Flutkatastrophe "Und dann wurden 350 Menschen beerdigt"

Auf Traktor-Anhängern und Lastwagen werden immer mehr Leichen zu Massengräbern gebracht. Während sich Verwesungsgeruch ausbreitet, wird in den Provinzverwaltungen addiert: 60.000 Tote wurden bis Mittwochmorgen gezählt; weitere werden erwartet. Mindestens 49 deutsche Urlauber starben in Thailand.

Neu Delhi - Dorfbewohner und Helfer in Indien und Sri Lanka, Indonesien und Thailand liefern sich einen Wettlauf mit der Zeit. Zwischen Trümmern und Schiffswracks liegen Leichen. Noch immer, auch am Dienstag, am dritten Tag der Katastrophe. "Sie sind in einem schlechten Zustand", sagt ein Augenzeuge. Der Ausbruch von Seuchen bedroht die Küstendörfer.

In Indien werden in der Not auch Hindus begraben - statt verbrannt, wie es ihre Religion eigentlich gebietet. Auch im Norden Sri Lankas werden Massengräber ausgehoben. "LKW-Ladungen mit Flutopfern wurden angefahren", sagt Martin Baumann von der Welthungerhilfe vor Ort. "Die Angehörigen haben noch versucht, die Leute zu identifizieren, das alles musste sehr schnell gehen. Und dann wurden eben 350 Menschen auf einmal beerdigt."

Zwei Tage nach der Flutwelle ist der Albtraum nicht vorbei. Zehntausende Menschen in den Katastrophengebieten Asiens werden weiter vermisst. Nach den aktuellen, ständig aktualisierten Zählungen der Nachrichtenagenturen sind inzwischen über 39.000 Tote gezählt worden. Die berufen sich zwar bisher nur auf lokale Medienberichte, weil die örtlichen Behörden mit dem Zählen kaum nachkommen. Inzwischen gelten aber Schätzungen von insgesamt 60.000 toten Menschen als nicht mehr utopisch.

Für die Fernsehwelt des Westens bekam das Grauen heute im Tagesverlauf einen neuen Namen: Khao Lak. Alle deutschen Fernsehsender zeigten am Dienstag erschütternde Bilder aus dem thailändischen Badeort, der als Touristenhochburg gilt und noch bis zum Morgen von der Außenwelt völlig abgeschnitten war. Als das Militär am Mittag dorthin vordrang, fanden die Soldaten Leichen im Meer, am Strand, in den Trümmern. Die teils krisenerprobten TV-Reporter zeigten sich erschüttert: Noch nie hätten sie aus einem Katastrophengebiet so entsetzliche Fakten melden müssen.

Angesichts der sich dramatisch zuspitzenden Lage und im Hinblick auf die erwarteten hohen Opferzahlen unter den Deutschen hat Bundeskanzler Gerhard Schröder inzwischen angekündigt, seinen Weihnachtsurlaub abzubrechen.

"Deutsche waren größte Gruppe"

"Die Deutschen waren die größte Gruppe"

Außenminister Joschka Fischer (Grüne) sprach in Berlin "von einer menschlichen Tragödie, wie ich sie bisher noch nie erlebt habe". Zuvor hatte er sich von seinen Diplomaten Einzelheiten der Katastrophe in Khao Lak berichten lassen. Mindestens 100 Deutsche seien unter den Vermissten. Seit dem Nachmittag gehen Ermittler des Ministeriums dem Gerücht nach, wonach das weitgehend von deutschsprachigen Touristen bewohnte Hotel "Sofitel Magic Lagoon Khao Lak" mit 500 Betten zerstört worden sei; die Bewohner nicht aufzufinden.

Das thailändische Innenministerium in Bangkok meldet, unter den bisher gefundenen 473 toten Ausländern aus 36 Ländern seien 49 Deutsche, 54 Schweden und 43 Briten. Bei 84 toten Touristen konnte die Nationalität bisher nicht geklärt werden. Mehrere tausend Touristen werden noch vermisst, so dass die Liste des Innenministeriums nur eine vorläufige Bilanz darstellt.

