Wirtschaftsmacht China Neue Socken für Europa

Chinas Textilwirtschaft muss sich vom 1. Januar an nicht mehr um westliche Importbeschränkungen scheren. Sie könnte den hiesigen Markt überschwemmen. Doch zuerst müssen die Chinesen ihre selbstverschuldeten Probleme in den Griff bekommen.

Peking - China wird mit dem Wegfall der internationalen Importquoten für Textilien im nächsten Jahr den 400 Milliarden Dollar-Weltmarkt für Bekleidung dominieren. Nach vier Jahrzehnten laufen am 1. Januar die Handelsbarrieren zum Schutz der heimischen Textilindustrien der wohlhabenden Staaten aus, die solchen Protektionismus sonst gerne bei anderen anprangern.

Diesmal belehrt China die reiche Welt über "Grundsätze des freien Handels", versucht aber, allzu abrupte Auswirkungen zu vermeiden. Um den Exportanstieg zu drosseln, führt China deswegen selbst Ausfuhrzölle ein. Damit soll "eine stabile und gesunde Entwicklung des weltweiten Textilmarktes" gewährleistet werden, sagte Long Yongtu, früher Chefunterhändler für Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO).

Nach einer WTO-Studie könnte künftig die Hälfte des weltweiten Marktes durch Textilien und Bekleidung "Made in China" abgedeckt werden, was Verbrauchern potenziell niedrigere Preise verspricht. In den USA dürfte Chinas Anteil am Bekleidungsmarkt von gegenwärtig 16 auf 50 Prozent steigen, in Europa von 18 auf 29 Prozent, so die WTO-Studie.

Long Yongtu warnte jedoch davor, den erwarteten Anstieg "zu überschätzen". Der Wegfall der Quoten werde keine "revolutionären Veränderungen" bringen, da es noch andere Handelsbarrieren gebe. In Peking werden aber die Sorgen der USA, der EU und anderer Länder ernst genommen. Immerhin erlaubt ihnen die WTO, beim Nachweis abrupter Marktveränderungen den Importanstieg aus China auf 7,5 Prozent zu begrenzen, was die Türkei schon vorbeugend anordnete.

Hohe Rohstoffpreise bremsen Wachstum

Chinas Textilausfuhren können aber schon aus hausgemachten Gründen nicht so dramatisch wie befürchtet ansteigen, wird in Peking argumentiert. "Der Zuwachs der Rohstoffpreise und andere Kostensteigerungen, der Mangel an Energie und Transportkapazitäten sind Faktoren, die das Wachstum der Industrie behindern", sagte Sun Haibin von der Vereinigung der Textilindustrie Chinas. Allerdings nahmen die Textil- und Bekleidungsexporte nach Angaben der chinesischen Handelskammer schon 2003 um 28 Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf 78,9 Milliarden Dollar zu. In den ersten zehn Monaten dieses Jahres wurden noch einmal 21 Prozent zugelegt.

Doch seien die Grenzen des Wachstums erreicht. "Wir haben nicht die Ressourcen", argumentierte Chen Yifang, früher Regierungsberater für die Textilindustrie. "Die Ausfuhrzölle werden die Exporte begrenzen. Es erhöht die Kosten." Die neuen Zölle werden nach Angaben aus Handelskreisen wohl zwischen vier und zehn Prozent ausmachen und vor allem Unterwäsche, Hemden sowie Hosen aus Baumwolle und Kunstfasern betreffen. Auch heißt es, dass nach dem Ende der Quoten nur ein Ausfuhranstieg von "fünf bis zehn Prozent" angestrebt werde.

Ein Handelsfunktionär argumentierte, China müsse zum einen die Auswirkungen auf die Textilindustrien der Importländer berücksichtigen. "Wir müssen ferner andere Entwicklungsländer wie Indien, Pakistan und Thailand in Betracht ziehen, die Textilien exportieren." EU-Handelskommissar Peter Mandelson erinnerte China als Führer der Entwicklungsländer an das Schicksal von Millionen von Textilarbeitern in armen Ländern wie Bangladesh, Sri Lanka, Mauritius oder in anderen afrikanischen und lateinamerikanischen Ländern, die zu den Verlierern gehören werden.

Von Andreas Landwehr, dpa

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