Flutkatastrophe "Viele Vermisste werden tot sein"

Am dritten Tag der Flutkatastrophe werden in abgelegenen Feriengebieten hunderte Tote gefunden. Die Gesamtschätzungen zur Opferzahl bewegen sich nun in Richtung 60.000. Die Zahl der toten Touristen wird in die Tausende gehen. Das Außenministerium prüft Hinweise auf ein dreistellige Zahl deutschsprachiger Opfer.

Neu Delhi/Jakarta/Tokio - Die verheerende Flutkatastrophe in Asien hat möglicherweise noch erheblich mehr Opfer gefordert als zunächst angenommen. Schätzungen gingen bisher von über 24.000 Toten aus. Die tatsächliche Zahl könnte jedoch weit darüber liegen, weil die Chancen, noch Vermisste zu bergen, stetig sinken. "Wir haben keine bestätigten Daten, aber ich denke zwischen 21.000 und 25.000 Menschen" könnten allein in Indonesien getötet worden sein, wurde der Vizepräsident des Landes, Yusuf Kalla, am Dienstag in Medienberichten zitiert. Bisher war Indonesien von etwa 5000 Toten ausgegangen.

Allein auf den indischen Inseln Andaman und Nicobar in der Bucht von Bengalen wurden 3000 Todesopfer beklagt. Dort sollen noch 30.000 Menschen vermisst werden. In einem Hotel der französischen Accor-Gruppe in Thailand gibt es seit Sonntag keinen Kontakt zu hunderten von Menschen, darunter vermutlich viele Deutsche. Bisher ist der Tod von mindestens vier deutschen Touristen auf Sri Lanka von Reiseunternehmen bestätigt.

Die thailändische Regierung rechnet nach der verheerenden Flutwelle nun mit mehr als 2000 Toten. Mehr als 1000 Menschen würden noch vermisst, sagte Premierminister Thaksin Shinawatra nach einem Besuch in der Katastrophenregion. Sri Lanka, wo nach Regierungsangaben mehr als 11.000 und nach Medienberichten sogar mehr als 13.000 Menschen starben, bereitet sich auf Massenbegräbnisse vor. Die meisten der Leichen seien weiterhin nicht identifiziert, teilten die Behörden mit. Sie lägen in Leichenhallen, auf Krankenhausfluren und unter freiem Himmel und müssten bald beerdigt werden.

Ein Drittel der Toten sind Kinder

Am schlimmsten betroffen sind arme Fischerdörfer an den Küsten Südindiens und Sri Lankas. Mindestens ein Drittel der Toten sind Kinder. Nach Angaben des indischen Fernsehens stieg die Zahl der Toten in Indien auf 6900. Nach den Worten von UN-Untergeneralsekretär für humanitäre Hilfe, Jan Egeland, sind Millionen von Menschen von Krankheiten infolge der Schäden und Verwüstungen bedroht. Das Trinkwasser sei für Millionen ungenießbar.

Auch Egeland befürchtete, dass die Zahl der Todesopfer noch erheblich steigen wird. "Wir müssen davon ausgehen, dass viele der tausenden Vermissten tot sind". Unterdessen bereiteten sich die Vereinten Nationen auf einen beispiellosen multinationalen Hilfseinsatz vor, die viele Milliarden Dollar kosten könnte. Die UN forderte daher alle Staaten, die zur Hilfe in der Lage sind, großzügig finanzielle Mittel und Hilfsgüter bereitzustellen.

Hunderte deutschsprachige Tote

Hunderte deutschsprachige Tote entdeckt

Völlig unklar ist bisher auch das Schicksal vieler ausländischer Touristen, die zu hunderten in Hotelanlagen untergebracht waren, die nicht mehr zu erreichen sind. Bisher ist lediglich der Tod von vier deutschen Urlaubern in Sri Lanka durch Reiseveranstalter bestätigt.

Möglicherweise sind aber allein im bislang unzugänglichen thailändischen Urlaubsgebiet Khao Lak hunderte Touristen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ums Leben gekommen. Wie der Nachrichtensender N24 am Dienstag berichtete, sei ein Hotel mit überwiegend deutschsprachigen Touristen vollständig zerstört worden. Der Hotel-Chef habe dem Sender bestätigt, dass 80 Prozent seiner etwa 500 Gäste aus Deutschland, Österreich und der Schweiz stammen. 200 bis 300 Gäste seien bereits tot geborgen, der Rest werde noch vermisst. Nach Senderangaben sei die Stadt nahezu vollständig zerstört - auf den Straßen lägen überall Leichen.

Bei Leichenbergungen in diesem Gebiet nördlich der thailändischen Insel Phuket haben Soldaten am Dienstag insgesamt mehr als 700 tote ausländische Touristen gefunden, wie der stellvertretende Innenminister Sutham Saengprathum mitteilte. Genaue Zahlen waren zunächst nicht bekannt. Betroffen ist ein 30 Kilometer langer Strandabschnitt zwischen Takua Pa und Khao Lak mit Hotelanlagen wie Le Meridien, Novotel, Khao Lak Laguna, Sofitel Magic Lagoon Resort und Similan Beach and Spa Resort.

