Nationen nach derzeitigem Stand der Dinge Schweden. Nach Regierungsangaben werden 1500 Bürger vermisst.

Die auffällige Reaktion von Standard & Poors

Unterdessen kommt eine der größten Hilfsaktionen der Geschichte im Zusammenhang mit einer Naturkatastrophe ins Rollen. Die Bundesregierung verzehnfachte ihre Soforthilfe auf 20 Millionen Euro und setzt Lazarettflugzeuge der Bundeswehr zur Bergung verletzter europäischer Opfer ein. Alle großen Hilfsorganisationen sowie THW und besondere Fachkräfte der Bundeswehr helfen in den Krisenregionen.

Schröder will außerdem im Januar im Pariser Club der Gläubigerstaaten für ein Schuldenmoratorium und eine Prüfung eines möglichen Schuldenerlasses kämpfen, sagte er am Mittwochnachmittag auf einer Pressekonferenz. US-Präsident George W. Bush bewilligt 35 zunächst Millionen Dollar.

Für die Ratingagentur Standard & Poors sagte S&P-Analyst Ping Chew, die Flutkatastrophe in Südostasien hat für die betroffenen Länder keine Herabstufung ihrer Kreditwürdigkeit durch die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) zur Folge. "Die menschlichen Verluste sind tragisch und immens, aber die Dellen im Bruttoinlandsprodukt der Länder werden geglättet durch die erhöhten Investitionen für den Wiederaufbau und die Rückkehr des Tourismus in die meisten Gebiete." Fiele die Bonitätsbewertung schlechter als bisher aus, würde es für die Staaten teurer, sich neues Fremdkapital zu beschaffen. Die Haushalte von betroffenen Ländern wie den Malediven, Sri Lanka, Indonesien und Indien könnten nach Einschätzung von S&P unter Druck geraten. Mit Ausnahme von Sri Lanka, wo der Tourismus die viertgrößte Einnahmequelle ist, sei dies aber kein Grund zur Sorge. Die erwartete internationale Hilfe lindere zudem den Druck.

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