Fernsehreporter waren in das Hotel vordringen, dessen untere Stockwerke immer noch unter Wasser stehen. Ein ZDF-Reporter berichtete: "Die Deutschen waren die größte Gruppe in dem Hotel. Wir müssen davon ausgehen, dass auch viele Deutsche unter den Opfern sind." Der Hotel-Chef bestätigte dem Sender N24, dass 200 bis 300 Gäste bereits tot geborgen worden seien, der Rest werde noch vermisst. Der Reisekonzern Tui beschrieb die Lage vor Ort am Mittag als sehr unübersichtlich. Tui vermisst in Khao Lak noch eine größere Zahl deutscher Reisender, die mit Hilfe der Polizei aufgespürt werden sollen. Bei Thomas Cook fehlte nach den Worten eines Sprechers am Mittag auf der Ferieninsel Phuket noch jeglicher Kontakt zu mindestens 200 Gästen.

In anderen Regionen stellten Tui und andere Reiseveranstalter dagegen eine Beruhigung fest. So sei in mehreren betroffenen Ferienregionen die große Zahl der rückreisewilligen Touristen bereits wieder auf dem Rückweg nach Deutschland. Bis morgen Abend will der Hannoveraner Reisekonzern fast alle seine Urlauber aus den betroffenen Regionen zurückgeholt haben.

Die Kosten zusätzliche Rückflüge, Erstattungen an Kunden und ähnliches bezifferte Tui in einer ersten Schätzung auf einen "kleinen" einstelligen Millionen-Euro-Betrag. Es bleibe außerdem dabei, dass bis zum Jahresende keine neuen Gäste in die vom Beben betroffenen Länder geflogen werden, sagte der Sprecher. Flüge nach Phuket und Sri Lanka werde es bis zum 16. Januar 2005 nicht geben. Wie viele Urlauber ihre Reisen storniert oder umgebucht hätten, sei derzeit noch nicht ermittelbar.

Der Chef der Geo-Risiko-Forschung weltgrößten Rückversicherer Münchener Rück, Gerhard Berz, sagte dem Radiosender "Deutsche Welle": "Wir haben noch keinerlei wirklich verlässliche Zahlen, aber ich würde mal gefühlsmäßig sagen, dass der wirtschaftliche Schaden deutlich im zweistelligen Milliardenbereich liegen wird". Zugleich setze sich die "Tendenz zu immer mehr und immer teureren Naturkatastrophen" fort. "Das heißt, wir müssen mit immer größeren Schäden rechnen."

Das zerstörte Atomkraftwerk

Das vom Wasser zerstörte Atomkraftwerk

Die Münchner Rück selbst muss nach einer Analyse der Landesbank Rheinland-Pfalz mit einem Haftungsrisiko von 200 Millionen Euro rechnen. Alle Unternehmen verweisen aber darauf, dass es für eine seriöse Schätzung der Schadenshöhen noch viel zu früh sei. Die Münchner Rück hat für den 29. Dezember einen Jahresrückblick geplant. Bei dieser Gelegenheit will der Rückversicherer auch auf das Beben in Asien eingehen.

Im Hinblick auf ein vom Wasser beschädigten Atomkraftwerk in Indien meldeten die Behörden heute, dass keine Strahlung ausgetreten sei. Es wurde abgeschaltet, nachdem es teilweise überflutet worden war.

Am Dienstagabend wurde auch bekannt, dass das Wasser in Sri Lanka einen Zug mit 1000 Passagieren erfasst und von den Gleisen gespült hatte. Die meisten von ihnen werden vermisst.

Überall im indischen Fernsehen laufen inzwischen wie ein Band mit Börsenkursen Hilferufe von Menschen über den Bildschirm. "Seid ihr alle in Sicherheit - bitte meldet euch", heißt es dort etwa, "wer hat Nachricht von meinen Verwandten, die sich am Sonntag zuletzt gemeldet haben" oder einfach nur: "Wir beten für Euch".

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