Tui erwartet Schadensbericht am Donnerstag

Bei der Tui wird die Lage dort als sehr unübersichtlich beschrieben. Dem Hannoveraner Konzern fehlten immer noch Informationen über 80 Gäste von Tui Deutschland. Diese würden gemeinsam mit der Polizei gesucht. 17 Reisende seien indes aufgefunden worden. Bei Thomas Cook fehlt nach den Worten eines Sprechers auf der Ferieninsel Phuket noch jeglicher Kontakt zu mindestens 200 Gästen.

Auf den Malediven hätten indes immer mehr Gäste Kontakt zu ihren Bekannten nach Deutschland, von denen sie über die Katastrophe informiert worden seien. Am Donnerstag rechnet Tui mit einem Bericht über den Schäden auf den einzelnen Inseln. Dann werde über das weitere Vorgehen entschieden, sagte ein Tui-Sprecher.

Es bleibe außerdem dabei, dass bis zum Jahresende keine neuen Gäste in die vom Beben betroffenen Länder geflogen werden, sagte der Sprecher. Flüge nach Phuket und Sri Lanka werde es bis zum 16. Januar 2005 nicht geben. Wie viele Urlauber ihre Reisen storniert oder umgebucht hätten, sei derzeit noch nicht ermittelbar.

Das Auswärtige Amt, das einen Krisenstab eingerichtet hat (Hotline: 030 5000 1000), machte noch keine offiziellen Angaben über Tote und Verletzte aus Deutschland. Mindestens 6400 deutsche Urlauber hielten sich in der Region auf. Am Montagabend kehrten die ersten Überlebenden nach Deutschland zurück. In Düsseldorf, München und Frankfurt am Main trafen Maschinen aus der Krisenregion ein. Die Passagiere wurden von Sanitätern und Notfallseelsorgern sowie Angehörigen und Freunden in Empfang genommen. Viele Fluggäste wurden mit Decken versorgt, da sie ihr Gepäck verloren hatten. Zum Teil wurden die Fluggäste von der Öffentlichkeit abgeschirmt.

Zu arm, um versichert zu sein

Zu arm, um versichert zu sein

Die wirtschaftlichen Folgen der Naturkatastrophe für Reisekonzerne und Versicherungen sind auch am Dienstagmorgen nicht einzuschätzen. Unternehmen wie der weltgrößte Rückversicherer Münchner Rück hoffen im Tagesverlauf zumindest genügend Daten für erste grobe Schätzungen sammeln zu können. Die Münchner Rück hat für den 29. Dezember einen Jahresrückblick geplant. Bei dieser Gelegenheit werde der weltgrößte Rückversicherer möglicherweise auch auf das Beben in Asien eingehen.

Die Rückversicherer verwiesen aber darauf, dass die versicherten Schäden geringer sein dürften als bei den Hurricane-Katastrophen in den USA, weil die Bebauung in den jetzt betroffenen Regionen weniger dicht und leichter sei. Auch träfen die Zerstörungen überwiegend besonders arme Menschen, die in der Regel nicht versichert seien.

Tui hat in einer ersten Schätzung einen "kleinen" einstelligen Millionen-Euro-Betrag als auf den Konzern entfallende Zusatzkosten für zusätzliche Rückflüge, Erstattungen an Kunden und ähnliches genannt.

Die Welle erreicht Neuseeland

Meteorologen warnten unterdessen vor Nachbeben und weiteren Flutwellen. Bis Montagabend hat das indische meteorologische Institut 31 schwerere Nachbeben registriert. Sie haben aber anscheinend keine katastrophalen Tsunami-Wellen ausgelöst. Derweil erreichten die Tsunami vom Sonntag auch das mehr als 8000 Kilometer entfernte Neuseeland. Auch an den Westküsten Australiens registrierten Meteorologen einen erhöhten Wellengang.

Am schwersten betroffen von der Naturkatastrophe sind Indien, Indonesien, Sri Lanka und Thailand. Aber schwere Schäden wurden auch aus den Ländern Malaysia, Bangladesch, Myanmar und auf den Malediven gemeldet. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat indes den von der Flutwellen-Katastrophe betroffenen Ländern in Südasien bereits umfassende Hilfe zugesagt. "Ich beabsichtige, jeden nur möglichen Beistand des IWF bereit zu stellen, um Südasien zu helfen, mit den Folgen des Erdbebens und der Flut fertig zu werden, sagte IWF-Chef Rodrigo Rato in seiner auf der IWF-Seite im Internet am Montag veröffentlichten Erklärung.

"Jede Nation in Südasien wird ihre besonderen Bedürfnisse haben. Der IWF steht bereit, seinen Teil an geeignetem Beistand für diese Nationen zu leisten, in dieser Zeit der Not." Rato sagte weiter, der für den Bereich Asien und Pazifik zuständige Beauftragte des IWF sei zusammen mit den jeweiligen örtlichen Vertretern angewiesen worden, unverzüglich Kontakt mit den Regierungen der betroffenen Länder aufzunehmen.

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